In der Birkacher Grundschule finden sich drei Wahllokale – hier sind zwei zu sehen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Gelüftet wird im 20-Minuten-Takt, zwei Wähler dürfen zeitgleich die Wahllokale betreten. Auch der zweite Wahlgang findet im Zeichen der Pandemie statt. Es zeichnet sich eine geringe Wahlbeteiligung ab – zumindest, was die direkte Stimmabgabe angeht.

Stuttgart - Im Schickhardt-Gymnasium in Stuttgart-Süd ist es am Sonntagmittag gegen halb eins ruhig. Hatte sich vor drei Wochen zur selben Zeit noch eine lange Schlange vor dem Wahllokal gebildet, treffen am zweiten Wahlsonntag der Stuttgarter Oberbürgermeisterwahl die Wählerberechtigten nur tröpfchenweise im Wahllokal von Michael Erhardt ein.

„Es war den ganzen Vormittag schon wenig los“, berichtet der Wahlvorsteher des Wahlbezirks 004-15. Von den rund 1800 Wahlberechtigten, die im Bezirk an diesem Tag ihre Stimme im Wahllokal abgeben könnten, hatten bis um 12 Uhr geraden einmal 80 ihren Stimmzettel in die Urne geworfen. Das waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal fünf Prozent der Wahlberechtigten. Und auch Briefwahlunterlagen hatten, so berichtet Erhardt, beim zweiten Wahlgang weniger Bürger beantragt als noch vor drei Wochen. Damit liegt der Wahlbezirk im Trend: Laut dem Stadtsprecher Sven Matis rechnet das Statistische Amt (Stand 16 Uhr) mit einer Wahlbeteiligung von nur 44,1 Prozent. Das wären etwa zwei Prozentpunkte weniger als 2012.

Vor Eintritt ins Wahllokal werden die Hände desinfiziert

Bei so geringem Andrang stellen auch die Hygienemaßnahmen, die es bei der Abgabe der Stimmzettel einzuhalten gilt, keinerlei Probleme dar. „Wir lassen nur zwei Personen gleichzeitig in das Klassenzimmer“, erklärt der Wahlvorsteher. Am Sonntagmorgen war jedoch meistens sogar nur ein Wähler im Raum. Gleichwohl: Gelüftet wird wie beim ersten Wahlgang im 20-Minuten-Takt. Anders als am sonnig-warmen ersten Wahlsonntag müssen die Wahlhelfer aufgrund der kälteren Witterung nun aber manches Mal warme Winterjacken überziehen, wenn es im Wahllokal zu kalt wird. Zu den Hygienemaßnahmen gehört auch, dass die Wähler vor Eintritt in den Wahlraum ihre Hände desinfizieren müssen und nach Möglichkeit mit dem eigenen Kugelschreiber das Kreuzchen auf dem Wahlzettel setzen. „Wie vor drei Wochen hatten viele ihren eigenen Stift dabei“, sagt Erhardt.

Eine Gruppe junger Wähler, die am Sonntagmittag gemeinsam ihre Stimme im Schickhardt-Gymnasium abgeben, hat die Pandemie zumindest nicht vom Gang an die Wahlurne abgehalten: „Wenn wir mit der U-Bahn zur Arbeit fahren, sind die Bahnen ja auch brechend voll“, sagt ein junger Mann aus der Gruppe. Und eine junge Frau bestätigt: „Und bei der Arbeit selbst ist es nicht anders.“ Soll heißen: Der Wahlgang wird in Bezug auf die Infektionsgefahr von diesen jungen Wählern als weit weniger problematisch angesehen als der tägliche Weg zur Arbeit und die Berufsausübung.

Briefwahl zu beantragen hätte sich komisch angefühlt, sagt ein Lehrer

Die Entscheidung, welchem der verbliebenen neun Kandidaten bei der OB-Wahl sie ihre Stimme geben sollen, fällt zumindest den jungen Wählern aus dieser Gruppe so leicht wie der Wahlgang selbst. „Es war klar, dass es für uns nur einen Kandidaten auf der Liste gibt, den wir wählen können“, sagt einer aus der Runde. Die junge Frau wird konkret: „Hannes Rockenbauch steht für die Politik ein, die uns am nächsten ist.“ Auf die Frage, ob der Kandidat des Linksbündnisses im Stuttgarter Rathaus im zweiten Wahlgang tatsächlich eine realistische Chance habe, reagieren die jungen Leute dann aber mit Skepsis: „Wenn man ehrlich ist, eher nicht. Wir leben in einer konservativen Stadt.“

In Sachen Hygieneschutz beim Wahlgang stößt ein 32-Jähriger, der ebenfalls im Schickhardt-Gymnasium wählt, ins selben Horn. „Ich stehe als Lehrer jede Woche vor einer vollen Klasse. Da ist das Ansteckungsrisiko viel größer. Es wäre komisch, wenn ich wegen der Oberbürgermeisterwahl nun extra Briefwahlunterlagen beantrage.“ Zwar sagt auch dieser Wähler, dass aus seiner Sicht die Entscheidung für einen geeigneten Kandidaten nicht schwer gewesen sei. Dennoch hätte sich der Lehrer gewünscht, sich noch mehr mit den verschiedenen Wahlprogrammen auseinanderzusetzen. „Wir sind aber als Lehrer derzeit an den Schulen dermaßen eingespannt, um die Corona-Situation zu meistern, dass ich kaum Zeit habe, mich um andere Dinge zu kümmern.“

In Birkach ist die Wahlbeteiligung auch ungewöhnlich niedrig

Auch in der Grundschule in Birkach, wo gleich drei Wahlbezirke ihre Wahllokale haben, registriert man am Sonntagmittag eine deutlich zurückhaltendere Wahlbeteiligung als beim ersten Wahlgang am 8. November. „Dass so wenig los ist, ist ungewöhnlich“, sagt Olaf Harsch, der stellvertretende Wahlvorsteher im Bezirk 007-02. Wie im Stuttgarter Süden stellt auch Harsch in Birkach einen bis dahin reibungslosen Wahlverlauf fest. Maskenverweigerer oder selbst ernannte Wahlbeobachter sind bis zu diesem Zeitpunkt weder hier noch dort aufgetaucht.

Dass Wahlberechtigte aus Schönberg, um ihre Stimme abzugeben, eigens nach Birkach kommen müssen, lässt im Birkacher Wahlbezirk 007-01 freilich erneut Unmut aufkommen. „Da müssen wir nun extra mit dem Auto herfahren“, ärgert sich ein Wähler. Die betroffenen Schönberger sind in beiden Wahlgängen Opfer einer verunglückten Neuzuteilung der Wahlbezirke durch das Statistische Amt geworden.

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