Jahrelang lebte ein obdachloser Mann im Stuttgarter Westen versteckt zwischen Büschen und der Hauswand eines Jugendhauses. Nun ist er tot. Starb er an der Kälte? Einblicke in sein Leben auf der Straße.
Der obdachlose Mann im orangefarbenen Overall – so kannten ihn hier viele in Stuttgart. Der 70-Jährige lebte über Jahre am Jugendhaus im Westen der Stadt. Hier im Viertel mit den vielen Altbauwohnungen im Jugendstil hatte er sich ein Lager aus Matratzen eingerichtet. Direkt an der Häuserwand, abseits vom Gehweg hinter den Büschen, lebte er. Die Terrasse des Jugendhauses schützte zumindest etwas vor Regen. Aber auch vor der Kälte?
Die Sachen des Mannes liegen hier noch herum: Kisten, Zeitschriften, ein Radio, eine leere Cola-Flasche, viele Decken und Jacken. Stefan – so soll er geheißen haben – ist tot. „Noch um Weihnachten herum habe ich ihn hier noch laufen sehen“, sagt Flo Eymer. Das sei das letzte Mal gewesen, an das er sich erinnert. Der 44-Jährige arbeitet als Erzieher im Jugendhaus West. Er sitzt im Aufenthaltsraum im Erdgeschoss des Jugendhauses an der Haltestelle Schwab-Bebelstraße, nur wenige Meter entfernt von dem Ort, an dem Stefan mehrere Jahre gelebt hat. „Den kannten hier wirklich viele vom Sehen“, meint er.
Flo Eymer versucht, sich zu erinnern. Er geht davon aus, dass Stefan schon 2021 dieses Lager aufgeschlagen hat. Mehrmals habe er versucht, ihm Hilfe anzubieten oder ihn an eine Notunterkunft zu vermitteln. „Aber er wollte einfach in Ruhe gelassen werden, das kam zumindest bei mir an.“ Er hat ihn ums Haus herum regelmäßig gesehen. Der Mann soll ein Einzelgänger gewesen sein. Einer, der sich mit den harten Bedingungen, die mit dem Leben auf der Straße verbunden sind, abgefunden hat. So sieht es der 44-jährige Erzieher. Er habe immer mal wieder auch versucht, sich mit ihm zu unterhalten. „Aber das war nicht möglich. Ich glaube, das war eine einsame Seele“, sagt Eymer.
„Wegen des orangefarbenen Anzugs, den er getragen hat, dachte ich am Anfang, dass er einen Job bei der Müllabfuhr habe“, erzählt er. Regelmäßig habe Stefan außerdem die Tonnen aus den Hauseingängen im Viertel vorgezogen. Warum er die orangefarbene Kleidung getragen hat? Ging es darum, eine sinnvolle Aufgabe zu haben? Oder darum, in Ruhe die Tonnen nach Pfanddosen oder Essbarem durchsuchen zu können? Es bleibt unklar, wie so vieles. Zuletzt sei er langsam unterwegs gewesen und recht dünn gewesen. Der 44-Jährige ist ein offener Typ und sagt: „Irgendwie bin ich mit der Situation schon auch ein bisschen überfordert. Jetzt müssen wir uns auch um seine Sachen noch kümmern“, sagt er. Noch Wochen nach dem Tod von Stefan liegen seine Habseligkeiten in seinem Lager herum.
Auch einige Ehrenamtliche vom Kältebus Stuttgart, eine Einrichtung des Deutschen Roten Kreuzes, sollen Stefan in den vergangenen Monaten und Jahren immer wieder getroffen haben. Sie fahren in den kalten Nächten des Jahres zu den Betroffenen auf der Straße, bringen Suppe, Handschuhe oder Schlafsäcke vorbei und machen sie immer wieder auch auf die Notunterkünfte aufmerksam.
Die Ehrenamtlichen, die in dieser Nacht unterwegs waren und den leblosen Körper fanden, wollen sich nicht öffentlich äußern. Solche Situationen passieren selten, die Helfer seien tief betroffen, heißt es. Über eine Pressesprecherin äußert sich einer von ihnen jedoch schriftlich und erzählt, wie er die Nacht in Erinnerung hat. „Einfach war es sicher nicht. Wir hätten die Tour auch abbrechen können, da es eine Ausnahmesituation war“, schreibt eine Person aus der Gruppe. Doch gemeinsam hätte sich das Team entschieden, weiterzufahren. „Wir waren uns aber einig, dass wir es durchziehen, um so vielen wie möglich zu helfen.“ Und auch um die Frage nach Schuldgefühlen geht es. Hätte man noch etwas tun können oder müssen? Der Ehrenamtliche schreibt: „Nicht als Einzelperson, vielleicht als Gesellschaft im Ganzen“.
In der Todesnacht herrschen Minustemperaturen
Aber wie helfen, wenn Betroffene ablehnen? Die Stadt Stuttgart stellt klar, dass in der zentralen Notübernachtung ausreichend freie Plätze zur Verfügung stehen. „Dies war auch in der Nacht vom 3. Auf den 4. Januar 2025 der Fall“, teilt eine Pressesprecherin mit. Grundsätzlich sei das Angebot niedrigschwellig, rund um die Uhr sei eine Aufnahme möglich. Betreutes Wohnen, Beratungsstellen und mehrere Gebäude für die Notübernachtungen stünden zur Verfügung. Einige der betroffenen obdachlosen Menschen würden diese Hilfe aber nicht annehmen wollen, heißt es.
Der Erzieher Flo Eymer wirkt angespannt, wenn er über die Nacht spricht, in der Stefan leblos aufgefunden wurde. Am Abend des 3. Januar hat er mit einigen anderen im Haus eine kleine, verspätete Weihnachtsfeier veranstaltet, nur wenige Meter von Stefans Lager entfernt. Mit einem ehrenamtlichen Team organisiert er hier an den Wochenenden oft Konzerte. Drinnen wird dann meist Punk gehört und gefeiert.
An diesem Tag ging es ruhiger zu, nur eine kleine Gruppe traf sich, erzählt der 44-Jährige. Tagsüber Temperaturen um den Nullpunkt, nachts Minusgrade. „Die Nacht war bitterkalt“, erzählt Eymer. Gegen Mitternacht sei der Kältebus vorgefahren. Kurze Zeit später sei allerdings die Polizei gekommen – kein gutes Zeichen, wie schnell klar wurde. Ein Arzt rückte an, um Stefans Tod festzustellen.„Das war schon ein Schock, ihn da liegen zu sehen“, erzählt der 44-Jährige.
Auch noch Tage und Wochen nach der Nacht ist Flo Eymer betroffen. „Da sitzt immer dieser Mensch, und dann ist der plötzlich weg. Ich war froh in dem Moment, dass ich nicht alleine war“, sagt er. Mit den anderen im Jugendhaus habe er am Abend noch eine Weile über Stefan gesprochen. Eymer hat sich seit dem Tag im Januar immer wieder die Frage gestellt, ob Stefan einen Kältetod starb.
Die Polizei hält fest: Um 0:30 Uhr wird der 70-jährige Mann tot aufgefunden. Eine Meldung an die Presse gibt es jedoch nicht, auch weil die Beamten von einem natürlichen Tod ausgehen. Und auch eine Obduktion sei nicht vorgenommen worden.
Stefan hat trotz allem Spuren hinterlassen im Quartier. Er soll zum Essen oft ein paar Meter weiter zum Kebab-Haus West gegangen sein. Laut Cbuk Nazife, der Chefin hier, sei er regelmäßig Gast gewesen sein. „Ich habe ihn mal nach seiner Familie gefragt, ob er Kontakt zu ihnen hat. Er hat gesagt Nein“, erzählt sie. Ihr habe er mal erzählt, dass er ursprünglich aus Bulgarien stammt.
Ein paar Schülerinnen machen an diesem Nachmittag ihre Hausaufgaben an einem der größeren Tische in dem einfachen Laden. Der Kühlschrank brummt. Nazife macht einen Kaffee und erzählt, während ihr Kollege weiter die wenigen Gäste hier bedient. „Pide oder Döner-Box, das hat er gerne gegessen“, erinnert sie sich. „Und er war kein Alkoholiker“, betont sie. Dem Klischee vom Leben auf der Straße will sie offenbar entgegenwirken. Und auch sie berichtet, Hilfe wollte er nicht annehmen. „Er war ein harter Kopf“, sagt die resolute Frau.
Wenige Tage nach dem Gespräch im Stuttgarter Westen äußert sich auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart auf Anfrage unserer Zeitung zur Frage nach dem Tod von Stefan:„Nach dem Ermittlungsstand wird davon ausgegangen, dass der Verstorbene erfroren ist.“ Auch ohne Obduktion sei man zu dem Schluss gekommen. Hundertprozentige Klarheit gibt es aber nicht.
Auf amtlicher Seite bleibt schließlich zu klären, was mit dem Leichnam von Stefan geschieht. „Der Verstorbene liegt aktuell im Leichenhaus des Pragfriedhofs“, teilt eine Pressesprecherin der Stadt mit. Sofern sich keine Angehörigen melden, wird die Beerdigung von Amts wegen angeordnet. Aber wie läuft so etwas ab? In Stuttgart werden normalerweise Feuerbestattungen durchgeführt, erklärt sie. Die Beisetzung erfolge später dann im Urnenfeld des Dornhaldenfriedhofs.
Grundsätzlich ist in Deutschland wenig über Kältetote bekannt. „Wir haben ein großes Dunkelfeld und eine große Lücke im System“, erklärt Berit Pohns, Pressereferentin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Ihre Organisation versuche, Berichte aus dem Fernsehen und aus Tageszeitungen auszuwerten. Auf diese Weise sei der Verein seit 1991 auf 357 Kältetote gekommen. Die Zahl müsse aber sicherlich als eine Art Mindestangabe verstanden werden. Einer von ihnen ist wohl auch Stefan, den viele gesehen haben, den aber kaum jemand kannte.