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Stadtoberhaupt muss sich zwischen Politik und Privatem entscheiden. Entscheidung am Montag.

Stuttgart - Die Rede liegt fertig getippt auf seinem Schreibtisch. Es ist ein flaches Päckchen, DIN A4, weißes Papier, in Klarsichthülle. Sorgsam rückt Wolfgang Schuster den Stapel zurecht. In der Rede, die er am Montag um 11 Uhr im Rathaus hält, wird der 62-jährige Stuttgarter Oberbürgermeister erklären, ob er eine dritte Amtszeit anstrebt – oder ob er im Januar 2013 in den Ruhestand geht.

Manche Passagen der Rede seien „etwas zu lang“ geraten, meint Schuster. Er wird den Text noch kürzen. Die eigentliche Entscheidung stehe aber fest. Mehr sagt er dazu nicht. Das ist Schusters Bedingung für das eineinhalbstündige Gespräch mit unserer Zeitung; sonst hätte er sich verweigert. Die 60 Stuttgarter Stadträte und die 400 geladenen Gäste des Neujahrsempfangs sollen seinen ­Ent­schluss aus erster Hand erfahren.

Das Ergebnis hält er unter Verschluss. Doch aus den Argumenten, die er in den letzten Wochen in weitläufigen Gedankenschleifen hin und her gewendet hat, macht er kein Geheimnis. „Es gibt eine klare Position innerhalb der Familie, die mich um Rückzug ins Private bittet“, fasst Schuster zusammen. Wobei man ihn bei der Formulierung als Teil der Familie verstehen sollte. „Unter beruflichen Gesichtspunkten gibt es hingegen viele Aspekte, die eher dafür sprechen, dass ich die Bürger um das Vertrauen für weitere viereinhalb Jahre bitte“, sagt Schuster. Dann wäre er 68 und hätte die Altersgrenze für einen OB erreicht. Er hat das Für und Wider zwar sortiert. Weil die Argumente aber aus zwei Lebensbereichen abgeleitet sind, falle ihm die Entscheidung trotzdem sehr schwer, gesteht er.

Stuttgart ist Schuster ans Herz gewachsen

Danach hatte es lange nicht ausgesehen. 2004, zu Beginn seiner zweiten Amtszeit im Stuttgarter Rathaus, sagte Schuster im Interview mit unserer Zeitung: „Ich habe mich entschieden, dass ich in acht Jahren mit 63 nicht weitermachen werde. Und dabei wird es bleiben.“ Wenn er heute zögert, geht es also weniger ums Aufhören, sondern vielmehr ums Weitermachen. Was hat den Sinneswandel ausgelöst?

„Je näher ein Abschied rückt, umso mehr denkt man darüber nach, das ist nur menschlich“, sagt Schuster. Dabei sei im Grunde unwichtig, ob er 2013 aufhöre oder – im Falle der Wiederwahl – erst 2017. „Es bleibt eine Zäsur, so oder so.“ Stuttgart ist dem Ulmer Schwaben seit seinem Dienst unter dem damaligen OB Manfred Rommel ans Herz gewachsen; inzwischen fühlt er sich „in gewissem Maß“ mit der Stadt verheiratet. „Da ist loslassen besonders schwierig“, sagt er.

Schusters Arbeitspensum ist berüchtigt

Schuster hat in den letzten zwei Jahren eine intensive Zeit erlebt, mit einem gegenläufigen Prozess. Zum einen hat er gemerkt, wie sehr er an diesem Job hängt; wie sehr er die Auseinandersetzung mit den immer wieder neuen Herausforderungen einer „komplexen, internationalen Stadtgesellschaft“ braucht. „Es ist schon ein Faszinosum, Großstadt mitzugestalten“, sagt er.

Schusters Arbeitspensum ist berüchtigt; selten hat ein Arbeitstag bei ihm weniger als 14 Stunden. Für den OB-Posten sei eine „gewisse Härte“ gegen sich selbst unabdingbar, meint er nach wie vor. Doch nun betont der Workaholic auch den Reiz, die Freude an der Arbeit: „Man gibt nicht nur, man erhält auch etwas zurück.“ Als er kürzlich für eine Fachzeitung einen Fragebogen zur Person ­ausfüllen sollte, habe er bei der Frage nach seinen Hobbys „Beruf“ notiert, erzählt Schuster und freut sich darüber, als habe er soeben einen Witz erzählt.

Was den Prozess gegenläufig macht, sind die Schattenseiten von Stuttgart 21. Als im August 2010 die Deutsche Bahn den Nordflügel des alten Hauptbahnhofs abreißen ließ, sind Aktivisten unter dem Johlen Tausender Demonstranten auf den Altbau geklettert und haben ein Transparent mit der Aufschrift „Brandstifter Schuster – Raus aus dem Rathaus“ entrollt. Als der OB am Abend das Weindorf eröffnen wollte, schallten ihm wütende „Schuster raus“-Rufe entgegen. Seitdem gehört die Parole zum Repertoire fast jeder S-21-Kundgebung.

Schuster erhält phasenweise Personenschutz

Dabei ist es nicht geblieben. In den Folgemonaten ist Schuster zigfach beleidigt und zum Teil massiv bedroht worden. Schuster gilt bei der Polizei nicht als besonders gefährdet, erhält aber phasenweise Personenschutz. „Inakzeptables oder kriminelles Verhalten einzelner Täter sollte man nicht zu nahe an sich heranlassen“, sagt Schuster. Er arbeitet die Bedrohung rational auf und warnt davor, die Mehrheit der friedlichen ­S-21-Gegner dafür in Haftung zu nehmen.

Wäre er nur für sein eigenes Wohl verantwortlich – Schuster würde die Wut und die Enttäuschung vieler Bürger, die sich an seinem harten Kurs bei S 21 festmacht, vermutlich ignorieren. Selbstbeherrschung ist für ihn eine Tugend, und „falls mir mal der Kragen platzt, renne ich halt in den Wald“, sagt der Freizeitläufer. Demonstrationen lassen ihn kalt, das kennt er aus Schwäbisch Gmünd, als gegen das Atomwaffenarsenal im nahen Mutlangen „fast täglich protestiert“ wurde. Doch bei S 21 zielt der Protest nicht auf die anonyme Großmacht USA, sondern auf ihn, seine Mitarbeiter – und auf seine Familie. Und Letzteres verändert die Lage grundsätzlich.

Schuster in der Rolle des Opas

Wolfgang Schuster, der seit 1979 mit der Ärztin Stefanie Schuster verheiratet ist, ist im Sommer 2011 Großvater geworden. Die Töchter Friedericke und Angelika haben im Abstand weniger Tage eine Tochter und einen Sohn zur Welt gebracht. Das macht eine neue Justierung des familiären Koordinatensystems erforderlich. „Meine Frau hat für mich lange beruflich stark zurückgesteckt, und meiner Rolle als Vater dreier Kinder bin ich vielleicht nicht immer gerecht geworden“, sagt Schuster selbstkritisch. Nun erwarte die Familie, dass er zumindest gelegentlich der „Rolle des Opas“ gerecht werde. „Das macht Spaß und ist schön – wenngleich ich fast vergessen hatte, wie anstrengend Kleinkinder auch sein können“, gibt er zu.

Darf er die Familie dem Stress einer neuerlichen Kandidatur aussetzen? Der Härte eines Wahlkampfs? Einer weiteren, wenn auch verkürzten Amtszeit? „Das ist ein Kriterium“, sagt Schuster. Auch die Frage, ob die Gesundheit und Fitness weitere viereinhalb Jahre in der Knochenmühle mitmachen, sei „berechtigt“, meint er. Bei OB Rommel wurde im letzten Amtsjahr Parkinson diagnostiziert; dessen Vorgänger Arnulf Klett erlag im Amt einem Herzinfarkt.

Die CDU hätte ein Problem

Die CDU, seine Partei, kommt in dem Gespräch nur am Rande vor. Schuster hat mit den führenden Köpfen in Stadt und Land gesprochen – „und alle haben gesagt, dass sie mich bei einer erneuten Kandidatur unterstützen“. Sollte er Genugtuung darüber empfinden, dass die CDU außer ihm derzeit keinen Kandidaten für das in rot-grünen Zeiten noch wichtigere Amt in der Landeshauptstadt hat, so zeigt er es nicht. Dass er die internen Widerstände der Stuttgarter CDU im Falle einer Kandidatur überwinden würde, davon geht er aus.

Sollte Schuster am Montag den Rückzug einläuten, hätte die CDU ein Problem. Doch das raubt ihm, der stets seine „Unabhängigkeit im wohlverstandenen Interesse der ­Partei“ gepflegt hat, nicht den Schlaf. Es sind vielmehr künftige Aufgaben wie die ­„Ge­staltung der Energiewende“ oder die „partizipative Demokratie am Ende des ­So­zi­al­staats“, die ihn reizen. Dass er mit dem ­Grünen-Ministerpräsidenten Winfried Kretsch­­mann wieder einen Partner im Staatsministerium haben könnte – und keinen Gegner, wie den vorigen CDU-Regierungschef Stefan ­Mappus –, macht die Sache noch attraktiver.

Was zählt mehr? Politik und Beruf? Oder die Familie, das Private? „Ich werde so oder so als engagierter Bürger unsere Stadt weiterhin mitgestalten“, sagt Schuster. Dann zieht er den Stapel zu sich her. An der Rede muss noch gefeilt werden.

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