Bio-Bauer Schweisfurth Foto: Schweisfurth

Er brachte den Deutschen Wurst zu billigen Preisen, aber legte auch den Grundstein für industrielle Schlachtung und Riesenställe. Heute ist Karl L. Schweisfurth überzeugter Bio-Bauer.

Stuttgart. Er brachte den Deutschen Wurst zu billigen Preisen, aber legte auch den Grundstein für industrielle Schlachtung und Riesenställe. Heute ist Karl L. Schweisfurth überzeugter Bio-Bauer. Ein Interview. 
 
Herr Schweisfurth, was macht für sie ein gutes Schnitzel aus?
Qualität kann man schmecken. Ein gutes Stück Fleisch muss saftig sein und zart. Und es muss ein gutes, eigenständiges Aroma haben. Dazu kommt aber noch die Frage, wie das Tier, das in der Pfanne landet, gelebt hat. Was es gefressen hat und wie es vom Leben in den Tod gebracht wurde. Das ist sozusagen die ethische Seite.
Kann man die auch schmecken?
Ich meine schon. Wenn ein Tier gut gelebt hat, viel an der frischen Luft war, viel Bewegung hatte und gut ernährt und geschlachtet wurde, dann sind das Faktoren, die auf das Produkt großen Einfluss haben.
Die Discounter haben vor wenigen Tagen einen neuerlichen Preiskampf bei Lebensmitteln vom Zaun gebrochen. Fleisch gibt es bald noch einmal deutlich billiger als bisher. Ist das jetzt gut oder schlecht für die Verbraucher?
Das ist schlecht für den Verbraucher. Das was wir jetzt wegen der Billigstpreise sparen, zahlen wir alles irgendwann zurück.
Was meinen Sie genau damit?
Die Art und Weise, wie wir heute Tiere halten, kann auf Dauer nicht gutgehen. Wir quälen die Tiere. Die Schweine werden auf engstem Raum auf Spaltenböden gehalten, die Hühner in engen Käfigen, die Masthähnchen ebenso. Den Schweinen werden die Schwänze abgeschnitten, dem Geflügel die Schnäbel. Um alles zu überstehen, werden die Tiere mit genveränderter Intensivnahrung gemästet und mit Antibiotika behandelt. Hinter dem Ganzen steht eine hoch intensivierte Zucht, die mit natürlicher Vermehrung nichts mehr zu tun hat. Das ­Resultat sind dann Schweine, die in fünf Monaten so viel Fleisch angesetzt haben, dass sie schlachtreif sind. Oder Hähnchen, die nach 33 Tagen geschlachtet werden. Hühner legen mittlerweile 300 Eier pro Jahr und sind danach körperliche Wracks. Was machen wir da eigentlich?, frage ich mich bei alldem.
Wer oder was ist verantwortlich für diese ­Zustände?
Der geizige Verbraucher, der möglichst wenig für seine Nahrungsmittel ausgibt, wird immer als der Schuldige dargestellt. Dem stimme ich nicht zu. Es ist das System, das total falsch ist. Es basiert auf Druck. Die großen Handelsketten kämpfen um jeden Kunden, und sie tun dies ausschließlich über den Preis. Über Qualität wird doch schon lange nicht mehr geredet. Der Druck wird vom Handel auf die Schlachthöfe weitergegeben. Dort stehen mittlerweile nur noch Schlachtautomaten und ein paar Billiglöhner aus Osteuropa. Ganz hinten in der Kette sind die Bauern. Um wirtschaftlich zu überleben, beugen auch sie sich. Ich kann in dieser Ordnung keinen alleinigen Schuldigen erkennen. Es ist einfach ein pervertiertes System, in dem um jeden Cent gekämpft wird.
Wie kann man dieses System aufbrechen?
Es gibt nur einen Weg. Jeder Teilnehmer muss Verantwortung übernehmen und sein Verhalten ändern. Das geht nur zusammen. Im Moment laufen aber alle in eine Richtung, wohl wissend, dass es die Falsche ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass das in den nächsten zehn Jahren zu einem Crash führen wird.
Mit ihrem Unternehmen Herta haben sie selbst dieses System über Jahrzehnte hinweg perfektioniert, ihm dann aber abgeschworen. Wie kam es dazu?
Nach dem Krieg war ich fasziniert von den technischen Möglichkeiten, die sich in der Fleischverarbeitung geboten haben. In den 1950er Jahren hatte ich die Möglichkeit zu studieren, wie in den Schlachthöfen von Chicago mit Fließbändern und Maschinen hoch effizient Fleisch erzeugt wurde. Als ich dann zurück nach Deutschland kam, sagte ich zu meinem Vater: „Das müssen wir auch so machen.“ Ich war damals begeistert von den Möglichkeiten, die die Technik bot. Ich habe danach begonnen, unsere handwerkliche Fleischproduktion voll zu industrialisieren. Das hatte Erfolg. Unser Unternehmen wuchs. In den 1980er Jahren hatte die industrielle Viehhaltung aber Ausmaße angenommen, die mich zum Zweifeln brachten.
Darum haben Sie Herta-Wurst Mitte der ­1980er Jahre verkauft?
Es wurde einfach immer klarer, dass sich im Fleischsektor eine Industrie herausgebildet hatte, die auf das Tierwohl pfiff. Außerdem wollten meine Kinder mit der industriellen Verarbeitung von Tieren nichts zu tun ­haben. Ich habe dann Nestlé den Zuschlag gegeben.
Heute sind Sie Bio-Erzeuger. Erfüllt Sie das?
Im Mittelpunkt meines Wirtschaftens stehen immer noch die Tiere, aber ich bringe sie achtsam vom Leben in den Tod, ohne Stress und Schmerzen. Nach guter handwerklicher Art eben. Anders als früher verwerten wir das ganze Tier und erzeugen Fleisch, Schinken und Würste daraus. Die so entstehenden Lebensmittel sind aber deutlich teurer. Die eigentliche Aufgabe ist es nun, den Kunden klarzumachen, dass sie kein normales Schnitzel mehr kaufen, sondern eines, das nach ethischen und nachhaltigen Kriterien erzeugt wurde. Dazu ist der direkte Draht zu den Konsumenten extrem wichtig. Auf meinem Hofgut in Bayern verkaufen wir die Waren daher direkt und regional.
Gibt es so etwas wie einen gerechten Preis für ein Kilo Fleisch, ein Ei oder eine Rübe?
Wenn Sie es konsequent gut machen, ist der Preis wahrscheinlich dreimal so hoch wie der eines Discountprodukts. Das ist natürlich viel, und ich weiß auch, dass es Menschen gibt, die sparen müssen. Ich sage dann aber immer: „Esst halb so viel und dreimal so gut.“ Unser Fleischkonsum ist sowieso viel zu hoch in Deutschland.
Was sagen Sie zu einem anderen bekannten Wurstfabrikanten, Uli Hoeneß, der gerade mit einem Steuerprozess von sich reden macht?
Ich kenne Herrn Hoeneß nicht persönlich. Was den Umgang mit Fleisch betrifft, haben wir auch so diametral unterschiedliche Meinungen, dass ein Gespräch mit ihm gar keinen Sinn machen würde. Er ist fest davon überzeugt, dass in der deutschen Fleischbranche alles voll und ganz in Ordnung ist.
Das Billigprinzip?
Ja, das heute übliche System, das den Regeln von Effizienz und Hygiene genügt, aber sonst nichts. Was dabei rauskommt, kann man alles gut essen. Davon werden Sie nicht sterben. Aber um die Tiere darf man sich dann keine Gedanken machen.
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