Wer im Waldhornsaal in Krauchenwies auftreten durfte, hatte es geschafft. Foto: Verlag

Zwei Autoren aus Oberschwaben erzählen, wie Rock und Pop in den Siebziger- und Achtzigerjahren auf die Dörfer kamen und ganze Generationen verzauberten.

Die Zeit, von der dieses Buch erzählt, liegt noch gar nicht weit zurück. Es geht um die Ära der 70er und 80er und um spätere Jahre – Jahrzehnte also, an die sich manche noch gut erinnern. Und doch erzählen die Autoren Peter Fischer und Dieter Löffler von etwas ganz anderem, fast Fremdem: In „Oberschwaben rockt“ schildern sie, wie es früher in den Dörfern klang, wenn es nicht gerade der Kirchenchor oder die Blasmusik war. Man erlebte dort nicht nur den rasselnden Mähbalken am Traktor, sondern jede Menge Livemusik. Gasthäuser und dörfliche Säle wurden von Bands aus der Region bespielt und verzaubert. Denn Musik, das macht das Buch deutlich, verwandelt Menschen, bringt sie einander näher und am Ende sogar noch zusammen.

 

Die beiden wissen genau, worüber sie schreiben. Löffler/Fischer stammen beide aus Rengetsweiler, einem Dorf mit 400 Seelen im Kreis Sigmaringen. Schon als Schüler zogen sie als Tanzmusiker über die Ortschaften. Peter Fischer wurde Lehrer in Meßkirch, Dieter Löffler leitete lange Jahre die politische Redaktion des „Südkurier“ in Konstanz. Beide Autoren spielen bis heute in der Band „Shake Five“, sind erfahrene Combomusiker. Nun haben sie ein anspruchsvolles Projekt in Angriff genommen: Sie spüren den Jahren nach, als moderne Musik zwischen Heuberg und Linzgau ankam.

Helden von damals: die Musiker von Lights. Foto: Verlag

Hinter dem Buch steckt ungeheure Fleißarbeit. Bisher lag keine vergleichbare Chronik dieser Art vor. Allerdings erinnern sich etliche Zeitgenossen daran, als U-Musik noch selbst gemacht wurde. Doch niemand machte sich bisher die Mühe, die Schauplätze der Bands aufzuzeichnen und, noch wichtiger, die Namen ihrer Mitglieder. Also fuhren Fischer/Löffler die alten Standorte ab.

Wie die Blues Brothers aus dem legendären Film bretterten sie los und suchten die Kollegen von damals auf. Sie sprachen mit den Veteranen, registrierten Namen, recherchierten den Lebenslauf jeder Kapelle, die erreichbar war. Da war es günstig, dass die Autoren den Ruhestand erreicht hatten, bekanntlich eine Zeit der Unruhe. Die berufliche Prägung der Autoren begünstigt das Vorhaben: Man spürt die ruhige Hand des Pädagogen Fischer und den Ehrgeiz des Journalisten Löffler. Gemeinsam unternahmen sie die Suche nach Namen und Orten. Und nach Bildern, die das 450 Seiten starke Buch zur Heimat- und Pop-Chronik erheben. Man spürt die Begeisterung über eine Zeit, die kulturell vielfältig war. Anders gesagt: Früher war auf dem Land mehr los.

Die Bands in Oberschwaben haben alles selbst gemacht – bis hin zum Aufbau der Anlagen. Musiker zum Anfassen, und was für Typen! Die Bilder im Buch zeigen die Herren in wallender Mähne, dann mit Schnurrbärten oder Koteletten (wie die Fußballweltmeister von 1974). Beim Durchblättern stößt man auf Hosen mit Schlag, auf glitzernde Jacketts. Oder den existenziell ernsten Blick der Akteure. Lachen fürs PR-Bild war offenbar verpönt. Man erfährt auch vom Fleiß und der Ausdauer, mit denen sich die Musiker ihr Instrument selbst beibrachten.

Respektables Werk zum Schmökern

Diese Enzyklopädie des Bodensee-Pop wird kaum wer am Stück lesen. Zu detailreich ist sie. Doch man kann das respektable Werk immer wieder zur Hand nehmen und schmökern, um über diese Zeit zu räsonieren. Als es auf dem Dorf noch Bäcker, Metzger und mindestens ein Wirtshaus gab, das am Wochenende musikalische Unterhaltung bot.

So gesehen ist dieser Bildband ein tief geschöpftes Stück Kulturgeschichte. Er sucht nach der verlorenen Zeit, als in der gebeutelten Provinz noch die Verstärker jaulten. Dörfer waren vitale Gebilde. Heute dienen sie als ausgelagerte Vorstädte mit Carports für dicke Autos, mit denen man in der Ferne einkaufen geht.

Dieter Löffler, Peter Fischer: „Oberschwaben rockt. Tanzkapellen, Bands, Locations“. Gmeiner-Verlag Meßkirch, 450 Seiten, 35 Euro.