Im Übergangswohnheim in der Geislinger Bergwiesen weist die Stadt Menschen ein, die sonst auf der Straße stehen würden. Foto: Horst Rudel

Mancher geht aus Stolz nicht zum Arbeitsamt und verliert später seine Wohnung. Dann bleibt nur noch die Obdachlosenunterkunft – in Geislingen liegt dort einiges im Argen.

Geislingen - Nein, es sieht nun wirklich nicht sehr wohnlich aus im und am Gebäude in den Bergwiesen 8 in Geislingen. Schon äußerlich macht der Funktionsbau aus den Nachkriegsjahren einen recht heruntergekommenen Eindruck – vom massiv verwitterten Fensterladen bis zu abgeplatztem Putz an der Fassade. Und auch im Inneren gibt es einige Bereiche, die eigentlich als Behausungen untragbar sind, wie Theresa Kapuzinus auf dem Weg in die ziemlich maroden Gemeinschaftsduschen im Kellergeschoss sagt.

Mancher geht aus Stolz nicht zum Arbeitsamt und verliert später seine Wohnung

Drunten legten gerade einige Bewohner des Übergangswohnheimes selbst Hand an für gewisse Notsanierungen in der Herrendusche, erzählt Frank Kruse (Name geändert), für den die Übergangsunterbringung bereits einige Jahre andauert. Der Mann ist aus gesundheitlichen Gründen arbeitslos geworden, war zu stolz, auf das Arbeitsamt zu gehen, hat sich in seine Wohnung zurückgezogen und sämtliche Rechnungen ignoriert. Es folgten die Zwangsräumung und die Obdachlosigkeit.

Die beim Göppinger Haus Linde, einer diakonischen Einrichtung für die Beratung und Unterstützung Wohnungsloser, beschäftigte Sozialarbeiterin Kapuzinus wiederum bietet in einem kleinen Büro im Übergangsheim vierzehntägig Beratungsstunden für die Bewohner an. Die Menschen, die von den zuständigen städtischen Stellen eingewiesen wurden, sind in der Regel alleinstehend.

Solche Probleme gibt es in vielen Städten, weil es keine klaren Regeln gibt

Es ginge keineswegs darum, der Stadt Geislingen Vorwürfe zu machen, ergänzt Wolfgang Baumung, der Leiter des Hauses Linde, denn die Situation in Obdachlosen- und Übergangsunterkünften sei andernorts sehr ähnlich – im Kreis, der Region, im Land und auch in anderen Bundesländern. Das Grundproblem sei, dass es keine verbindlichen Regelungen für den Obdachlosenbereich gebe. Weder für Zimmergrößen, noch für Mindeststandards. Mit Blick auf die im Grundgesetz garantierte Unantastbarkeit der Würde des Menschen sei es aber durchaus grenzwertig, was den Bewohner da teils zugemutet würde. „Ob in Waiblingen, Esslingen oder Göppingen“, sagt Baumung, „das finde ich überall, das ist nicht ein Problem einzelner schwarzer Schafe“.

In Geislingen gebe es wenigstens warmes Wasser in den Duschen. Aus Göppingen sei ihm eine Frau mit zwei Kindern bekannt, die in der zugewiesenen Unterkunft ohne fließendes Warmwasser sei. Geislingen müsse er letztlich eher loben: „Die lassen uns wenigsten rein.“ Andernorts seien solche Beratungsangebote in den Wohnheimen eher nicht gewünscht. „Wer lässt sich schon gerne auf die schmutzigen Finger schauen?“

Viele schaffen es nicht mehr aus eigener Kraft

Seitens der Stadt Geislingen verweist der Ordnungsamtsleiter Phillip Theinert darauf, dass Einrichtungen wie das Haus in den Bergwiesen als Übergangslösungen konzipiert seien. Gedacht für Menschen, die aus dieser Situation wieder herauskämen. Viele unter ihnen schafften dies aber nicht aus eigener Kraft, weshalb eigentlich die Sozialdienste gefragt seien. Und massiv verschärft würden die Probleme natürlich durch die aktuelle Situation am Wohnungsmarkt, die es für viele, zum Beispiel wegen negativer Schufa-Beurteilung, unmöglich mache, eine Wohnung zu bekommen.

Für Sauberkeit in den Zimmern und Gemeinschaftsräumen seien grundsätzlich die Bewohner zuständig, das stehe in der Benutzungssatzung und der Hausordnung. Klar sei auch, dass es sich in allen Fällen nicht um Mietverhältnisse handle, sondern um Einweisungen, um eben die Obdachlosigkeit zu vermeiden. Und was den Bau angehe, habe die Stadt allein in den vergangenen Monaten einige Tausend Euro für Reparaturen in der Unterkunft investiert – etwa für die Instandsetzung verstopfter Toiletten, kaputte Türen oder nicht mehr funktionierender Herde.

Das Klientel hat sich gewandelt: viele junge Menschen und Frauen mit Kindern sind dabei

Dass das Klientel in den Übergangsunterkünften kein einfaches sei, darin stimmen auch die beiden Sozialarbeiter des Hauses Linde mit dem Geislinger Ordnungsamtschef überein. Das liege in der Natur der Sache. Und es gebe durchaus auch Fälle, in denen sich die Menschen gar nicht helfen lassen wollten. Wer nicht die Initiative aufbringe, den Willen, wieder Boden unter die Füße zu bekommen, bei dem tue sich auch nichts, sagt Baumung. Andererseits sei aber die Veränderung in den vergangenen 25 Jahren gewaltig. „Das sind nicht mehr die klassischen Obdachlosen von der Straße, sondern viele junge Menschen, Frauen, Frauen mit Kindern und viele, die durch Arbeitsplatzverlust oder Trennung in Nöte gekommen sind.“

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