49 Tarifzonen: Die Struktur des VVS-Gebiets ist unübersichtlich und könnte reformiert werden Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Wer durch das Gebiet des Verkehrsverbunds Stuttgart (VVS) fährt, kann dabei 49 Tarifzonen durchqueren. Die Struktur ist unübersichtlich und könnte reformiert werden. Der Verbund arbeitet an einem Vorschlag und ermittelt die Kosten. Dabei würde es nicht nur Gewinner geben.

Stuttgart - Die letzte große Strukturreform im Verkehrsverbund Stuttgart liegt 14 Jahre zurück. 2001 fasste der Verbund vier Stuttgarter Zonen in einem Kreisring zu einer zusammen. Seitdem gilt die Innenstadtzone 10 und eine für die Stadtteile außerhalb des Kesselrandes (Zone 20). Wer öffentlich fährt, zahlt von 2016 an für eine Zone 2,40, für die Grenzüberschreitung 2,80 Euro. Der Zwei-Zonen-Preis gilt natürlich nicht nur in Stuttgart.

„Wenn man das System neu erfinden würde, dann würde es für ganz Stuttgart nur eine Zone geben“, sagt VVS-Geschäftsführer Horst Stammler mit entwaffnender Offenheit. Allerdings habe man eben ein bestehendes, „historisch gewachsenes System“. Veränderungen seien nicht einfach und, das zeige eine Untersuchung aus 2009, auch nicht billig.

Bei Umfragen die Probleme erkannt

Bei Umfragen werde das System grundsätzlich als „nicht einfach empfunden“, sagt Jürgen Wurmthaler, Verkehrsdirektor beim Verband Region Stuttgart. Auch das Preis-Leistungs-Verhältnis stehe bei Umfragen regelmäßig in der Kritik. Die Region treibe um, dass Fahrten weit außerhalb von Stuttgart trotz eines im Vergleich deutlich schlechteren Takts gleich viel kosteten. „Das wird als nicht in Ordnung empfunden“, sagt Wurmthaler, alle Bürger in der Region müssten „einigermaßen gleich behandelt werden“. Je zwei Segmente in den Kreisringen der Tarifkarte könnten aus Sicht des Experten zusammengelegt werden. Oder man verschmelze je zwei Ringe zu einem. „Man kann nicht ewig sagen, dass eine Reform nicht möglich ist, und man darf nicht nur die Kosten, man muss auch den Nutzen sehen“, wirbt Wurmthaler für den großen Wurf, den man allerdings nicht einfach aus dem Ärmel schütteln werde.

Die Sozialdemokraten im Regionalverband wenden das Thema schon lange. Im Bürgerhaushalt der Landeshauptstadt ist die Einheitszone für die Kapitale ein Dauerbrenner. „Eine Reform wird es nur geben, wenn man sie für alle macht“, sagt SPD- ­Regionalrat Thomas Leipnitz. Wenn Stuttgart die Ein-Zonen-Lösung wolle, müsse die Stadt außerdem Mindereinnahmen ausgleichen.

Ticket-Preis würde wohl auf 2,60 Euro steigen müssen

Der Einnahmeverlust wäre happig. 2009 rechnete der VVS vor, dass zwölf Millionen Euro fehlen würden, wenn Stuttgart zu nur einer Zone würde. Ob die Zahl noch gilt, will der Tarifausschuss bald feststellen. Betrachtet man nur die 17,8 Millionen jährlich verkauften Einzeltickets für ein und zwei Zonen (Erwachsene), müsste der Preis für eine Großzone zum vollen Verlustausgleich auf 2,60 Euro steigen. Dieser Preis für die Einheitszone Stuttgart würde die Fahrt aber für 60 Prozent der Nutzer im gesamten Verbundgebiet verteuern, denn sie befahren nur eine Zone. Das wurde 2009 festgestellt. „Vermutlich hat sich seit 2009 nicht so viel verschoben“ sagt Stammler.

Nach oben gegangen ist die Zahl der Fahrgäste und damit die Kostendeckung durch den ­Ticketverkauf. Sie stieg von 57 auf 59 Prozent. Bei den jährlichen Teuerungsrunden gab es keine höheren öffentlichen Zuschüsse. Angesichts der zwölf Millionen Euro und einer hoch defizitären Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) kann sich VVS-Aufsichtsrat Jürgen Sauer „beim besten Willen nicht vorstellen, dass wir dieses Fass aufmachen“. Taktverdichtungen und andere Verbesserungen des Angebots seien vordringlicher, wenn es um zusätzliches öffentliches Geld gehe. „Ich wehre mich nicht gegen die Untersuchung, aber wir haben ­genug Belastungen“, so der CDU-Stadtrat.

Den Verlust kann man nicht einfach auf Kunden umlegen

„Bei dem Thema sind wir schnell bei der Quadratur des Kreises, Bahnfahren darf nicht zu teuer werden“, warnt SPD-Stadtrat Martin Körner, der auch SSB-Aufsichtsrat ist. Die Komplexität des Ticketkaufs sei ­allerdings ein Dauerthema der Kundschaft.

Für den Wegfall der Segmente in den fünf Kreisringen um Stuttgart war 2009 ein ­Finanzbedarf von fünf Millionen Euro ermittelt worden. „Der politische Wille, vor ­allem die Ringe außerhalb Stuttgarts größer zu machen, ist groß, unsere Stuttgarter Großzone stellt einen Sonderwunsch dar, aber schließlich fahren hier ja nicht nur Stuttgarter“, sagt VVS-Aufsichtsrat Jochen Stopper. Der Grünen-Stadtrat ist dagegen, „dass man den Ausgleich eines Verlustes, der aus der Vereinfachung entstehen würde, allein auf die Kunden umlegt“. Auch das Land müsse seine Zuschüsse endlich erhöhen. „Es ist jedenfalls an der Zeit, das Angebot so zu verbessern“, sagt Stopper.

Jürgen Wurmthaler verweist auf erfolgreiche Strukturänderungen im VVS-Tarif, die dem Verbund deutlich mehr Fahrgäste beschert haben, zum Beispiel bei der Verbesserung des Seniorentickets oder dem monatlich zahlbaren Jahresticket. Es sei möglich, dass eine radikale Vereinfachung der Zonen und mehr Übersichtlichkeit mehr Menschen in Busse und Bahnen bringen.

Weniger Zonen im VVS: Wird der Nahverkehr dadurch einfacher?

Pro: Kerstin Ruchay

Kerstin Ruchay (47) ist Redakteurin im Wirtschaftsressort

Berlin ist viereinhalbmal so groß wie Stuttgart. Trotzdem kommt die Metropole samt Umland mit drei Tarifzonen aus. Stuttgart kennt diese Bescheidenheit nicht und bringt es auf satte 49 Zonen – eindeutig zu viele! Das schafft nur Verwirrung, vor allem bei Pendlern mit Jahresticket, die dies nicht nur für den Weg zur Arbeit nutzen wollen. Wer auch in der Freizeit auf Bus und Bahn setzt, muss mühsam das VVS-Streckennetz durchforsten – und sich ausrechnen, wie viele Zonen er zusätzlich zahlen muss, wenn er mal woanders hinfahren will. Service am Kunden sieht anders aus. Selbst Kontrolleuren muss der Fahrgast mitunter erklären, dass er beim 9-Uhr-Umweltticket nur den Kinderpreis zahlen muss, wenn er ein paar Zonen weiter fahren will.

Was obendrein fehlt, ist ein Zeitticket, mit dem Fahrgäste zwei, drei Stunden kreuz und quer durch die Landeshauptstadt fahren können. Das wäre nicht nur für Touristen interessant, sondern auch für staugeplagte Stuttgarter, die sich für den Einkauf nicht immer mit dem Auto durch die Straßen quälen wollen. Also, lieber Verkehrsverbund Stuttgart: Entrümple endlich den Zonenplan!

Contra: Michael Weier

Michael Weier (51) ist stellvertretender Ressortleiter im Lokalressort

Ja, die Zonen-Einteilung für Stuttgart sieht auf den ersten Blick nicht ganz einfach aus. Aber hier zählt wie so oft im Leben: Wer lesen kann, ist im Vorteil. In der Regel geht der sich fortbewegende Kunde nämlich an den Kartenautomat, schaut nach seinem Fahrziel, gibt eine Nummer ein und bekommt den Fahrpreis angezeigt. Menschen mit einer Jahreskarte, die mal woanders hinwollen, müssen überlegen, was sie zuzahlen müssen. Aber ist das wirklich zu viel verlangt?

Es ist einfach nur ärgerlich, wie die Schwaben an ihrem öffentlichen Nahverkehr rumnörgeln. Einfacher soll das System sein, die Züge öfter fahren, und natürlich sind die (klimatisierten) Bahnen immer zu voll. Und vor allem: Im Vergleich mit anderen Großstädten ist Stuttgart viel zu teuer. Wer nun Geld ausgibt für eine banale Änderung der Zonen-Einteilung, der schreit auch nach der eierlegenden Wollmilchsau.

Die jetzige Einteilung bietet eine größtmögliche Gerechtigkeit, wer kürzer fährt, der bezahlt weniger. Eine Umstellung würde wieder nur eine Menge Geld kosten. Und dieses sollte eher in den Ausbau der Strecke gesteckt oder für einen dichteren Takt investiert werden.

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