Der Christdemokrat wird vom Rathaus in Backnang in die Landeshauptstadt umziehen. Der schärfste Rivale Marian Schreier kann sein Ergebnis vom ersten Wahlgang immerhin mehr als verdoppeln. Nicht glücklich ist Hannes Rockenbauch.
Stuttgart - Die Wählerinnen und Wähler haben diesmal weniger eifrig vom Stimmrecht Gebrauch gemacht als beim ersten Wahlgang und die Wahlbeteiligung von 49 auf 44,7 Prozent gedrückt. Doch der OB-Sessel in Stuttgart ist vergeben: Am Sonntag hat sich beim zweiten Wahlgang der 59 Jahre alte Kandidat der CDU, der bisherige Backnanger Oberbürgermeister Frank Nopper, mit 42,3 Prozent durchgesetzt. Er hat besonders stark in den nördlichen Stadtbezirken und einigen Neckarorten abgeschnitten. Für ihn sei mit der Wahl zum Stuttgarter OB ein Jugendtraum in Erfüllung gegangen, sagt er.
Dahinter liegt Marian Schreier, der parteiunabhängig angetretene Sozialdemokrat, auf Platz 2. Auf den 30-jährigen Bürgermeister von Tengen (Kreis Konstanz), der in Stuttgart aufgewachsen ist, entfallen 36,9 Prozent. Besonders stark ist er in den Innenstadtbezirken mit Ergebnissen bis zu 45,5 Prozent in Mitte und West. Auf Platz drei rangiert der SÖS-Stadtrat und Fraktionschef des Linksbündnisses im Rathaus, der 40-jährige Hannes Rockenbauch, der seine besten Ergebnisse ebenfalls in der Innenstadt hat. Der profilierte Gegner von Stuttgart 21 konnte diesmal insgesamt 17,8 Prozent der Stimmen auf sich vereinen. Die übrigen sechs Bewerber spielten für den Ausgang der Wahl keine Rolle.
Schreier legt um fast 22 Prozentpunkte zu
Nopper legte gegenüber dem ersten Wahlgang, bei dem er 31,8 Prozent der Stimmen errungen hatte, um 10,5 Prozentpunkte zu. Schreier, der am 8. November auf 15 Prozent und Platz 3 gekommen war, rückte um fast 22 Prozentpunkte nach oben, konnte also einen Achtungserfolg verzeichnen, indem er sein Ergebnis mehr als verdoppelte. Dagegen konnte sich Rockenbauch, zuvor mit 14 Prozent auf Platz 4, nur um knapp vier Prozentpunkte verbessern, allerdings wie Schreier um einen Platz aufrücken, denn die Zweitplatzierte, Grünen-Kandidatin Veronika Kienzle, hatte nach dem ersten Wahlgang die Segel gestrichen.
Von den insgesamt 14 Kandidierenden, die beim ersten Wahlgang mit von der Partie waren, nahmen sich vor der Neuwahl an diesem Sonntag außer Kienzle noch weitere vier Kandidaten aus dem Rennen: der SPD-Bewerber Martin Körner (9,8 Prozent im ersten Wahlgang), der AfD-Bewerber Malte Kaufmann (2,2 Prozent), der Einzelbewerber Sebastian Reutter (4,4 Prozent), der danach zur Wahl von Frank Nopper aufrief, sowie der Immobilienunternehmer und Bordellbesitzer John Heer (0,8 Prozent).
Uneinigkeit des ökosozialen Lagers verhilft Nopper zum Sieg
Damit wurden vor dem zweiten Wahlgang rechnerisch 34,4 Prozent Stimmenanteile frei, und die große Frage war, wer davon profitieren würde. Die Mehrheit der Stimmen, die Kienzle bekommen hatte, erhoffte sich Schreier, obwohl es zwischen den Grünen, der SPD, dem Linksbündnis im Gemeinderat und Schreier nicht zu einem Wahlbündnis und einem gemeinsamen Wahlaufruf gekommen war. Schreier wollte auf jeden Fall wieder antreten, und Rockenbauch hätte zwar Kienzle als gemeinsame Kandidatin des ökosozialen Lagers mitgetragen, aber nicht Schreier. Er wollte die wichtigen Themen Klima, Verkehr und Wohnen nicht Schreier und einer Koalition im Gemeinderat aus CDU und SPD überlassen. Daher trat auch er wieder an. Kienzle mochte keine Verantwortung übernehmen, dass man wegen der Uneinigkeit Nopper zum OB-Sessel verhilft, obwohl eine große Mehrheit der Wähler von rund 56 Prozent beim ersten Wahlgang die Kandidierenden aus dem ökosozialen Spektrum unterstützte und nicht den CDU-Bewerber.
Am Ende gaben dann weder die Grünen eine förmliche Wahlempfehlung für den zweiten Wahlgang ab noch die SPD. Die Sozialdemokraten hatten zuerst Martin Körner als Kandidaten nominiert und zeitweise sogar ein Parteiausschlussverfahren gegen Schreier erwogen. Nach dem Rückzug Körners hätten die Genossen ein ökosoziales Wahlbündnis mit einem gemeinsamen Kandidaten Schreier mitgetragen. Nach dem Scheitern der Bündnisbestrebungen und heftigen Diskussionen in den eigenen Reihen verzichtete die Partei aber auf eine Wahlempfehlung zugunsten des Tengener Schultes.
Nopper möchte Stuttgart „wieder zum Leuchten bringen“
Noppers Sieg zeichnete sich am Sonntag schon um 18.30 Uhr ab, als beim ersten Zwischenergebnis aus einem kleinen Teil von Stuttgart für ihn 43,9 Prozent gemeldet wurden. Eine Stunde später standen noch letzte Teilergebnisse aus, aber das Rennen war zu diesem Zeitpunkt schon gelaufen. Nopper sagte in Stuggi TV, ausschlaggebend seien seine „Ideen und Projekte mit Maß und Mitte“ und seine OB-Erfahrung in Backnang gewesen. Er wolle ein OB für alle sein. Er wolle verbinden, versöhnen und Brücken bauen. Stuttgart solle wieder „mehr leuchten in der Region, in Deutschland und in Europa“. Bereits in den ersten Wochen wolle er die Beschleunigung und Entbürokratisierung der Verwaltung angehen sowie die Digitalisierungs- und Sanierungsoffensive an den Schulen vorantreiben. Zunächst wolle er noch am Wahlabend mit der Familie ein gutes Tröpfchen trinken – Rosé oder Weißherbst.
Rockenbauch will nicht der „Nopper-Macher“ sein
Marian Schreier sagte, es habe zwar nicht gereicht für ihn, aber er freue sich riesig, dass sich mehr als 60 000 Wählerinnen und Wähler für sein Angebot entschieden hätten, Politik jenseits der etablierten Strukturen zu gestalten. Gerade viele junge Menschen seien an die Kommunalpolitik herangeführt worden. Auf die Frage, ob Rockenbauch ihn mit seiner Kandidatur des Sieges beraubt habe, will Schreier „nicht nachkarten“.
Rockenbauch reagierte anders. Er wollte sich auch nicht als „Nopper-Macher“ bezeichnen lassen. Wäre es nach ihm gegangen, sagte Rockenbauch, dann hätte sich Schreier zurückgezogen und die Grünen-Kandidatin Kienzle wäre für ein Bündnis angetreten. „Dann hätten wir jetzt eine ökosoziale Oberbürgermeisterin.“ Rockenbauch kündigte an, dass er im Gemeinderat nun als „Oppositionsführer“ auftreten und „Druck auf die CDU und Nopper ausüben“ wolle, damit der neue OB sich für ein klimapositives Stuttgart, bezahlbares Wohnen und die Verkehrswende einsetzen müsse. Für die Themen also, die man vor dem Scheitern des Wahlbündnisses schon formuliert hatte.
CDU feiert einen „großen Tag“ für die Kreispartei
Erste Reaktionen der politischen Gruppierungen ließen nicht lang auf sich warten. Der CDU-Kreisvorsitzende Stefan Kaufmann sprach von einem „großen Tag für die CDU Stuttgart“. Das Ergebnis zeige, dass die Wähler keine Ideologie, sondern eine Politik des Miteinander wollten. Die Grünen hätten den Sieg in Stuttgart nicht abonniert.
Alexander Kotz, CDU-Fraktionschef im Rathaus, erklärte, „wir sind extrem stolz, wieder den OB stellen zu können“. Damit komme auch wieder mehr Verantwortung auf die CDU-Fraktion zu. Sie werde aber „sicherlich nicht alles abnicken, was vom OB kommt, wie das die Grünen bisher gemacht haben“.
Für die FDP sagte der Kreisvorsitzende Armin Serwani: „Wir sind zuversichtlich, mit Frank Nopper den richtigen Mann für diese Jahre zu haben. Die Zeiten des Stillstands müssen jetzt vorbei sein.“ Auch die Freien Wähler, die Nopper im Wahlkampf unterstützt hatten, versprachen dem neuen OB ihre Unterstützung. Mit ihm würden „große Tatkraft und eine neue Dynamik an der Verwaltungsspitze Einzug halten“.
Der scheidende Amtsinhaber Fritz Kuhn (Grüne) sicherte seinem Nachfolger einen reibungslosen Übergang der Amtsgeschäfte zu und wünschte ihm alles Gute und viel Erfolg. „Feiern Sie mit Abstand“, riet er.