Vor acht Jahren schlug Martin Horn sensationell den grünen Amtsinhaber Dieter Salomon. Mit Veilchen und einer Sympathietour kämpft er jetzt um seine Wiederwahl.
Die Ziege namens Stracciatella frisst Martin Horn aus der Hand. Der Freiburger Oberbürgermeister schaut an diesem Nachmittag beim Verein „Ziegenwiese“ im Stadtteil Zähringen vorbei, ein Ort für kunst- und tierpädagogische Angebote. Schulverweigerer werden hier behutsam an einen Lernalltag herangeführt. Horn streichelt die Ziegen, informiert sich über die wichtige Arbeit, jongliert mit drei Kegeln und überreicht ein Hornveilchen an die Chefin. Dann ist noch Zeit für einen kleinen Aufsager für die Social-Media-Kanäle. „Das macht Freiburg irgendwie aus, dass Menschen anpacken, dass sie Dinge besser machen wollen“, lobt er.
Auch Horn selbst will anpacken und weitermachen, „Freiburg gemeinsam gestalten“, wie es auf seiner Wahlwerbung steht. Seit acht Jahren führt der heute 41-Jährige die viertgrößte Stadt Baden-Württembergs. Sensationell schlug der parteilose Pfälzer Pfarrerssohn – damals Europa-Koordinator im Sindelfinger Rathaus – den langjährigen Platzhirsch Dieter Salomon von den Grünen, vor allem dank einer gelungenen Social-Media-Kampagne.
Der Amtsinhaber kickt mit Nils Petersen
Am kommenden Sonntag, 26. April, stellt sich Horn nun zur Wiederwahl. Eine Umfrage der „Badischen Zeitung“ gibt ihm ordentlich Rückenwind. Demnach wollen ihm 47 Prozent der Freiburger ihre Stimme geben. So gesehen ist die Wahl fast schon gelaufen. Horn gilt als nahbar und sympathisch. Im modischen Mantel und mit Sneakers macht er immer eine gute Figur. Mit Comedian Cossu trifft er sich an der Spielekonsole, mit SC-Freiburg-Legende Nils Petersen geht er kicken. Der Vater von drei Jungen, der mit einer Marketing-Spezialistin verheiratet ist, kann mit allen. Einzig im Gemeinderat ist seine Anhängerschar trotz vieler Konsensentscheidungen überschaubar. Nur SPD und FDP, die ihn schon vor acht Jahren unterstützt haben, werben für seine Wiederwahl. Das sind gerade einmal zehn von 48 Räten.
Ein ungleich größeres Bündnis versammelt die wichtigste Gegenkandidatin hinter sich. Monika Stein, die Landesvorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, kann auf die Unterstützung des kompletten linksgrünen Spektrums bauen. Das sind 24 der 48 Sitze im Gemeinderat. Zuzüglich ihrer Stimme als OB würde sie über eine Mehrheit verfügen. „Ich bin die einzige, die nicht nur Versprechungen macht, sondern auch eine politische Realisierungsperspektive bieten kann“, sagt die 56-Jährige bei der offiziellen Wahlvorstellung im Konzerthaus.
Auch die Anarchistische Pogo-Partei ist am Start
Bei seiner Tour durch den Freiburger Norden steht Horn vor dem „Zähringer Stüble“, einer typischen Eckkneipe, wie es sie auch in Freiburg immer seltener gibt. „Das könnte jetzt ein Fehler sein“, sagt er und schon steht er im Gastraum. „Wo warst du die acht Jahre?“, empfängt ihn die Wirtin. „Du hast gesagt, Du kommst mal vorbei.“ Dann aber will sie doch unbedingt ein Bier ausgeben für den prominenten Gast, der offenbar immer nur im Wahlkampf vorbeischaut. Horn nimmt ein Alkoholfreies, zahlt es selbst und posiert mit der Wirtin zum Selfie.
Die älteren Herren am Stammtisch unter einer großen SC Freiburg-Flagge sind etwas reservierter. Vor acht Jahren habe er Horn ja unterstützt, da sei er SPD-Ortsvorsitzender im Norden gewesen, erzählt Uwe Becker, seines Zeichens Lateinlehrer an einem Gymnasium in der Nachbarschaft. Jetzt sei er sich nicht so sicher, wem er seine Stimme geben werde. Obwohl neun Kandidaten – vom AfD-Mann bis zum Punk von der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands (APPD) – auf dem Wahlzettel stehen, sei die Auswahl bescheiden. Vor allem sei es ein Witz, dass die Grünen als „stärkste politische Kraft keinen eigenen Kandidaten“ aufbieten.
Sogar Robert Habeck wirbt für Monika Stein
Am Morgen auf dem Stühlinger Markt direkt hinter dem Freiburger Hauptbahnhof steht das Lastenfahrrad der Grünen, davor verteilt die Kreisvorsitzende Pauline Valentin die Broschüren von Monika Stein. „Freiburg kann mehr“, lautet der Werbeschriftzug unter Steins Namen. Dass er im parteitypischen Grünton unterlegt ist, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Stein zumindest aus Sicht von Realos eine eher problematische Kandidatin sein dürfte. Die Freiburger Grünen-Fraktion verließ sie 2008 im Streit, seither gibt es die „Grüne Alternative“, eine linke Abspaltung. Sogar vor Gericht traf man sich, weil sich die Mehrheits-Grünen das Monopol auf die Parteifarbe sichern wollten.
Jetzt macht sogar Robert Habeck für sie Wahlkampf. In jungen Jahren hat der ehemalige Wirtschaftsminister in Freiburg Germanistik studiert. „Freiburg kann mehr“, sagt auch er und empfiehlt Stein in einem Kurzvideo. Sie sei ja von sich aus auf die Grünen zugekommen und habe ihre Kandidatur auch von einer Unterstützung durch die Partei abhängig gemacht, rechtfertigt Kreisvorsitzende Valentin ihren Einsatz für Stein. Auch vor acht Jahren hatte Stein kandidiert und dadurch maßgeblich zur Wahlniederlage des grünen Amtsinhabers Salomon beigetragen. Anders als jetzt gab es noch keine explizite Stichwahl, und Stein hielt als Drittplatzierte auch im zweiten Wahlgang an ihrer Kandidatur fest. Horn genügten 44,2 Prozent zum Sieg.
Ist die Grünen-Kandidatin zu links?
Als Hauptgeschäftsführer der Freiburger Industrie- und Handelskammer (IHK) hat Salomon nach seinem schmerzhaften Machtverlust einen neuen Aufgabenbereich gefunden. „Ich bin darüber weg“, sagt er. Mit Stein habe er keine Rechnung offen. Trotzdem habe er seiner Partei dringend geraten, eigenes Personal aufzustellen. Schon bei der OB-Wahl in Konstanz, der zweiten südbadischen Universitätsstadt, hatten die Grünen einen Linke-Kandidaten, den Stuttgarter Luigi Pantisano, unterstützt. Trotz aussichtsreicher Ausgangsposition war man gescheitert. „Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass Wahlen in der Mitte entschieden werden“, sagt Salomon.
Allerdings beginnt diese Mitte im „Biotop Freiburg“, wie es der Freiburger Politikwissenschaftler Michael Wehner nennt, deutlich weiter links als anderswo. Selbst der CDU-Kandidat Achim Wiehle ist dafür ein Beleg. Dankbar hat sich die Freiburger CDU – lediglich sechs Sitze im Gemeinderat – hinter dem parteilosen Unternehmer versammelt. Auch Wiehle gibt sich progressiv, wirbt für Klimaschutz, fährt mit dem Elektroauto, versucht allerdings, die Unternehmerkarte zu spielen. Nur was erwirtschaftet werde, könne hinterher ausgegeben werden, heißt die Kernbotschaft des 54-Jährigen.
Freiburg boomt
Wobei: die Gewerbesteuern sprudeln. Die örtliche Pharmabranche und IT-Firmen wie Deutschlands wertvollstes KI-Start-up Black Forest Labs sind krisenresistent und laufen prächtig. Auf 270 Millionen Euro an Gewerbesteuern hofft die Stadt im laufenden Jahr. Das wäre gegenüber dem Jahr 2018, als Horn ins Amt kam, ein dickes Plus von 90 Millionen Euro. Zum Vergleich: In Stuttgart, wo die Krise der Automobilindustrie gegenwärtig durchschlägt, ist das Gewerbesteueraufkommen wieder auf den Wert von 700 Millionen im Jahr 2018 gesunken, nach einem Zwischenhoch in den Jahren 2022 und 2023 von bis zu 1,5 Milliarden Euro.
Dennoch hat der Freiburger Schuldenberg eine Rekordhöhe erreicht, und der angespannte Wohnungsmarkt zerrt vielen an den Nerven. In den Augen der Bürgerinnen und Bürger ist es nach wie vor das Problem Nummer eins – trotz neuer Baugebiete und eines geplanten neuen Stadtteils im Westen. All diese Projekte hat noch Horns Vorgänger durchgekämpft. Der hat schon damals sein Urteil gefällt. Horn sei ein „Wohlfühlpopulist“, lautete Salomons wenig schmeichelhafte Diagnose.
Von der Verpackungssteuer hält Horn gar nichts
Wenn man so will, zeigt sich das auch bei einer der wenigen Fragen, bei denen sich Horn klar positioniert hat. Von der Verpackungssteuer – die eine knappe Gemeinderatsmehrheit zum Jahresbeginn nach dem Vorbild von Tübingens OB Boris Palmer eingeführt hat und die viele, vor allem Jüngere, nervt – halte er überhaupt nichts. Zu kompliziert und sozial ungerecht sei sie, sagt Horn immer wieder. Dass sie in Tübingen und Konstanz reibungslos laufe – Horn bezweifelt es.
In Zähringen ist er inzwischen in den Friseursalon „Vier Haareszeiten“ weiter gezogen. Auch der Dame unter der Trockenhaube überreicht er eine seiner selbst gezogenen Hornveilchen, von denen er tausend Stück im Wahlkampf verteilt hat. Sie sind nicht nur ein Wortspiel, sondern auch eine augenzwinkernde Anspielung auf den Wahlabend vor acht Jahren. Ein Mann mit psychischen Problemen hatte ihm damals eine gebrochene Nase nebst blauem Auge verpasst.
Was nach Selbstironie klingen soll, hält Matthias Deutschmann schlicht für Selbstverliebtheit. In der Woche vor der Wahl veröffentlicht der Kabarettist täglich ein neues Wortspielplakat: „Horno da capo? Ich spiele mich immer selbst“, heißt eines der Porträts, das Horn als Staatsmusiker zeigt. Er wolle Horns permanenter Selbstinszenierung, seinen empathischen Phrasen, seinem entwaffnenden Duzen und seinem freundlichen Dauergeschwätz etwas entgegensetzen, sagt Deutschmann.
Im „Vier Haareszeiten“ findet man die Wortspiele nicht so schlimm. „Ich habe Sie schon gewählt“, sagt die Friseurin und stellt ihr Veilchen auf die Theke.