Will mit Aufreger-Themen punkten: Stefan Thien Foto: Stefanie Schlecht

Stefan Thien (Werteunion) tritt am 25. Januar bei der OB-Wahl in Böblingen an. Er gehört zu den Kritikern der Windpark-Pläne und will die städtischen Finanzen durchleuchten.

„Wald erhalten, bessere Verkehrsplanung, schnellere Baustellen, keine Abgabenerhöhung“ – mit diesen Schlagworten wirbt Stefan Thien auf Plakaten für sich als Böblinger Oberbürgermeister-Kandidat. Der 63-Jährige stellt Aufreger-Themen ins Zentrum seines Wahlkampfes. Seine Zugehörigkeit zur rechtsliberalen Partei Werteunion will er nicht betonen, aber auch nicht verschweigen.

 

Im Fall einer Wahl würde der langjährige Bankberater als erste Amtshandlung die städtischen Finanzen prüfen, wie er im Redaktionsgespräch ankündigt. „Dann könnte man sehen, was tatsächlich machbar und was nicht realisierbar ist“, so Thien. Er glaubt, dass der Personalbestand auf dem Rathaus zu hoch sei und verkleinert werden müsse. Zudem würde er prüfen, welche Investitionen tatsächlich notwendig seien. „Neue Schulen zu bauen, ist wichtig, aber am Stockbrünnele wurde in Luxus investiert, der nicht den Schülern dient und anderen Schulen schadet“, behauptet Thien und zielt damit auf die Holzbauweise.

Scharfer Kritiker des interkommunalen Windparks bei Böblingen

Ein rotes Tuch ist für Stefan Thien der interkommunale Windpark zwischen Böblingen, Holzgerlingen und Ehningen, der in den vergangenen Jahren hitzig diskutiert wurde. Zwar ist das Projekt durch die Verkleinerung des potenziellen Gebiets per Regionsbeschluss praktisch vom Tisch, doch der 63-Jährige bleibt skeptisch: „Das Areal ist ja weiterhin Vorranggebiet, Windräder sind also noch möglich.“

Dem amtierenden Oberbürgermeister Stefan Belz (Grüne) nimmt er übel, dass er sich trotz des vehementen Protests von der Diezenhalde bis zuletzt für den Windpark eingesetzt habe. Zwar glaubt Stefan Thien, dass Verkehrsprojekte wie der Ausbau der B 464 zwischen Böblingen und Holzgerlingen oder der anstehende Bau des Pfaffensteigtunnels in Richtung Flughafen richtig seien – darüber hinaus müsse der Wald aber geschützt werden.

In diesem Sinne regt sich Stefan Thien aktuell über den seiner Ansicht nach zu starken Holzeinschlag auf. Dass dies der übliche Eingriff des Forsts in den Bestand sei und im Frühjahr wieder zugewachsen, glaubt er nicht. „Aktuell wird oberhalb der Diezenhalde zu viel eingeschlagen.“ Aus seiner Sicht müsse der Wald im Südwesten Böblingens zum Naturschutzgebiet werden, betont der Finanzexperte.

Kandidat spricht sich für den Rückbau von Radwegen aus

Ein weiteres Aufreger-Thema, mit dem Stefan Thien Wahlkampf macht, ist die Verkehrssituation in Böblingen: Es gebe zu viele Staus, zu lange Baustellen und fragwürdige Radwege. „Man kann nicht alles beseitigen, was schon umgebaut wurde wie zum Beispiel am Elbenplatz“, weißt Thien, „aber an manchen Stellen sind Veränderungen möglich.“ Insbesondere denkt der 63-Jährige hier an den Radweg in der Calwer Straße, für den einst eine Autospur weichen musste – seit vielen Jahren sorgt diese Regelung für dicke Hälse unter den Autofahrern.

„Der Schutz des Waldes und die vielen Staus – das sind die Themen, die ich immer wieder zu hören bekomme“, sagt er und glaubt, dass man die Bürgerschaft viel stärker in Entscheidungen einbinden müsste. „Bürgerentscheide nach Schweizer Vorbild halte ich für den richtigen Weg“, sagt der Böblinger, der sich in der Passivphase der Altersteilzeit befindet.

Stefan Thien ist Mitglied der Werteunion, die sich zunächst als Verein von enttäuschten CDU/CDU-Abgeordneten formierte und 2024 als rechtsliberale Partei gegründet wurde. „Für mich sind die Wirtschaftsthemen wichtig“, sagt der langjährige Bankberater. Seine Werteunion-Mitgliedschaft habe mit den lokalen Themen aber nichts zu tun. „Ich sehe mich als überparteilicher Kandidat, verheimliche aber nicht, wo ich herkomme“, so Thien. Da es keinen OB-Bewerber aus dem bürgerlichen Lager gibt, rechnet er hier wohl mit einigen Stimmen.

Immer wieder unzufrieden: Erst FDP, dann AfD, jetzt Werteunion

Ursprünglich war Stefan Thien Mitglied der FDP, wechselte aber 2013 zur AfD und gründete den Landesverband mit – zu Zeiten, als noch Bernd Lucke und Frauke Petry die Partei führten und der Fokus auf der Euro-Kritik lag. 2017 trat Thien für die AfD gar bei der Bundestagswahl als Direktkandidat im Wahlkreis Schwäbisch Hall an, schaffte den Einzug ins Parlament aber nicht.

2021 dann brach Stefan Thien mit der Partei. „Inzwischen gibt es zu viele Umtriebe in der AfD, die ich nicht mehr akzeptieren kann“, hieß es in seiner damaligen Stellungnahme. „Ich bin wegen der teilweise rechtsextremen Bestrebungen ausgetreten“, sagt Thien heute. Aktuelle Führungskräfte wie Alice Weidel oder Markus Frohnmaier kritisiert er dafür mit Nachdruck.

In der Werteunion finden sich etliche ehemalige AfD-Mitglieder wieder, so zum Beispiel der einstige Bundessprecher Jörg Meuthen, der bei der anstehenden Landtagswahl in Baden-Württemberg am 8. März der Spitzenkandidat der Werteunion ist. Für ihn koordiniert Stefan Thien die Wahlkampf-Termine und engagiert sich darüber hinaus im Landtagswahlkampf seiner Partei.

Auch die Werteunion ist vor Konflikten nicht gefeit. Erst im Herbst hatte der Gründer und Vorsitzende Hans-Georg Maaßen die Partei verlassen. „Als Ideengeber hätte ich ihn weiter gerne dabei gehabt“, sagt Thien, „aber mit ihm als Parteivorsitzender hat das nicht funktioniert.“

Die Landtagswahl am Horizont, die OB-Wahl direkt im Blick – Thien glaubt jeweils an ein gutes Ergebnis und sieht sich in Böblingen nicht in der Rolle des abgeschlagenen Außenseiters. „Alles ist möglich“, sagt er.

Zwei Kandidatenvorstellungen

Die OB-Wahl in Böblingen steht am Sonntag, 25. Januar, an. Neben Stefan Thien kandidieren fünf weitere Personen für den Posten des Oberbürgermeisters: Amtsinhaber Stefan Belz, Aleksandar Blazevski , Lucas Guimaraes de Macedo, Fridi Miller und Werner Schneider. Die Kandidierenden können sich an zwei offiziellen Terminen der Öffentlichkeit präsentieren. In Böblingen findet die Kandidatenvorstellung am Montag, 19. Januar, in der Kongresshalle statt. In Dagersheim ist sie für Dienstag, 20. Januar, in der Festhalle vorgesehen. Beginn jeweils um 19 Uhr.

Zur Person

Jugend
1962 in Stuttgart geboren, ist Stefan Thien in Ostfildern-Nellingen aufgewachsen, wo er die Realschule absolviert hat.

Beruf
Der Bankkaufmann begann seine Laufbahn bei der Landesgirokasse und war Thien sein gesamtes Berufsleben im Finanz- und Versicherungswesen tätig. Als höchsten Ausbildungsabschluss gibt er „Financial Consultant“ der Frankfurt School of Finance an. Zuletzt war er bei der BW-Bank in Böblingen Geschäftskundenberater und befindet sich nun in der Altersteilzeit.

Neue Heimat
Stefan Thien lebt seit 2008 in Böblingen, wohnt auf der Diezenhalde und ist ledig. Er ist Mitglied der Werteunion und hilft im Landtagswahlkampf.