Hannes Rockenbauch (stehend) diskutiert mit seinen Helfern im Wahlkampfbüro in der Urbanstraße. Foto: Max Kovalenko/PPF

Hannes Rockenbauch (SÖS) setzt auf die Unterstützung vieler – Wahlkampfbüro an der Urbanstraße.

Stuttgart - Hannes kann es. Sogar schreinern. Für sein Wahlkampfbüro im Erdgeschoss des Hauses an der Urbanstraße 72 brauchte man eine Empfangstheke. Andere fahren ins Möbelhaus, Hannes Rockenbauch (32) bastelte lieber selbst. „Da hat sich der OB-Wahlkampf schon gelohnt“, sagt er, „es war schön, mal wieder was mit meinen Händen zu bauen.“ Nun steht sie da, die Theke. Sie wirkt stabil und tragfähig. Und dient geradezu als Symbol für seinen Do-it-yourself-Wahlkampf. Hier gibt’s nichts von der Stange, hier wird maßgefertigt.

Es ist Mittwochabend. Während die Konkurrenz mithilft, das Weindorf zu eröffnen, trifft sich Rockenbauch mit seinen Helfern und Unterstützern im Wahlkampfbüro in der ehemaligen Suppenküche. Wie jeden Mittwoch. Und natürlich abends. „Die Leute arbeiten alle“, sagt Rockenbauch. Wie übrigens der Kandidat auch. Zweieinhalb Tage in der Woche schafft er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Grundlagen der Planung, Fakultät Architektur und Stadtplanung an der Uni Stuttgart. Also wird nach Feierabend Wahlkampf gemacht. Praktikantin Charlotte Gauckler ist im Büro, dazu die 400-Euro-Kraft Ulrike Schumacher. „Sie bringt Ruhe und Ordnung in das Chaos“, sagt Rockenbauch. Ansonsten helfen alle im Ehrenamt. An der Pinnwand hinter der Theke hängt eine Liste. Darin kann sich eintragen, wer im Büro eine Schicht betreuen möchte.

Alles seine Helfer kennt Rockenbauch nicht

Einige Hundert Leute würden ihn tatkräftig unterstützen, so Rockenbauch. „Die kenne ich aber gar nicht alle“, jeder trage bei, was er kann und möchte. Manche stellen Plakate auf, andere verteilen Handzettel, diskutieren auf Wochenmärkten im Namen des Kandidaten, organisieren Veranstaltungen. Manche machen alles. So wie Cornelia Duman. Die im Westen für Rockenbauch wirbt. „Wir sind in unserer Stadtteilgruppe etwa 15 bis 20 Leute“, sagt sie. Und Teil eines Netzwerks, das sich in der ganzen Stadt gebildet hat. Übers Internet konnte und kann man sich melden, den Gruppen in den Stadtteilen anschließen und dort tätig werden.

Getreu Rockenbauchs Motto: „Ich bin kein Sprechzettelapparat!“ Selbst ist der Mann und die Frau. „Die Menschen wissen, wo in ihrer Nachbarschaft der Schuh drückt. Viel, viel besser als ich.“ Diese Erfahrung sollen sie einbringen. Im Osten habe die dortige Gruppe, erzählt Elka Edelkott, die Menschen gebeten, auf Klebezettel zu schreiben, was sie im Stadtteil vermissen. Rockenbauch: „Und so haben wir unser Programm nach und nach erarbeitet.“ Der große Zampano, der die Weisheit mit Löffeln gefressen hat, will er nicht sein.

Aber wie verhindert er, dass man sich verzettelt, sich im Klein-Klein verliert? „Ich will die Menschen zu einem Wandel mitnehmen, das ist mein zentrales Anliegen.“ Und das gehe nur, wenn man ihnen Vertrauen schenke und Verantwortung gebe. Das solle sich in seinem Wahlkampf widerspiegeln. Deshalb würden die Stadtteilgruppen eigenständig agieren. Sie entscheiden, wo, wann und wie geworben wird. „Die Gruppen laden mich zu Veranstaltungen ein. Und sie haben Vorrang.“

„Egal wie die Wahl ausgeht, ich werde weiter hier Politik machen“

Es sind seine Leute. In seiner Stadt. Das ist ihm wichtig. Das ist seine zentrale Botschaft. Die er immer und immer wieder betont. Deshalb braucht man ihm gar nicht mit dem Wort Kampagne zu kommen. Da verzieht er das Gesicht, als habe er in eine Turner-Brezel gebissen. „Die anderen sind eingeflogen, und wenn sie nicht OB geworden sind, fliegen sie wieder aus“, sagt er, „aber ich bin seit acht Jahren Stadtrat hier, das ist meine Stadt, die mir am Herzen liegt, und egal wie die Wahl ausgeht, ich werde weiter hier Politik machen!“

Und keine Kampagne für einige Wochen. Natürlich ist er nicht naiv. Natürlich hat er eine Strategie. Solche Aussagen sind Teil davon. Ich bin Stuttgarter, die anderen nur Besucher. Die Botschaft muss unters Volk. Da hilft nicht nur Mund-zu-Mund-Propaganda. Wie die anderen auch, muss er auf Podien sitzen und diskutieren, muss Hände schütteln auf Wochenmärkten und sich auf Plakaten zeigen.

Dafür braucht er Geld. Den Wahlkampf finanziert er mit Spenden. 35.000 Euro hat er bisher gesammelt, „mein Finanzminister Harald Beck hat den Überblick und sagt uns immer, was wir ausgeben dürfen“. So reichte es jüngst für 15 neue Schirme, die man dringend brauchte, weil die Nachfrage der Stadtteilgruppen so groß war. Aasen kann er aber nicht. „Wir müssen einfallsreich sein. Für Material und Leistungen wie Druck zahlen wir, aber nicht für Ideen.“ Die gebiert die Schwarmintelligenz. Hannes kann es, der Spruch flog ihm zu. Und weil mit Rainer Benz ein Werbeprofi und Inhaber einer Agentur über die Plakate schaut, „ehrenamtlich natürlich“, sagt Rockenbauch, sieht man ihnen den Sparzwang nicht an – ganz im Gegenteil. „Die Plakate sind ein gutes Beispiel, da haben 100 Leute darüber diskutiert, welches wir nehmen.“

Über soziale Medien erreichen Sie ohne große Materialschlacht viele Menschen“

Plakate drucken ist teuer. Da er weniger Geld hat als die Konkurrenz, wird sein Konterfei weniger zu sehen sein in der Stadt. Doch muss man heute wirklich noch sein Gesicht an Laternenpfähle hängen, um Wähler zu fangen? „Über soziale Medien erreichen Sie ohne große Materialschlacht viele Menschen.“ So gibt’s Videos von ihm auf dem Videokanal You Tube, da plaudert er etwa mit Sänger Max Herre, im sozialen Netzwerk Facebook zeigt er sich, und er zwitschert über Twitter.

Aber da war doch noch was? Ach ja, der Bahnhof! Den streift Rockenbauch nur am Rande. Er lehnt Stuttgart 21 weiter vehement ab und will das Projekt als Oberbürgermeister beerdigen, daran lässt er keinen Zweifel. Doch er will mehr sein als der Zählkandidat des Widerstands. „Ich habe für Stadtwerke geworben, da wurde ich mit Hohn und Spott überzogen. Heute will sie jeder.“ Dass die LBBW nicht mehr mit Nahrungsmitteln spekuliert, rechnet er sich als Erfolg an. Feinstaub, Verkehr, Bildung, soziale Gerechtigkeit, „damit habe ich mich in meiner politischen Arbeit schon immer befasst“. Er kann mehr als nur Bahnhof. Darauf legt er Wert. Und das will er vermitteln. Es wird ein Spagat: wählbar bleiben für den Widerstand und andere begeistern, denen der Bahnhof schnuppe ist. Doch davor ist ihm nicht bange: „Diese Wahl ist nicht vorhersehbar. Ich habe gute Chancen, OB zu werden.“ Vielleicht steht ja tatsächlich eines Tages die Empfangstheke im Rathaus. Vor dem OB-Büro.

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