Marley, der Hund eines Obdachlosen, wird vermisst. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgarter Wohnsitzlose haben einen bösen Verdacht. Sie behaupten, dass sie im Schlaf von osteuropäischen Bettlern ausgeraubt werden. Mehr noch: Jene Diebe hätten es auch auf die Hunde der Obdachlosen abgesehen.

Stuttgart - Die Kälte war ihr in diesem Moment egal. Nicht etwa weil sie vom Leben ohne festes Dach über dem Kopf abgehärtet wäre. Nein, Liska, so der Name der obdachlosen Frau aus Lublin (Polen), hatte ganz andere Sorgen. Pfötchen war weg. Statt neben ihr im Schlossgarten zu wachen, war der Schlafplatz des Labrador-Bullterrier-Mischlings leer. Von ihrem treuen Begleiter, der Liska vier Jahre auf Schritt und Tritt begleitet hatte, fehlte jede Spur. „Ich vermisse meinen Hund so sehr“, sagt die Frau mit grünem Irokesenschnitt, „die Chance, dass ich ihn wiedersehe, liegt wahrscheinlich unter einem Prozent“

Pfötchen ist nicht der einzige Hund, der in der Stuttgarter Obdachlosenszene vermisst wird. Etwa ein Dutzend Hunde, so behaupten die Obdachlosen im Schlossgarten, seien in den Wintermonaten verschleppt worden. Die Polizei kann diese Zahlen nicht bestätigen. Im genannten Zeitraum, so erklären die Beamten, seien lediglich zwei Diebstähle von Obdachlosen angezeigt worden.

Ein Hund gibt Wärme

Es ist kein Geheimnis. Hunde sind für Obdachlose ein Ersatz für viele Dinge, die sie in ihrem kargen Leben entbehren müssen. Sie geben Wärme – in jeder Weise. Auch Liska hatte daher eine enge Bindung zu ihren Begleiter auf vier Pfoten.

Gleiches gilt für Peter Kiss. Der Wohnsitzlose vermisst Marley seit dem 17. November. Der 33-Jährige will aber nicht aufgeben. Er hofft, Marley wieder zu finden. Daher hat er überall im Schlossgarten Vermisst-Plakate von seinem Schäferhund aufgehängt. Nun will er sogar so viele Städte in Europa wie möglich bereisen und auch dort plakatieren. – in der Hoffnung, Marley eines Tages ausfindig zu machen.

Passanten geben Bettlern mit Hund mehr

Auch Peter Kiss ist vermutlich Opfer von Dieben geworden. Sie nutzen offenbar die Gelegenheit, als Kiss wiedermal sturzbetrunken war. „Ich habe im Schlossgarten gesessen und bin kurz eingenickt. Als ich wieder aufgewacht bin, war Marley und 50 Euro weg“, sagt er geknickt, „es war alles, was ich hatte.“ Ohne seinen Marley wird das Leben für Peter Kiss härter. Denn ohne seinen Schäferhund dürften die Passanten auf der Königstraße weniger spendabel sein. „Das meiste Geld bekommen wir beim Betteln für das Essen unserer Hunde“, sagt Kiss, „so verdient man bis zu 120 Prozent mehr, als wenn man einfach so bettelt.“

Auch die Bettler aus Osteuropa seien inzwischen auf den Hund gekommen, sagt Peter Kiss. Daher glaubt er auch, dass es organisierte Bettler aus Osteuropa waren, die seinen Marley gestohlen haben.

Polizeisprecher Jens Lauer warnt allerdings vor Verdächtigungen: „Bei einem der uns bekannten Fälle geht es sich um eine Beziehungstat in der Punkszene.“ Überhaupt, die besten Chancen habe man, wenn man Anzeige erstattet: „Bei Diebstahl handelt es sich schließlich um eine Straftat, die zu Geld- oder Freiheitsstrafen führen kann.“

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