Das Deutschland-Ticket lohnt sich für Gelegenheitsfahrer nicht – im Durcheinander von Automaten, Apps und Tarifzonen wird man schnell zum Schwarzfahrer.
Einen Mietwagen in der 40 Kilometer entfernten Stadt abgeben und dann etwas umständlich, aber umweltschonend zurück mit der Bahn – so war der Plan. Das Ergebnis: viel Stress mit der Ticketbuchung, unerfreuliche Behandlung als angebliche Schwarzfahrer im Zug und eine völlig überzogene „Fahrpreisnacherhebung“ von 127 Euro. Wer so etwas als Gelegenheitsfahrer erlebt, wird vermutlich bei der nächsten Reise lieber wieder ins Auto steigen – und die öffentlichen Verkehrsmittel links liegen lassen.
Dabei könnte es so einfach sein. Mit dem DB Navigator der Deutschen Bahn AG gibt es eine praktische App fürs Smartphone, mit der digitale Einzeltickets blitzschnell und günstig gebucht werden können. Ausgerechnet in der gut organisierten Studentenstadt Tübingen jedoch fehlt dieses Angebot. Wer eine Fahrkarte für die halbstündige Fahrt ins benachbarte Herrenberg kaufen will, findet auch unter bahn.de nur abschreckend teure Tagestickets des Metropol- oder BW-Tarifs ab 32 Euro. Ein schlichtes Einzelticket ist nicht buchbar und wird auch überhaupt nicht ausgewiesen.
Kontrolleur zeigt sich nicht kulant
An den unterschiedlichen Automaten am Bahnhof ist die Auswahl ebenfalls verwirrend. Einige Geräte funktionieren nicht richtig, nach zahlreichen Versuchen gelingt es schließlich, kurz vor Abfahrt mit Kreditkarte zwei Tickets für je knapp zehn Euro zu buchen. „Die gelten nur zur Weiterfahrt für Besitzer mit Zeitkarten“, erklärt der strenge DB-Kontrolleur im Zug kurz darauf und berechnet je 3,50 Euro als zusätzliche Fahrtkosten – sowie eine völlig überzogene Strafzahlung von je 60 Euro.
Daran ändern auch freundliche, aber bestimmte Hinweise einer Mitfahrerin nichts, die im DB-Kundenbeirat als DB-Beirat tätig war. Die ältere Dame versucht dem Zugbegleiter ebenfalls zu verdeutlichen, dass angesichts des bekannten örtlichen Tarifwirrwarrs und weitreichender Differenzen zwischen der DB und dem Verkehrsverbund Naldo nicht die Kunden die Leidtragenden sein dürfen. Kulant zeigt sich der Kontrolleur dennoch nicht und meint lapidar, diese Defizite seien doch bekannt.
Zumindest Experten wie Matthias Gastel kennen die Probleme bestens. „Der Naldo ist in Sachen Fahrgastfreundlichkeit leider längst das Schlusslicht in Baden-Württemberg“, kritisiert der Verkehrsexperte der Grünen im Bundestag. Der Verkehrsverbund für die Region Neckar-Alb-Donau mit Sitz in Hechingen sei leider der letzte im Südwesten, der nicht mit dem Vertriebssystem der Deutschen Bahn kooperiere. Als Folge ist im Zollernalbkreis und den Landkreisen Tübingen, Reutlingen und Sigmaringen der Kauf von ÖPNV-Tickets über den weit verbreiteten DB Navigator nicht möglich.
„Damit werden Reisen mit Bus und Bahn für diejenigen erheblich erschwert, die kein Deutschlandticket haben und von außerhalb der Tarifgebiete kommen“, sagt Gastel, der mit Kollegen aus seiner Fraktion und dem Landtag eine bessere Lösung verlangt. Nach mehreren Protestschreiben hat zumindest der Verkehrsverbund Hegau-Bodensee mit Sitz in Radolfzell zugesagt, seinen Verbundtarif im DB Navigator zu integrieren. Der Naldo dagegen will den Vertrieb über die DB weiterhin nicht nutzen und eigene Wege gehen.
Geschäftsführerin Anne Lohmüller begründet die Ablehnung mit den hohen Umsatzprovisionen von bis zu sieben Prozent, die der DB-Konzern für den Verkauf der Verbundtickets kassiere: „Das ist eine Größenordnung, die wir gerade angesichts der rasant ansteigenden Kosten für Energie, Inflation und Personal ungern unseren Verkehrsunternehmen entziehen möchten.“ Der Ticketverkauf sei auf die eigene Naldo-App, die Automaten und den Onlineshop ausgerichtet. Besonders die App sei ein „sehr wichtiges Kundenbindungsinstrument“ und werde 2026 komplett überarbeitet.
Bei mehr als 100 Verkehrsverbünden in Deutschland und allein 19 Verbünden im Südwesten erzeugen solche Einzellösungen jedoch eher ein noch größeres Wirrwarr insbesondere für Kunden, die in mehreren Regionen mit Bus und Bahn unterwegs sein wollen. Wenn dafür jedes Mal zeitaufwendig eine andere App installiert werden muss, inklusive Anmeldung, Datenfreigaben und Zurechtfinden, wird das kaum neue Kunden locken. „Wer mehr Fahrgäste gewinnen will, braucht gute, verlässliche Angebote“, betont Gastel. Nötig sei der einfache Zugang zu Tickets „möglichst über eine App für alle Regionen“.
DB-Konzern bestimmt Konditionen
Mit dem DB Navigator, der seit dem Start 2009 mehr als 80 Millionen Downloads verzeichnet, gibt es diese App. Allerdings bestimmt der bundeseigene DB-Konzern, wer zu welchen Konditionen mitmachen darf. Aktuell verärgert das verlustreiche Staatsunternehmen, bei dem ein Spar- und Sanierungsprogramm läuft, die angeschlossenen Verkehrsverbünde mit deutlich erhöhten Provisionsforderungen. Bisher konnte sich die Politik nicht zu einer stärkeren Regulierung der marktbeherrschenden Vertriebsplattform durchringen.
Auch in Baden-Württemberg arbeitet man deshalb an Alternativen. Verkehrsminister Winfried Hermann hat mit dem BW-Tarif bereits vor Jahren ein landesweites günstiges Angebot für den Regionalverkehr verwirklicht. Mit CiCo-BW gibt es zudem bereits ein landesweites digitales Angebot für die Fahrt mit Bussen und Bahnen, das die Schweizer Firma Fairtiq entwickelt hat und stufenweise ausgebaut werden soll. Auch bei Naldo begrüßt man solche von der DB unabhängigen Lösungen.
Das Deutschlandticket und CiCo-BW seien „die besten Ansätze“, sagt Geschäftsführerin Lohmüller. Der Verbund beklagt allerdings, dass das Deutschlandticket nicht dauerhaft garantiert sei, zudem die Aufteilung der Einnahmen zu lange dauere und die Liquidität der Verkehrsunternehmen belaste. Erst wenn das Ticket solide von Bund und Ländern finanziert sei, könnten Verbünde eigene Tarifangebote zurückfahren. Zumindest in den Naldo-Regionen sind also vorerst keine besseren Lösungen in Sicht – und gelegentliche ÖPNV-Nutzer laufen weiter Gefahr, ungewollt zum Schwarzfahrer zu werden.