Stefan Schlatterer ist ein echter Rathausspross. Er ist der einzige OB in Baden-Württemberg, dessen Vater dasselbe Amt schon innehatte.
Mit 13 Jahren interessiert man sich ja nicht unbedingt für Kommunalpolitik. Doch an die Emmendinger Oberbürgermeisterwahl von 1981 kann sich Stefan Schlatterer noch gut erinnern. „Mein Vater saß mit seinen Wahlhelfern in einer Gastwirtschaft. Mein Bruder und ich sind zwischen Gastraum und Rathaus hin und her gerannt und haben die Zwischenergebnisse übermittelt.“ Als das Endergebnis feststand, war der Vater erleichtert – und die Buben waren stolz. Eigentlich gibt es in einer Demokratie keine Erbhöfe. Trotzdem: Stefan Schlatterer (55) ist ein echter Rathausspross, der einzige OB im Land, dessen Vater das Amt in derselben Stadt innehatte. Seit 1973 war Hans-Peter Schlatterer Finanzbürgermeister in seiner Heimatstadt gewesen, 1981 rückte er in die erste Reihe auf. Der Sohn folgte 2004.
Der OB-Spross steht unter Beobachtung
Es sind gemischte Gefühle, die bei Schlatterer, dem Jüngeren, aufkommen, wenn er an seine Kindheit denkt. Natürlich war er oft im Rathaus. Nach der Trompetenstunde ging er oft dorthin und wartete auf den Papa, der damals noch Erster Beigeordneter war. Bei Rathausbediensteten bekam er Papier und Schere zum Basteln. Da war aber auch das Gefühl, in der Stadt ständig unter Beobachtung zu stehen. „Ich habe schon als Kind gelernt, alle zu grüßen, ob ich sie kenne oder nicht.“ Und wehe, der OB-Sohn benahm sich nicht richtig. „Als Jugendlicher bin ich mal bei Rot über die Wiesenstraße.“ Prompt gab es einen Anruf im Rathaus.
Während der Vorgänger des Vaters, Karl Faller, fast vier Jahrzehnte – seit Kriegsende – amtiert hatte, blieb Hans-Peter Schlatterer nicht einmal eine volle Wahlperiode vergönnt. 1988, ein Jahr vor der möglichen Wiederwahl, starb er. „Mein Vater war gesundheitlich angeschlagen.“ Das Amt mit 60-Stunden-Woche tat sein Übriges. Stefan Schlatterer machte damals gerade eine Banklehre. Mit 21 Jahren stand er ohne Eltern da. Die Mutter war schon 1971 gestorben. Die Oma hatte sich all die Jahre um die Buben gekümmert.
Die Amtszeit des Vaters endet abrupt
Er selbst befindet sich schon in seiner dritten Amtszeit. 2004, inzwischen erfolgreicher Rechtsanwalt mit eigener Praxis, wagte er erstmals die Kandidatur. Ob der Entschluss auch damit zu tun hatte, seinem verstorbenen Vater näher zu sein? Man könnte es so interpretieren. Schlatterer sieht es als Folge des eigenen kommunalpolitischen Engagements. 1989 hatte ihn ein Freund zur Gemeinderatskandidatur überredet. Zur eigenen Überraschung – und wohl auch wegen des bekannten Namens – wurde er gewählt. Schlatterer junior ist bei der CDU, sein Vater war parteilos. In einem Punkt seien sie aber sehr ähnlich. „Wie mein Vater wollte ich nur in meiner Heimatstadt Emmendingen Oberbürgermeister werden.“ 2020 wurde er zum zweiten Mal wiedergewählt. Inzwischen hat er selber Kinder: zwei, fünf und acht Jahre alt. Dass sie es als OB-Kinder nicht immer einfach haben werden, ahnt er. Vom Vater ist ihm die Sitzungsglocke geblieben, die ihm der Gemeinderat 1981 zur Wahl geschenkt hat. Vor einer Woche habe er sie hervorgeholt. Mit lautem Gebimmel eröffnete er die Sondersitzung anlässlich der Erhebung Emmendingens zur großen Kreisstadt vor 50 Jahren – dem Jahr, in dem sein Vater als Finanzbürgermeister nach Emmendingen zurückgekommen war.