Bei der Kandidatenvorstellung zur OB-Wahl scheint das für Böblingen eigentlich beendete Thema Windpark noch immer die Gemüter zu erhitzen. Vor allem ein Kandidat erntet Zustimmung.
Die Windkraft bleibt ein emotionales Thema bei vielen Böblingerinnen und Böblingern. Und das, obwohl das einst ins Auge gefasste Windparkgebiet „BB14“ südlich des Waldfriedhofs, das vor allem die Diezenhalde-Bewohner betroffen hätte, praktisch vom Tisch ist. Im Waldgebiet zwischen Böblingen und Mauren wird es aufgrund einer „Lex Diezenhalde“ ausgesprochen unwahrscheinlich sein, dass dort Windräder stehen werden. So entschied die Regionalversammlung vergangenes Jahr und das betonten beteiligte Akteure wie die Stadtwerke Böblingen.
Dennoch bewegt die Frage nach möglichen Standorten von Windrädern die Böblinger Bürgerschaft. Das zeigte die Fragerunde bei der offiziellen Kandidatenvorstellung zur Wahl des Oberbürgermeisters in der Kongresshalle am Montagabend. Dort präsentierte sich das sechsköpfige Bewerberfeld aus Amtsinhaber Stefan Belz, Fridi Miller, Aleksandar Blazevski, Stefan Thien, Lucas Guimaraes de Macedo und Werner Schneider auf der Bühne.
Diezenhaldener Thema bestimmt die Fragerunde
Eine seit 30 Jahren auf der Diezenhalde wohnende Frau läutete die Publikumsrunde mit der Frage ein, eine weitere Diezenhaldenerin und ein Böblinger folgten ihr thematisch: „Was tun Sie dafür, um das letzte Naherholungsgebiet im Gebiet ‚BB14’ zu erhalten?“ Zur Erinnerung: Das Gebiet südlich des Stadtteils wird in Sachen Windkraft außer acht gelassen, da dort die eigens beschlossene Regelung eines 1200 Meter-Abstands von Windrädern zum Wohngebiet kaum eingehalten werden kann. Nur eine kleinere Zone wäre theoretisch denkbar. Das Projekt wird aus praktischen Gründen aufgegeben.
Während Werner Schneider (parteilos) die Stadtwerke mit einer Studie nach möglichen Windkraftstandorten beauftragen würde, würde ein OB Lucas Guimaraes de Macedo (Volt) seinen Fokus nun auf Photovoltaik (PV) legen. Aleksandar Blazevski (parteilos) ist gegen Windräder nahe der Diezenhalde, auch „weil wir nicht an der Küste sind und die Räder nicht auslasten könnten“. Fridi Miller (parteilos) erklärt, dass der Windpark „vom Tisch sei“. Sie plädiere für Energie aus PV : „Vielleicht wäre noch mehr PV hinter dem Sensapolis möglich.“ Streng genommen gehören diese Flächen nicht mehr zu Böblingen, sondern sind bereits Sindelfinger Gemarkung.
OB Stefan Belz (Grüne) unterstreicht: „Die Stadtwerke werden das interkommunale Windradprojekt nicht realisieren, weil es nicht wirtschaftlich wäre. Wir haben kaum Naturwälder, sondern fast ausschließlich bewirtschaftete Forste. Im Westen, Süden und Osten Böblingens gibt es noch zahlreiche Walderholungsgebiete.“ Außerdem, erklärt der OB, gebe es eine Waldkonzeption, die für zehn Jahre festlegt, wo Holz abgetragen werden dürfe und wo aufgeforstet werden müsse. 2026 wird eine neue erstellt werden.
In Bezug auf Energie setzt der Rathauschef vermehrt auf Fernwärme und Solar.
Böblinger OB-Kandidat Stefan Thien klarer Windkraftgegner
Am deutlichsten in seiner Haltung gegenüber Windrädern vor allem in dem mittlerweile ausgeschlossenen Waldgebiets „BB14“ war und ist Stefan Thien. Auf Wahlkampfauftritten und im Gespräch mit unserer Zeitung betonte das Mitglied der Werteunion die Ablehnung gegenüber des ursprünglich geplanten interkommunalen Windparks von Böblingen, Ehningen und Holzgerlingen. Seine Ablehnung begründete Thien stets mit dem Einsatz für den Wald. Abgeschlossen ist für den ehemaligen Bankberater das Thema allerdings noch nicht. Er warnt: „Lassen Sie sich nicht blenden. Nur weil die Stadtwerke ausgestiegen sind, heißt das nichts. Es besteht weiter die Gefahr, dass hier woanders Geld investiert wird. Wir haben hier noch immer ein Vorranggebiet.“
Für seine Positionierung gegen Windkraft erntet der ehemalige AfD-Funktionär immer wieder Applaus. Auch für die Aussage, die Stadt Böblingen handele hier „ideologisch verblendet“, erhielt der 63-Jährige Zustimmung. Er beobachte in Böblinger Waldgebieten eine Abholzung: „Der Wald wird für Rendite und Wirtschaftsinteressen abgeholzt. Aktuell sind das Eichen, die 40 bis 60 Jahre brauchen, bis sie Eicheln tragen. Mein Bruder ist Förster; ich weiß, wie man mit einem Wald umgehen muss. Wir müssen den Wald erhalten und als Naturschutzgebiet ausweisen.“ Auch hierfür gab es Applaus.
Eine Einordnung der Stadt Böblingen zur Aussage Thiens, sie holze Baumbestand aus Renditemotiven ab, sagt ein Sprecher: „Es finden regelmäßig Pflegemaßnahmen statt. Bäume, die gefällt werden, werden vom Förster ausgewählt. Das könne kranke Bäume sein oder auch mal jüngere, die älteren Bäumen schaden und die Energie rauben. Dass wahllos Bäume gefällt werden, um Geld zu machen, ist nicht richtig.“ Es sei unter Kommunen ein „normaler Vorgang“, dass gefällt Bäume zu Brennholz gemacht werden.
Klimaschutz für Thien nicht oberste Priorität
Stefan Thien erhält aber nicht nur Zustimmung: Die von Klimawissenschaftlern widerlegte Aussage, Deutschland könne aufgrund seiner global gesehen vergleichsweise geringen Größe nichts gegen die negativen Klimafolgen tun („Böblingen und auch Deutschland haben keinerlei Bedeutung für den Klimaschutz auf der Welt“ und „Wir Böblinger können nicht die Welt retten“), quittierten einige Zuhörer mit Raunen.
Eine deutliche Gegenposition hierzu nahm Stefan Belz ein. Der OB kommentierte durch persönliche Anekdoten, wie nah Klimawandelfolgen wie Hitze und Starkregen bereits an Böblingen herangerückt seien und dass Handlungsbedarf bestehe.