Als Marius mit 13 von zu Hause wegläuft, beginnt für ihn eine jahrelange Odyssee auf der Straße. Alkohol und Drogen bestimmen sein Leben, doch er kämpft sich durch, hat mittlerweile einen neuen Lebensweg eingeschlagen. Wie hat er den Wandel geschafft?
Als sich seine Eltern getrennt haben, war Marius zehn Jahre alt. Ab dem Moment hat er kein richtiges Zuhause mehr. Die Familie bricht auseinander, seine Schwester bleibt bei der Mutter, sein älterer Bruder und er müssen zum Vater ziehen. Doch mit seiner neuen Stiefmutter kommt Marius überhaupt nicht zurecht. Er hält es dort nicht aus.
Seine Eltern lassen sich scheiden – für ihn gibt es keinen Platz
Mit 13 haut er ab. „Ich habe mich dann allein durchgeschlagen“, erzählt der heute 20-Jährige. Denn auch bei seiner Mutter gibt es keinen Platz für ihn. Sie lebt mit der Schwester und einem neuen Partner in einer kleinen Wohnung. Warum die Mutter ihn nicht mitgenommen hatte? „Es ging ewig vor Gericht hin- und her. Dann wurde entschieden, mein Bruder und ich müssen zu unserem Vater“, sagt Marius. Aber die Mutter sucht immerhin nach ihm, verständigt die Polizei. „Heute weiß ich, sie hatte einige schlaflose Nächte wegen mir.“
Aber er will nicht zurück. Lieber lebt er auf der Straße. Zwei Jahre ist er mal hier mal dort. „Wenn es hart auf hart gekommen ist, habe ich immer auf dem Spielplatz übernachtet“, sagt er. Geld hat er keines, deshalb schlägt er sich mit klauen durch. Auch Essen muss er sich häufig „beschaffen“.
Sein Leben ist hart und er will nicht die ganze Zeit daran denken. Deshalb beginnt er zu trinken, viel zu trinken. Manchmal kommt er morgens schon betrunken in die Schule. „Mein Lehrer wusste, dass ich nicht mehr zu Hause wohne“, sagt er. Er habe ihn unterstützt, auch nichts gesagt, wenn er nach Alkohol roch. „Ich war aber auch nie außer Rand und Band, wenn ich getrunken hatte“, fügt Marius noch hinzu. „Vielmehr konnte ich erst dann alles um mich herum ausblenden.“
Marius hat zwar kein zu Hause mehr, aber in die Schule geht er immer. „Es wird einem ja immer gesagt, Schule ist wichtig“, sagt Marius. Die Lehrer drücken viele Augen zu. „Und ich habe auch viel Unterstützung bekommen“, sagt er. Ohne drei seiner Freunde hätte er die zwei Jahre ohne zu Hause nicht durchgestanden. Sie organisierten sich für ihn, mal konnte er einige Wochen bei dem Einen bleiben, dann bei einem von den Anderen. Die Eltern seiner Freunde akzeptieren es, geben ihm Essen und ein Bett.
Den Rest der Zeit ist er auf sich gestellt. Sein Konsum wird „exzessiver“, wie er sagt. Er trinkt und kifft jeden Tag. Dann merkt er, es geht nicht mehr. Er packt das Leben auf der Straße und seine Sucht nicht mehr. Er sieht für sich keine Perspektive.
Zwei Jahre lebt er mal hier mal dort
Mit 15 meldet er sich selbst beim Jugendamt. „Noch am gleichen Tag habe ich ein Zimmer bekommen“, sagt er. Er zieht in eine Wohngruppe für Jugendliche an der Suttnerstraße. Nach monatelangem Durchschlagen und Wegdröhnen kommt er erstmals wieder zur Ruhe. „Am Anfang war es ungewohnt, all die neuen Leute und Betreuer, die mich jeden Tag fragen, wie es mir geht“, sagt Marius.
Das kennt er gar nicht. Das ihn jemand fragt, wie es ihm geht. Zu dem Zeitpunkt weiß er es auch selbst nicht mehr richtig. Aber zum ersten Mal nach langer Zeit war da auch wieder so etwas wie Hoffnung. „Tiefer als ich konnte man ja gar nicht sinken“, sagt er heute über sein Leben.
Aber er muss sich auch an Regeln und Vorschriften gewöhnen. Am schlimmsten ist der Alkoholentzug. Eine Betreuerin aus der Wohnung begleitet ihn dabei. „Zweimal musste ich eine Entgiftung machen“, sagt er. Fast bis er 19 ist, fällt er immer wieder zurück. „Am Ende habe ich es aus eigener Kraft geschafft“, sagt der 20-Jährige.
Seinen Hauptschulabschluss hat er irgendwie nebenbei gemacht. In der Unterkunft wurde ihm klar gemacht, dass er nicht nur rumsitzen kann, sondern eine Arbeit braucht. Marius sucht sich zügig einen Ausbildungsplatz als Straßenwärter. Straßen flicken, asphaltieren, reinigen oder auch mal Grünflächen instandhalten, das macht er nun jeden Tag. „Es tut mir gut. Ich bin viel draußen und abends habe ich das Gefühl, ich habe etwas geschafft“, sagt Marius.
Bald hat er seine Ausbildung fertig
Seit zwei Jahren lebt er auch in der Jugendwohngruppe Flattichhaus in Zuffenhausen, einer Einrichtung der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (eva) für junge Menschen, die kein Elternhaus haben. Dort sind die Jugendlichen freier, müssen aber mit der Unterstützung von Betreuern lernen, ihr Leben selbstverantwortlich zu regeln. Marius sagt, das gelingt ihm ganz gut.
Auch mit seiner Familie hat sich Marius während seiner Zeit in der Jugendwohngruppe wieder versöhnt, vor allem mit der Mutter ist der Kontakt wieder eng. „Familie ist wichtig“, sagt er und ergänzt: „Es hat dem Kopf auch nicht gutgetan, auf sich gestellt zu sein.“
Bald hat er seine Abschlussprüfung, nur der Anhängerführerschein für den LKW fehlt ihm noch. „Erst dann kann ich meine Ausbildung abschließen“, sagt er. „Aber ich bin schon fest angestellt. Sie waren sehr zufrieden dort mit mir“, ergänzt er stolz. Auch die Berufsschule hat er gut abgeschlossen. „Nur der Gesellenbrief fehlt noch.“
Seine Zeit im Flattichhaus endet nun diesen Monat. Er muss jetzt selbst erwachsen sein und in eine eigene Wohnung ziehen, lernen mit seinem Geld zurecht zu kommen. Er denkt auch, dass er das schafft. Denn er hat jetzt einen Grund. Seit einem Jahr hat er eine kleine Tochter. Anfangs sei er gar nicht so erfreut gewesen, als seine damalige Freundin schwanger wurde und ihm klar war, dass er nun Vater sein wird. „Aber dann habe ich meine Tochter gesehen und alles hat sich verändert in meinem Leben“, sagt Marius.
Seiner Tochter will er ein guter Vater sein
Inzwischen sind er und die Mutter seiner Tochter getrennt, das alleinige Sorgerecht hat seine Ex-Freundin. Im Moment befindet sich die Tochter aber in der Obhut des Jugendamtes. Marius würde aber gerne für sie sorgen, ein guter Vater sein. „Ich möchte auch das Sorgerecht für sie haben“, sagt er. Heute ist seine Situation auch besser, er arbeitet, hat bald eine eigene Wohnung und seine Eltern unterstützen ihn. „Die sind auch Feuer und Flamme für die Kleine“, sagt Marius. Seine Tochter will er nicht aufgeben. Und sich selbst auch nicht mehr.