Bleibt die Inzidenz im Kreis Böblingen unter 50, fallen im Einzelhandel Testpflicht und Terminvereinbarung weg. Das wird voraussichtlich ab Montag bereits der Fall sein. Die Händler freuen sich darauf, aber es gibt auch Unsicherheiten und Irritationen.
Kreis Böblingen - Als hätte es nie eine Pandemie gegeben: In den Bars und Restaurants in der Böblinger Bahnhofstraße sind die Tische belegt, daneben kleine Gruppen von Menschen mit einem Imbiss oder einem Getränk in der Hand. Man sieht, man hört, man fühlt, wie sehr sich die Böblinger über ein Stück normales Leben freuen, und über die weiteren Lockdown-Erleichterungen, die sie vor Augen haben.
Die Stimmung in der Bahnhofstraße war am Freitag prächtig, seit knapp zwei Wochen gibt es Lockerungen im Kreis Böblingen, die Gastronomie hat wieder geöffnet. Auch im Einzelhandel war zuletzt mehr los, doch blieb das Einkaufsvergnügen noch stark eingeschränkt. „Click & Meet“ mit Terminvereinbarung, Testpflicht und manch andere Hürden machten das Shoppen noch unbequem. Doch jetzt steht eine weitere Öffnung an. Bleibt die Sieben-Tage-Inzidenz im Kreis Böblingen unter 50, fallen voraussichtlich ab Montag bereits Test- und Terminpflicht weg. Zwar bleibt noch die Zahl der Kunden auf die Verkaufsfläche beschränkt, aber dennoch könnte sich das bereits wie ganz normales Einkaufen anfühlen.
Andreas Rörig, stellvertretender Centermanager des Böblinger Einkaufszentrums Mercaden, zeigt sich angesichts der bevorstehenden Öffnungen vorsichtig optimistisch, allerdings sei vieles auch noch unklar: „Wir können momentan noch nicht viel Konkretes sagen.“ Sobald das „Go“ käme, würden die Shops der Mercaden die Neuerungen im Wesentlichen umsetzen. Die Händler bereiten sich schon vor, erzählt Rörig: „Sie stehen in den Startlöchern.“
Blick auf die Hulb: Friedhelm Kröhnke ist der Seniorchef von Expert Kröhnke, dem Elektro-Geschäft in der Hans-Klemm-Straße. Zuletzt musste er hinter jedem Kunden die Ladentür wieder absperren. Er verrät, es sei schon ein komisches Gefühl, wenn das Schloss künftig offen bleibe. Seine Tochter Daniela sieht es als Rückkehr zu einem normalen Leben an. Sie überlegt sich zur Zeit, mit einem Aufsteller und anderen Werbemitteln die Öffnung publik zu machen. Die neue Öffnung bedeutet zwar wieder eine Umgewöhnung, eine Umgewöhnung aber, die ihr gefällt: „Wir können endlich wieder ganz normal die Kunden empfangen.“ Neben den finanziellen und personellen Auswirkungen des Lockdowns schmerzt Friedhelm Kröhnke, dass der Betrieb das 60. Firmenjubiläum nicht feiern konnte. Er will versuchen, das Fest mit Blick auf das Weihnachtsgeschäft im Herbst nachzuholen.
Die Mannschaft des Familienunternehmens Leder Maurer, der in der Sindelfinger Straße in Böblingen Lederwaren aller Art verkauft, befindet sich noch in Kurzarbeit. Auch hier sind die Öffnungen in der nächsten Woche „kein Kaltstart“, sagt der Firmeninhaber Ralf Maurer, man konnte ja schon bisher als Geimpfter oder Getesteter mit Termin einkaufen. Aber auch sein Geschäft hat empfindliche Einbußen hinnehmen müssen, vor allem bei Modeware wie Handtaschen. „Da können Sie innerhalb von sechs Wochen zusehen, wie es optisch altert“, sagt der Händler, und gerade diese Saisonware, die hat er abschreiben müssen. Seinen Optimismus hat Ralf Maurer dennoch nicht verloren, auch wenn er jetzt seine Ware viel vorsichtiger einkauft.
„Endlich wieder ganz normal die Kunden empfangen“
Haben sich viele Kunden durch die Lockdowns womöglich komplett ans Online-Shopping gewöhnt? In der Böblinger Boutique „Klückskind“ am Stadtgraben ist man deshalb davon überzeugt, dass die Kunden „wahrscheinlich mehr Anlaufzeit“ benötigen werden als die Händler selbst. Zumal die ständigen Regeländerungen vor allem eins erzeugen: Verwirrung. In der Boutique klingele ständig das Telefon, erzählt ein Mitarbeiter am Freitagnachmittag. Die zahlreichen Anrufe würden der Belegschaft vor allem eins zeigen: Die Kunden sind durch „die vielen Regeln“ verunsichert.
Das zeigt sich aber auch bei der Industrie- und Handelskammer in Böblingen (IHK). „Wir haben 50 Seiten Verordnungen vom Land, wer soll sich da durchfinden?“, seufzt der Bereichsleiter Handel, Martin Eisenmann. Er macht ein griffiges Beispiel, wie die Öffnungen für alle Einzelhändler ab Montag aussehen können: „Wie im Supermarkt. Sie müssen eine Maske tragen, es darf nicht mehr als ein Kunde pro zehn Quadratmeter im Geschäft sein, es entfällt die Testpflicht, es entfällt die Terminvergabe.“ Daneben gilt aber noch, dass die Händler keine „verkaufsfördernde Aktionen“ machen dürfen, also keine großen Aktionen, wo sich die Schaulustigen drängen. Natürlich hätte das viele Händler gereizt, die ihre Saisonware möglichst abverkaufen wollen – ist aber noch nicht erlaubt.
Eisenmann macht keinen Hehl daraus, dass er mit den Corona-Verordnungen hadert. „Der Innenstadthandel ist kein Inzidenz-Treiber“, stellt er fest. „Ein Wühltisch bei einem Discounter treibt doch mehr die Inzidenz an als ein kleines Wollgeschäft, in das maximal drei Kunden gehen.“ Für ihn ist es auch nicht einzusehen, dass ein kleines Blumengeschäft geschlossen haben muss, während die Discounter massenweise Schnittblumen verkaufen. Eisenmann weiß von Gesprächen in der Händler-Hotline, dass die Verzweiflung bei manchen Geschäftsleuten so groß ist, dass sie sie kaum mehr in Worte fassen können. Er hofft, dass die neuen Öffnungen für diese Geschäftsleute noch rechtzeitig kommen.