Eine dicke Matratze, ein Federbett mit hellem Bezug und ein kleiner, dunkelblauer Rollkoffer (im Bild links) – das sind die Habseligkeiten der obdachlosen Frau vor der Kirche St. Hedwig. Foto: Alexandra Kratz

Wie überlebt eine obdachlose Frau den Winter? Und wie ist sie in diese prekäre Situation geraten? Wir haben mit der Seniorin gesprochen, die vor der St.-Hedwig-Kirche in Stuttgart-Möhringen schläft.

Möhringen - Es ist dunkel, kalt und nass. Doch der Platz vor der St.-Hedwig-Kirche erstrahlt in einem warmen, heimeligen Licht. Er ist das Zuhause einer alten Dame. An diesem Abend sitzt sie wieder – wie so oft in den vergangenen Wochen – auf ihrer dicken Matratze an die Wand des Kirchenschiffs gelehnt, eingemummelt in einen grauen Mantel, zugedeckt mit einem Federbett im hellen Bezug, eine gestrickte schwarze Beanie-Mütze auf dem Kopf. Sie liest, ist völlig vertieft in eine Zeitschrift mit kirchlichem Inhalt. Die braunen Pupillen hinter der dunklen modischen Brille wandern flink von links nach rechts über die Zeilen.

 

Warum ist sie hier? „Wo soll ich denn hin?“, lautet ihre Gegenfrage, sie lacht. Es ist ein herzliches Lachen, ganz ohne Bitterkeit. Dann erzählt sie, dass sie schon gern wieder eine Wohnung hätte. Doch von ihrer kleinen Rente könne sie keine bezahlen.Rente? Ja, sie sei 67 und in Rente. Schwer zu glauben, mit ihren wachen ihrem gepflegten Gesicht wirkt sie viel jünger, auch wenn in den dunklen streng zurückgekämmten Haaren graue Strähnen schimmern. Ihre letzte Wohnung habe sie selbst gekündigt. Sie sei mit ihren Nachbarn nicht mehr zurecht gekommen.

In der Unterkunft für Obdachlose hat sie sich nicht wohlgefühlt

Die Frau vor der St.-Hedwig-Kirche ist ein tief gläubiger Mensch. Dass sie sich dort niedergelassen hat, ist kein Zufall. Sonntags ist sie manchmal im Gottesdienst. Sie redet gern über Gott und die Welt, über die Katholiken und den Papst. Sie kennt sich aus in der Geschichte. Regelmäßig liest sie im „Vatican“, einem deutschsprachigen Kultur- und Nachrichtenmagazin aus Rom. Sie hat so ihre eigenen Theorien, wie es mit dem Katholizismus weltweit weitergehen könnte und sollte, und mit diesen Theorien hält sie nicht hinter dem Berg. Manche ihrer Ansichten erscheinen etwas konfus und konstruiert. Von anderen Menschen wird sie deswegen mitunter belächelt. Aber das kümmert die alte Dame wenig.

Ist sie zu stolz, um in eine Unterkunft für Obdachlose zu gehen? Da sei sie schon gewesen, unten an der Hauptstätter Straße. Dort habe sie sich mit einer Frau ein Zimmer geteilt. Das sei nichts für sie gewesen. „Da bin ich nach einer Nacht wieder weg. Dann bin ich doch lieber hier draußen“, sagt sie. Außerdem brauche man, um länger in so einer Unterkunft bleiben zu können, einen entsprechenden Schein. Den habe sie nicht, und den werde sie wahrscheinlich auch nicht bekommen. Weil sie nicht wirklich bedürftig sei. Sie habe geerbt und sei darum ein Spezialfall. „Damit falle ich durch jedes Raster.“

Ihr Hab und Gut hat sie in einem kleinen Rollkoffer

Doch viel besitzt sie augenscheinlich nicht. Ihr gesamtes Hab und Gut hat sie in einem kleinen, dunkelblauen Rollkoffer, der vor ihrer Matratze liegt. „Alles andere habe ich weggeworfen“, sagt sie. Es sei eine Befreiung gewesen, die Dinge hätten sie nur belastet. Wenn sie sich waschen und sich selbst was Gutes tun möchte, gehe sie ins Leuze. Dort sei sie noch nie komisch angeschaut worden. Warum auch? Die Möhringer Dame sieht überhaupt nicht aus wie eine Obdachlose

Aber wie überlebt man ohne ein Dach über den Kopf? Tagsüber sei sie viel unterwegs. Sie habe zu tun, da werde ihr schon irgendwie warm. Meist frühstücke sie in einem Café. Für den Rest des Tages kaufe sie sich Wurst, Käse und Brot, um nicht hungern zu müssen. Zeit und Muße zum Lesen habe sie nur wenig. Die Nacht verbringe sie meist vor der Kirche. Noch seien die Temperaturen geradeso erträglich. Und wenn es kälter wird? „Mal sehen. Ich würde gerne wieder reisen“, sagt sie, und ein bisschen Sehnsucht schwingt in ihrer Stimme mit. Trotz ihrer kleinen Rente ist sie herumgekommen. Sie sei schon in vielen schönen Städten in Baden-Württemberg gewesen: in Tübingen, Karlsruhe, Heidelberg.

Nur vereinzelt gibt es kritische Stimmen

Ob sie vor der St.-Hedwig-Kirche bleibt, das weiß sie noch nicht. Die Menschen hier hätten sie gut aufgenommen. Angefeindet werde sie nicht, höchstens ignoriert. Der Diakon habe mit ihr gesprochen, habe ihr Hilfe angeboten. „Vielleicht findet er ja eine Wohnung für mich?“, fragt sie sich hoffnungsvoll selbst.

„Wir versuchen, zu helfen“, sagt Michael Jakob. Er habe Kontakt zu der Frau, er unterhalte sich gern mit ihr. „Sie ist sehr sympathisch und kommunikativ. Wir wollen, dass es ihr gut geht“, fügt der Diakon hinzu. Doch jetzt im Winter könnte das schwierig werden. „Wir versuchen, in Kooperation mit der Caritas am Bahnhof eine Lösung zu finden“, sagt Jakob. Für die St.-Hedwig-Gemeinde sei die Dame vor der Kirche eine neue Situation. „Wir kennen Obdachlosigkeit sonst nur aus der Innenstadt“, sagt er. Dennoch hätten die Möhringer sie gut angenommen.

Eine ganz besondere St.-Martin-Feier

Nur ganz vereinzelt gebe es kritische Stimmen. Würden Leute fragen, warum die Gemeinde „nichts mache“ oder warum die Gemeinde der Dame kein Platzverbot erteile. Diese Fragen kämen aber nicht von den Gläubigen. „Und es stimmt nicht, dass wir nichts machen“, sagt Jakob. Er betont aber auch: „Wir können unsere Hilfe nur anbieten. Ob diese angenommen wird, muss jeder selbst entscheiden.“

So wie an Sankt Martin. Da wollte der Diakon ihr zwar keinen halben Mantel schenken, wie einst der Sage nach der Soldat dem armen Bettler. Doch er bot ihr eine Isomatte und einen Schlafsack an. Sie nahm die Isomatte und lehnte den Schlafsack ab. „In diesem Jahr war es für mich eine ganz besondere Sankt-Martin-Feier vor der St.-Hedwig-Kirche in Möhringen“, erinnert sich Jakob.