Andreas Schaal warnt vor einem Wohlstandsverlust. Foto: OECD/Victor Tonelli

Der OECD-Direktor Andreas Schaal war einst Schüler am Nellinger Heinrich-Heine-Gymnasium. Jetzt sprach er dort über internationale Handelspolitik. Warum Wohlstand aus seiner Sicht keine Selbstverständlichkeit ist.

Einfacher wird es wohl nicht. Damit Deutschland und Europa im globalen Wettbewerb bestehen, werden sich die heute jungen Menschen als Erwachsene ganz schön anstrengen müssen. Am Montagmittag lauschten rund 40 Schülerinnen der Oberstufe des Heinrich-Heine-Gymnasiums in Nellingen dem Vortrag von Andreas Schaal. Er ist ein ehemaliger Schüler und heute Direktor für Globale Beziehungen und Kooperationen sowie „Sherpa“ für G7, G20 und Asia-Pacific Economic Cooperation (APEC) bei der Organisation for Economic Cooperation and Development (OECD). Der Redner hat den Jugendlichen nach der offiziellen Begrüßung durch die Schulleiterin Judit Vamosi und den Oberbürgermeister Christof Bolay verraten, welche fünf „Megatrends“ die internationale Handelspolitik in den kommenden Jahren und Jahrzehnten bestimmen werden.

 

Das „Ende der Geschichte“ ist abgesagt

Für den Blick nach vorne schaute der aus Denkendorf stammende Andreas Schaal erst einmal zurück. Lange bevor er den Posten bei der OECD annahm, machte er 1989 Abitur am Heinrich-Heine-Gymnasium. Damals war die Welt noch eine andere. Wenige Monate nach seinem Abitur fiel die Berliner Mauer. Es folgte die deutsche Wiedervereinigung und der Fall des Eisernen Vorhangs. Die Sowjetunion zerfiel ebenso, wie die bipolare Weltordnung, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges die internationale Politik bestimmte. Was würde folgen? Die Idee vom „Ende der Geschichte“ schien in greifbare Nähe zu rücken. Es kam ganz anders.

Der Megatrend Nummer eins ist aus Schaals Sicht der Wandel von der bipolaren zur multipolaren Welt. „Heute gibt es viel mehr Player auf dem internationalen Parkett“, meinte Schaal. Der Aufstieg Chinas sei beispiellos, ebenso spiele Indien eine immer wichtigere Rolle. Bereits heute lebten 60 Prozent aller Menschen des Planeten in Asien, verdeutlichte der Redner. Darüber hinaus werden sich die Beziehungen zwischen der westlichen Welt und dem globalen Süden verändern (Megatrend Nummer zwei). Viele Länder dort seien enttäuscht vom sogenannten Westen und wendeten sich Staaten wie China oder Russland zu. Hinzu kommt – Megatrend Nummer drei – dass der Ost-West-Konflikt, der bereits beigelegt gewesen schien, offenkundig noch lange nicht vorbei ist. Der Krieg in der Ukraine ist dabei nur die Spitze des Eisberges. Die Künstliche Intelligenz ist aus Schaals Sicht der vierte Megatrend, der eine immer wichtigere Rolle in der Zukunft spielen wird. Und zuletzt sei es die Frage, wie eine Welt mit Ländern, die das westliche Wertesystems nicht teilen, gerecht gestaltet werden kann.

Ist der Zug für Europa schon abgefahren?

„Wir denken im Westen oft, dass wir die Weisheit gepachtet haben“, meinte Schaal. Andere Länder hätten eine andere Sicht auf die Welt. Eine Abschottung sei nicht zielführend. Vielmehr gelte es, Regeln für die internationale Zusammenarbeit zu finden. Daran arbeite die OECD. Sie möchte die Globalisierung gestalten und dafür auch nicht-westliche Länder wie das Königreich Thailand oder das kommunistische Vietnam trotz problematischer Menschenrechtslage, Zensur und starker Überwachung der Zivilgesellschaft als neue Mitglieder gewinnen. Dass die Zusammenarbeit mit diesen und weiteren Ländern eine Herausforderung ist und wohl auch bleiben wird, daraus machte Schaal kein Geheimnis. „Es ist nicht immer ganz einfach“, gab Schaal zu – als Antwort auf eine Frage aus dem Publikum, wie denn die OECD mit ihren vielen Mitgliedsstaaten handlungsfähig bleibe. Dass der Zug für Europa mit Blick auf die chinesische Entwicklung schon abgefahren ist, das glaubt Schaal nicht. „Ich glaube, dass man Chancen hat“, sagte er. Die europäische Position sei keine Position der Schwäche. Viele deutsche Marken seien weltweit erfolgreich.

Schaal: Region wird in 20 Jahren anders aussehen als heute

Allerdings müssten sich sowohl die Unternehmen als auch die Menschen in Deutschland auf rasante Veränderungen einstellen. „Diese Region wird in 20 Jahren anders aussehen, als sie heute aussieht“, sagte er mit Blick auf die Veränderungen in der Automobilbranche. So wie sich die Welt seit seinem Abitur 1989 verändert habe, wird sie sich weiter teils tiefgreifend verändern. Den Schülern riet er, nicht nur zuzuschauen, sondern die Veränderungen mitzugestalten. Es sei doch besser, die eigene Geschichte zu schreiben als nur in der Geschichte von anderen vorzukommen.

Wichtig ist es aus Schaals Sicht, sich nicht länger auf dem von älteren Generationen erarbeiteten Wohlstand auszuruhen. „Man muss sich wieder anstrengen“, sagt er. Wenn sich eine Gesellschaft nicht anstrengen möchte, lieber die Work-Life-Balance pflegen möchte, wird sie in Zukunft mit spürbar geringerem materialem Wohlstand zurechtkommen müssen. Bei seinen Reisen nach Asien habe er eine nachwachsende Generation gesehen, die nach mehr Wohlstand trachte und bereit sei, sich diesen Wohlstand zu erarbeiten. „Da kommt eine Generation, die hungrig ist“, meinte Schaal mit Blick auf die Altersgenossen der Nellinger Oberstufenschüler in manchen asiatischen Ländern.

Das sind die Aufgaben der OECD

Ziele
 Die OECD ist ein Zusammenschluss von derzeit 38 Industrienationen. Ziel ist die Förderung von Wohlstand und wirtschaftlichem Wachstum durch Informationsaustausch zwischen den Mitgliedstaaten. Die Mehrheit der Mitglieder sind Demokratien mit marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystemen.

Veröffentlichungen
 Ein wichtiger Teil der Arbeit der OECD besteht in der Sammlung und Aufbereitung von Statistiken und Indikatoren sowie in der Erarbeitung von Studien. Rund 300 Titel veröffentlicht die OECD jährlich. Die Veröffentlichungen werden in der kostenpflichtigen Onlinebibliothek OECD iLibrary zur Verfügung gestellt.

Organe
 Das oberste Entscheidungsgremium ist der Rat, dem Vertreter aller Mitgliedsländer angehören. Geleitet wird er vom Generalsekretär, seit 2021 ist das der Australier Mathias Cormann. Darüber hinaus gibt es mehr als 300 Ausschüsse, Sachverständigen- und Arbeitsgruppen aus fast allen Politikbereichen, die Entscheidungen vorbereiten. An den Ausschüssen nehmen jedes Jahr etwa 40 000 Personen teil.