Rupert Kubon (links) hält das Wort „Flüchtlingskrise“ für eine Lüge. Boris Palmer will es dennoch weiter benutzen. Foto: factum/Bach

„Wir schaffen das“, sagt der Villingen-Schwenninger Oberbürgermeister Rupert Kubon. „Wir können nicht allen helfen“, warnt sein Tübinger Amtskollege Boris Palmer. In Ehningen trafen die beiden Antipoden der Flüchtlingsdebatte aufeinander.

Ehningen - Die Polizei kommt vorbei. An der Tür kontrollieren vier Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma die Taschen der mehr als 200 Gäste. Auch die Mitglieder des kleinen Grünen-Ortsverbands von Ehningen sind jetzt mit weißen Ordnerbinden ausstaffiert. Noch am Vorabend hat der örtliche Bürgermeister Claus Unger (CDU) als Hausherr nachgelegt und für die Veranstaltung im Begegnungszentrum Bühl zusätzlich ein zehnköpfiges Ordnerteam verlangt. Fast könnte man meinen, es gehe um ein Hochrisikospiel in der Bundesliga. Dabei soll lediglich ein OB-Duell angepfiffen werden. Der grüne Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, trifft auf seinen scheidenden Villingen-Schwenninger Amtskollegen Rupert Kubon (SPD). Es geht um die Flüchtlingsfrage, in der die Herren konträre Auffassungen vertreten.

Das wird an diesem Abend durchaus deutlich, obwohl Palmer schon zu Beginn ein anderes Ziel ausgibt. Vielleicht zeige sich ja, „dass wir uns viel einiger sind, als wir denken“, kündigt er an. „Der OB von Villingen-Schwenningen ist so wenig extrem wie der OB von Tübingen.“ Dass viele seiner Parteigenossen, die hinter dem Rednerpult im Begegnungszentrum die Sonnenblumenaufsteller der Grünen platziert haben, sich bezüglich Palmer da nicht so sicher sein, ist dem Tübinger Rathauschef bewusst. „In meiner Partei sind viele der Meinung, dass ich nicht mehr vor dieser Fahne sprechen sollte.“ Dabei sei er grüner als die meisten. Mit der Ammertalbahn ist er angereist. In einer riesigen Fahrradtasche hat er Exemplare seines Buchs „Wir können nicht allen helfen“ zum Bahnhof geschleppt.

„Hier Gutmensch, dort Rassist“

Dass eine solche Diskussion nur noch unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen stattfinden könne, sei traurig. Es habe sich ein Klima in der Debatte entwickelt, das nach Feindbildern klassifiziere. „Hier Gutmensch, dort Rassist.“ Er wünsche sich, dass „diese kontraproduktive Nazifizierung und Strategie der Ausgrenzung“ gegenüber Positionen wie seiner aufhörten. Dafür erntet er Applaus beim allzeit friedlichen, allerdings etwas angegrauten Publikum. Die Grünen scheinen bei ihrer eigenen Veranstaltung in der Minderheit.

Es ist jedoch weniger Palmer als sein Gegenüber, um dessen Sicherheit man sich Sorgen macht. Nach einem Interview mit unserer Zeitung, in dem Kubon unter anderem das Wort „Flüchtlingskrise“ als Lüge bezeichnet hatte, war über ihn ein Shitstorm hereingebrochen. Er sei ein Vaterlandsverräter und gehöre auf die Streckbank, hieß es in Emails und auf rechtsextremen Foren. Kubon beeindruckte dies wenig. Doch der Ehninger Schultes fürchtete um sein Veranstaltungszentrum, er sagte den zuerst anberaumten Termin ab.

Schon im ersten Kapitel taucht das böse Wort auf

„Das Wort Krise ist für mich negativ belegt“, sagt Kubon. Der Vorwurf, absichtsvoll die Unwahrheit zu sagen, treffe ihn, sagt Palmer. Schon im ersten Kapitel seines Buches taucht der Krisen-Begriff auf. „Ich spreche lieber klar und deutlich, selbst wenn die AfD das gleiche Vokabular verwendet“, rechtfertigt sich der Tübinger OB. Er habe den Herbst 2015, als täglich tausende Flüchtlinge ins Land strömten, als unlösbare Krise erlebt. Dass die Politik die Situation inzwischen im Griff habe, widerlege ihn nicht. „Das ist wie beim Waldsterben.“ Hätten Umweltschützer damals nicht gewarnt, gäbe es den Wald nicht mehr.

Was Palmer in seinem Buch von der kommunalen Praxis der Flüchtlingsbewältigung erzähle, könne er zu 90 Prozent bestätigen, erwidert Kubon. Allerdings sei das Bild einseitig. „Ich hätte mir gewünscht, dass Sie nicht nur von dem einen Stadtteil schreiben, in dem es Probleme gibt, sondern auch von den anderen zehn, in denen es gut läuft.“ In Villingen-Schwenningen habe er die Situation immer als lösbare Herausforderung empfunden. „Es mag sein, dass wir dafür etwas bessere Voraussetzungen hatten.“ Kurz zuvor war in der 85 000-Einwohner-Stadt ein Kasernengelände geräumt worden. Prompt eröffnete das Land dort ein Erstaufnahmelager. „Wir hätten auch im Herbst 2015 noch mehr Flüchtlinge unterbringen können.“

„Gute Stimmung hilft nicht gegen Sorgen“

Das moralische Dilemma von der Hilfe für alle, das Palmer in seinem Buchtitel anspricht, erkennt Kubon nicht. Es könne ja gar nicht die Rede davon sein, dass alle nach Deutschland kämen. „Ich löse ein Problem ja nicht, wenn ich mir immer nur überlege, ob ich auch das Dreifache schaffe.“ Es bedürfe einer positiven Grundstimmung, um die Aufgaben zu bewältigen. Dem stimmt Palmer zu. Jedoch könne diese Stimmung auch kippen, wenn die Fakten andere seien. „Die Sorgen und Nöte der Menschen kriegen wir nicht mit guter Stimmung weg.“

Später kann sich manch Grüner sogar mit Palmer versöhnen, etwa als der die Notwendigkeit eines Einwanderungsgesetzes betont oder erklärt, warum es nicht sinnvoll sei, alle unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge schnellstmöglichst abzuschieben: Wenn er nicht gerade jede mutmaßliche Flüchtlingstat zwischen Kusterdingen und Uppsala bei Facebook kommentiert, ist er halt doch einer von ihnen.

„Wir haben viele Übereinstimmungen und ein paar Differenzen, die unter Demokraten auszuhalten sind“, sagt Palmer schließlich zu Kubon, der nicht mehr zu widersprechen wagt. Dann packt der Tübinger OB seine Fahrradtasche und bringt höchstpersönlich seine Bücher für 12 Euro das Stück unters Volk – ganz wie einst sein Papa, der Remstalrebell, sein Gemüse.

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