Bei Minusgraden ist eine Nacht im Freien schnell lebensbedrohlich. Foto: imago/Gottfried Czepluch

Hinter jedem Menschen, der auf der Straße lebt, steckt eine Geschichte. Die Wohnungsnotfallhilfe in Ludwigsburg bietet niederschwellige Unterstützung für einen Weg zurück in ein geregeltes Leben.

Während andere Zwölfjährige mit Rennautos spielten, rauchte Thomas L. seinen ersten Joint. Zwei Jahre später konsumierte er Heroin. Der heute 51-jährige Ludwigsburger blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Seine Ausbildung zum Stuckateur brach er ab. „Ich arbeitete aber eine lange Zeit auf Minijob-Basis auf dem Bau.“ Er habe dort „gutes Geld“ verdient. In seinem Leben habe es immer wieder Phasen gegeben, in denen er keine Drogen konsumiert habe. „Meistens war ich da in glücklichen Beziehungen“, erinnert er sich. Am Ende landete er aber auf der Straße – obdachlos, ohne Perspektive oder Dach über dem Kopf.

 

Seit September lebt Thomas L. in einer Notunterkunft in Ludwigsburg. Eigentlich sind diese Unterkünfte für wenige Nächte, eben für Notfälle, vorgesehen. Bei Minusgraden ist eine Übernachtung im Freien lebensgefährlich. „Ich kenne aber Leute, die über zwölf Jahre dort gewohnt haben“, sagt er.

Dauerhafte Unterbringung in Notunterkünften

Eine viel zu lange Zeit, bestätigt Reiner Knödler, Geschäftsführer der Ökumenischen Wohnungsnotfallhilfe im Landkreis Ludwigsburg. „Durch die Wohnungsnot gibt es viele Leute, die sich lange in Notunterkünften aufhalten müssen.“ Die Lebensumstände seien oft prekär. „Die Menschen leben dort in Zwangs-WGs. Müssen persönliche und intime Dinge mit fremden Menschen teilen.“ Es komme aufgrund der Wohnsituationen manchmal zu Situationen, die einem rechtsfreien Raum nahe kommen. „Der Stärkere herrscht über den Schwächeren.“

Etwa 200 Klienten in Ludwigsburg

Jede Kommune ist verpflichtet, die Gefahren, die eine Obdachlosigkeit mit sich bringt, von Menschen ohne festen Wohnsitz abzuwenden – das heißt, sie vor Erfrierungen oder Angriffen zu schützen. Für diesen Zweck seien die Notunterkünfte konzipiert und auch völlig ausreichend, so Knödler. Alles, was über ein paar Tage Aufenthalt hinausgehe, sei jedoch nicht praktikabel. „Für mich ist Wohnen ein Menschenrecht. Es ist wichtig, dass man einen Ort hat, an dem man sich sicher fühlen kann.“ Dass die Bewohner in einigen Unterkünften tagsüber den Wohnraum verlassen müssen, hält Knödler für sehr problematisch. „Man muss immer seinen gesamten Hausstand dabei haben.“ Auch vor Kälte sind die Menschen tagsüber dann nicht geschützt.

An diesem Punkt setzt die Wohnungsnotfallhilfe in Ludwigsburg an. In der Tagesstätte in der Friedrichstraße 23 sind alle Menschen willkommen, die Hilfe brauchen oder jemanden zum Unterhalten. „Wir sind eine niederschwellige Anlaufstelle, man muss nicht mal seinen Namen sagen“, berichtet Knödler. Etwa 200 Menschen ohne festen Wohnsitz kommen regelmäßig in die Tagesstätte. Sie duschen, essen, waschen ihre Wäsche oder wärmen sich auf. Auch eine Gesundheitsfürsorge und regelmäßige Besuche von Friseuren oder Fußpflegern ist Teil des Angebots. „Wir haben Vereinbarungen mit einigen Ärzten, zu denen unsere Klienten gehen können.“ Obdachlose Menschen seien im Wartezimmer nicht gern gesehen – und das sei mit ein Grund, warum sie so selten einen Arzt aufsuchen.

691 Menschen vor Obdachlosigkeit bewahrt

Im zweiten Stockwerk des Hauses ist die Fachstelle Wohnungssicherung untergebracht. Sie hilft beim Beantragen von Sozialleistungen und unterstützt beim Umgang mit Behörden. Hauptziel ist es, Obdachlosigkeit zu verhindern. Im Jahr 2023 ist das in mehr als 85 Prozent der beratenden Fälle gelungen. 691 Personen, darunter 261 Kinder, wurden vor der Obdachlosigkeit bewahrt. Die Wohnungsnotfallhilfe stellt dafür 60 Wohnplätze bereit. „Zusätzlich haben wir drei Wohncontainer, in denen wir Menschen unterbringen, die es in den kommunalen Notunterkünften schwer haben.“ Menschen mit Sozialphobien, Gewalterfahrungen, Suchterkrankungen oder Haustieren. Die Anfrage steige. „Wir wollen diesen Bereich ausbauen und sind momentan auf der Suche nach einem Grundstück für weitere Wohnmodule“, so Knödler.

Die Klienten können sich vor Ort medizinisch behandeln lassen. Foto: Reiner Pfisterer

Wie kann man helfen?

Sieht man im Winter einen obdachlosen Menschen auf der Straße, rät Knödler dazu, zu fragen, ob die Person eine Unterkunft für die Nacht hat. „Im Notfall kann man immer den Notruf wählen und sich mit der Polizei oder dem Rettungsdienst in Verbindung setzen.“ Ob man den bettelnden Menschen Geld geben möchte, müsse jeder für sich selbst entscheiden. „Die Menschen haben Bedarf. Es stellt sich jedoch die Frage, ob die zwei Euro der Person aus der Situation helfen oder sie darin halten.“ Eine gute Alternative seien Gutscheine. „Wir verkaufen hier Gutscheine, die Passanten verteilen können. Damit bekommt man in der Tagesstätte eine warme Mahlzeit.“

Vor der Tagesstätte treffen sich die Klienten. Sie sind dankbar für die niederschwellige Hilfe. Thomas L. will seine Suchterkrankung bekämpfen. „Ich würde gerne noch ein bisschen ein normales Leben führen“, sagt er. Dafür möchte er einen stationären Entzug machen. „Danach hat mir Herr Knödler eine eigene Wohnung zugesagt“, freut er sich.