Sukhada Tatke, Redakteurin der "Times of India", hat sich mit OB Wolfgang Schuster über Stuttgart unterhalten. Foto: Kraufmann

Redakteurin Sukhada Tatke aus Mumbai spricht mit OB Schuster über Bäume und Stuttgarts Image.

Stuttgart - Die Redakteurin Sukhada Tatke der "Times of India" in Stuttgarts Partnerstadt Mumbai hat den Oberbürgermeister Wolfgang Schuster getroffen. Ein Gespräch über die vielen Bäume, das Image der Stadt, die Lebensqualität und natürlich Stuttgart 21.

Herr Schuster, wie kommt es, dass es keine direkte Flugverbindung zwischen den beiden Städten gibt? Ich musste in Paris zwischenlanden und rennen, um meinen Anschlussflug zu erreichen.
Wir bemühen uns nach Kräften darum. In Mumbai gibt es die Jet Airways, die einen Direktflug nach Brüssel anbietet. Ich habe zweimal mit dem Geschäftsführer gesprochen und ihn gebeten, entweder einen Zwischenstopp in Stuttgart oder einen Direktflug nach Stuttgart anzubieten. Wenn wir nächstes Jahr in Indien sind, werden wir wieder darüber sprechen. Eine Direktverbindung für Mumbai und Stuttgart macht wirtschaftlich Sinn: Mumbai ist das Handelszentrum Indiens, und wir sind die exportstärkste Region Deutschlands, europaweit ganz oben mit dabei.

Ist es denn ein Problem, das mit einer deutschen Fluggesellschaft zu realisieren?
Wir sprechen nicht von Problemen, nur über Herausforderungen. Hier bei uns fliegt die Lufthansa. Deren Drehkreuze sind Frankfurt und München. Daher bietet die das Unternehmen ab Stuttgart keine Langstreckenflüge an. Aber: Wir sprechen mit der Lufthansa schon länger darüber, ob und wie das zu ändern ist.

Auf meiner Fahrt vom Flughafen war ich sehr beeindruckt von den vielen Bäumen entlang der Strecke. Ist das gezielt so angelegt, oder gibt es ein Gesetz, das besagt, wie viele Bäume angepflanzt werden müssen?
Wir haben eine lange Tradition als grüne Stadt. Seit meinem Amtsantritt vor 14 Jahren haben wir Schritt für Schritt entschieden, rund 40 Prozent unserer Flächen unter Naturschutz zu stellen. An den großen Verkehrsadern stehen zurzeit mehr als 100.000 Bäume. Wir haben viele Parks. Es gibt in der Stadt kaum eine Wohnung, von der aus man weiter als 300 Meter gehen müsste, um den nächsten Park zu erreichen. Das ist für die Lebensqualität jedes Einzelnen wichtig. Wir engagieren uns da ganz bewusst. Es ist tatsächlich Teil unserer Kultur.

Gibt es also Bestimmungen, die das Fällen von Bäumen regeln, oder ist eine bestimmte Anzahl von Bäumen pro Einwohner vorgeschrieben? Wer einen Baum fällen möchte, braucht dafür eine Genehmigung. Sonst droht eine Geldstrafe. Oder die Stadt pflanzt die Bäume an und stellt das in Rechnung. Die Öffentlichkeit hat hier ein geschärftes Bewusstsein, und dem tragen wir Rechnung.

Was mich auch sehr beeindruckt hat, sind die vielen freien Flächen. Die Fußgängerzone ist sehr schön. Welche Idee steckt dahinter?
Die Idee ist, öffentlichen Raum für die Menschen zurückzuerobern, doch das ist gar nicht so leicht. Anfangs glaubte man, es wäre ein Problem für die Bürger, wenn sie nicht mit dem Auto zum Einkaufen fahren könnten. Heute ist selbst dem Handel klar, wie wichtig öffentliche Räume sind, wo Menschen bummeln, Kaffee trinken oder einfach das offene Umfeld genießen können.

Ich habe auf den Straßen viele Autos parken gesehen. Anscheinend werden mehr Autos geparkt als benutzt. Wie kommt das?
In Stuttgart gibt es auf 1000 Einwohner 600 Autos. Das heißt: Statistisch hat jeder Erwachsene ein Auto zur Verfügung. Stuttgart ist und bleibt eine Autostadt. Und wir legen den Stuttgartern nahe, das Auto in der Garage zu lassen und öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Das ist die Strategie.

Warum wäre man dann noch motiviert, ein Auto zu haben?
Weil es schön ist, ein Auto zu haben.

Und warum sollte man dann öffentliche Verkehrsmittel benutzen? Wie werben Sie dafür? 
Wir werben nicht nur für den öffentlichen Verkehr, sondern wir zahlen auch dafür, wir subventionieren ihn. Und wenn Sie bei uns öffentliche Verkehrsmittel benutzen und die Qualität dann mit anderen Städten vergleichen, werden Sie feststellen, dass wir einen sehr hohen Standard bieten. Wir fördern auch das Carsharing sowie Mietfahrradstationen. So kann man jeweils das Verkehrsmittel benutzen, das einem am praktischsten erscheint. Wir bieten zudem Online-Service rund um das Thema Mobilität an: Wenn sich der Verkehr staut, kann man das dem Internet entnehmen. Auch den aktuellen Stand einer Bahnverbindung kann man online abrufen. Die Idee ist, alles einfach zu machen. Unser öffentlicher Nahverkehr bietet Mercedes-Qualität. Man kann also seinen Mercedes in der Garage stehen lassen und den öffentlichen Mercedes benutzen. Das ist die Idee hinter unserer Philosophie.

"Wir sind sehr stolz auf unsere Bauern"

Und was ist mit dem öffentlichen Verkehr für die Touristen? Ich bin vier Wochen lang hier, was kann ich tun?
Touristen bekommen in fast allen Hotels für die Dauer ihres Aufenthalts ein kostenloses ÖPNV-Ticket. Außerdem gibt es Touristenbusse, mit denen man eine Rundfahrt machen kann. Wir haben verschiedene Angebote. Selbst wenn man spät abends mit dem Bus fährt, kann man dort anhalten, wo man wohnt, weil es keinen Sinn macht, bis zur nächsten Haltestelle weiterzufahren und dann wieder zurückzulaufen.

Bevor ich hierher kam, hatte ich beim Gedanken an Stuttgart nur zwei Bilder im Kopf: Mercedes und Porsche. Ist das ein gutes Bild?
Das ist ein gutes Bild, weil Mercedes und Porsche Produkte auf höchstem Niveau bieten. Es bedeutet, dass wir eine High-Tech-Stadt sind. Auf jeden Fall hatten Sie eine positive Assoziation mit Stuttgart. Dabei überrascht es doch, dass Sie hier keine Industriestadt vor Augen haben. Manche glauben, hier müsse es viel Qualm und Industrielärm geben, aber nichts dergleichen. Sie sehen eine sehr grüne Stadt. Und das wird auch so bleiben, da die Produktionslinien immer weiterentwickelt werden. Wir haben hier viele Ingenieure mit Erfindergeist. Nirgendwo sonst wird so viel Neues entwickelt wie hier in Stuttgart.

Auf der Straße habe ich einen offenen Gemüsemarkt gesehen, das hat mich beeindruckt. Ich dachte, in westlichen Ländern gäbe es alles in Einkaufszentren und Supermärkten. Fördern Sie solche Märkte? 
Wir sind sehr stolz auf unsere Bauern hier. Obwohl es sich um kleine Landwirtschaftsbetriebe handelt, können sie ihre Produkte verkaufen. Sie können keine großen Mengen erzeugen, da sie keine Massenbetriebe haben. Sie brauchen also eine direkte Verbindung zum Markt. Märkte dieser Art haben wir in allen Stadtteilen. Sie verbinden Erzeuger und Verbraucher. Die Ware mag etwas teurer sein als im Supermarkt, aber auf jeden Fall ist sie aus der Region, aus biologischem Anbau und frisch. Ein gesunder Mix ist wichtig - einerseits Urbanisation, andererseits Natur und Landwirtschaft.

Sind Flächen in Stuttgart knapp? Boomt der Bausektor? 
Stuttgart ist attraktiv und zieht Menschen aus Deutschland und der ganzen Welt an. Sie sind uns willkommen. Dennoch haben wir sehr strenge Bauvorschriften. Wir wollen nicht auf der grünen Wiese wachsen: Brachflächen werden in Stuttgart revitalisiert. Ein Beispiel ist das Bosch-Areal. Wo früher eine Fabrik war, sind heute Cafés und Kino. Wenn man ein sehr starkes Bevölkerungswachstum hat, wie auch bei Ihnen in Mumbai, muss man neue Flächen erschließen.

Aber wie möchten Sie mehr Einwohner unterbringen?
Politisch halten wir es langfristig für sinnvoller, dass die Menschen dichter zusammenrücken und das Land für alle grün zu lassen. Wir führen derzeit eine Debatte darüber, wo gebaut werden soll. Derzeit stehen jedem Einwohner Stuttgarts im Durchschnitt 28 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Im Vergleich mit Indien oder China leben wir in sehr luxuriösen Verhältnissen. Ich denke, davon werden wir uns auf Dauer verabschieden müssen.

Was passiert eigentlich mit dem Bahnhof? Warum protestieren alle?
Es protestieren nicht alle. Nur eine Minderheit. Stuttgart 21 wurde auf verschiedenen parlamentarischen Ebenen beschlossen. Dann per Gesetz. Auch vor Gericht wurde darüber verhandelt. Über mehrere Jahre wurde diskutiert und geplant. Letztes Jahr war Baubeginn. Aber: Es gibt die unterschiedlichsten Interessen in einer Stadt. Das sogenannte Gleisvorfeld ist in einem sehr schlechten Zustand. Die Gleise zu sanieren ist sehr kostspielig. Und wenn die Bahn erst einmal damit beginnt, kann der Bahnhof mindestens zehn Jahre lang nicht komplett genutzt werden. Daher hat die Bahn beschlossen, den Kopfbahnhof nicht zu sanieren, sondern unter die Erde zu verlegen.

Welche Vorteile hat dieses Projekt? Wie wird die Stadt davon profitieren?
Die Bahn kann bauen und zugleich den Bahnhof in Betrieb halten. Gute Infrastrukturen sind die Nervensysteme der Volkswirtschaft. Eine gute Erreichbarkeit ist wichtig für den Export - und Baden-Württemberg und die Region Stuttgart leben vom Export. Stuttgart 21 ist zugleich eine großartige Chance für die Stadt. Auf einer Million Quadratmeter Fläche haben wir die historische Möglichkeit, einen neuen Stadtteil zu gestalten, den Park zu erweitern. Wir können unsere Stadt in Richtung Neckar entwickeln.

Was tun Sie zur Förderung der Beziehungen zwischen den Partnerstädten Mumbai und Stuttgart?
Unsere Kommunikationsplattform ist der Wein. Wir veranstalten einmal im Jahr ein Weinfest in Mumbai. Den Leuten gefällt das sehr gut. Wir versuchen in den Bereichen Wirtschaft, Medien und Tourismus Kontakte zu fördern. Außerdem gibt es Projekte von politischer Seite. Das Highlight in Stuttgart ist das Filmfestival - "Bollywood and Beyond", heute das wahrscheinlich weltweit größte seiner Art außerhalb Indiens.

Die Stuttgarter Nachrichten beteiligen sich am Austauschprojekt "Nahaufnahme" des Goethe-Instituts. Sukhada Tatke von der Tageszeitung "Times of India" in Mumbai und unsere Redakteurin Anja Wasserbäch haben im März und Mai ihren Arbeitsplatz getauscht. Journalistinnen von drei weiteren deutschen Medien berichten für einige Wochen über Politik, Kultur und Alltag der anderen Stadt.

www.goethe.de/nahaufnahme

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