Der Stuttgarter OB Wolfgang Schuster. Foto: dapd

Stuttgarts OB Wolfgang Schuster über Olympia, die Niederlage gegen Leipzig und grobe Foulspiele.

Stuttgart - Der Kollege Boris Johnson aus London darf heute die Olympioniken aus aller Welt begrüßen. Stuttgarts OB Wolfgang Schuster ist nicht gram, dass ihm dieser Auftritt entgeht. Er sagt, Olympia wäre für Stuttgart eine Nummer zu groß gewesen und hätte die Stadt Milliarden gekostet.

Herr Schuster, schauen Sie mit Bedauern nach London?
Nein. Ich werde mir die Eröffnungsfeier in aller Ruhe im Fernsehen anschauen. Ich bin froh, nicht in der Haut des Kollegen zu stecken. Diese Hektik und diesen Stress kann man sich vermutlich nicht mal annähernd vorstellen.

Kein bisschen Wehmut? Wollten Sie am Ende Olympia gar nicht haben?
Mir war immer klar, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass die Olympischen Spiele in Stuttgart stattfinden. Das Internationale Olympische Komitee bevorzugt eben Megacitys mit zehn Millionen Einwohnern. Was im Prinzip ja auch eine richtige Entscheidung ist. Solche Städte können dieses riesige Spektakel leichter austragen. Dort gibt es eine reelle Chance, dass man die Sportbauten und die Infrastruktur auch hinterher sinnvoll nutzen kann. Ansonsten ist es ein Milliardenverlustgeschäft.

Warum haben Sie sich dann beworben?
Weil man durch diese Bewerbung viel bewegen konnte. Und sie hat sich gelohnt. Wir waren ein Jahr lang überregional in den Medien. Die Bewerbung hat die Zusammenarbeit innerhalb der Region gestärkt. Und wir haben neue Flächen für die Entwicklung der Stadt entdeckt.

Welche?
Den alten Güterbahnhof. Den hat die Stadt für 40 Millionen Euro von der Bahn gekauft. Ich bin damals über das Gelände gegangen und habe einen alten Backsteinbau entdeckt, dort steht jetzt das Stadtarchiv. Und nebenan ist kein olympisches Dorf, aber wohl bald Wohnungen und Gewerbe.

Sie wollten also nie gewinnen? Der Weg war das Ziel?
Stellen Sie sich vor, was geschehen wäre, wenn wir uns nicht beworben hätten. Dann hätte es wieder geheißen, Autos und Maschinen können sie bauen in ihrem Kessel, aber mehr kriegen sie nicht hin. Und wohlgemerkt, mir war klar, dass wir international wenig Chancen haben. Aber national waren wir auf Augenhöhe.

Das sah das Nationale Olympische Komitee aber anders. Leipzig gewann, Stuttgart war das Schlusslicht von fünf Bewerbern.
Das war ein grobes Foul. Wir haben die ­Kriterien zu 150 Prozent erfüllt. Leipzig hat die Latte klar gerissen, die Kriterien nicht erfüllt. Die Wahl war eine politische Vorgabe. Man wollte Olympia für den Aufbau Ost nutzen.

Ist das nicht ein bisschen einfach? Leipzig hatte mit Demokratie und Einheit eine gute Geschichte zu erzählen. War die Stuttgarter Bewerbung dagegen nicht zu sehr auf Machbarkeit ausgerichtet?
Nein. Wir haben die Internationalität, die Vielfalt, die Toleranz unserer Region betont. Auch unsere Geschichte war gut. Es war schlicht so: Das NOK hat sich nicht an seine eigenen Vorgaben gehalten. Das hat sich ja international gezeigt. Da wurde Leipzig vor der Wahl aussortiert, weil sie die Kriterien bei Infrastruktur und Hotelzimmern nicht erfüllt hatten.

Bei solchen Wahlen wird doch immer ­gemauschelt. Waren Sie zu blauäugig?
Ich bin ein realistischer Optimist. Ich hatte von Anfang an ein ungutes Gefühl. Natürlich gab es Gerüchte, dass an Leipzig kein Weg vorbeiführt. Aber offen hat das keiner ausgesprochen. Wir haben das Spiel mitgespielt, leider haben andere die Regeln verändert.

Lohnt es sich bei solchen Erfahrungen ­noch, sich um ­Großveranstaltungen zu bewerben?
Ja. Deutschland wird wahrscheinlich 2025 die Europäische Kulturhauptstadt stellen dürfen. Ich würde meinem Nachfolger raten, sich dafür zu bewerben. Es lohnt sich. Auch wenn man, ich will das nicht verhehlen, manchmal auch frustriert sein kann. Aber die Olympiabewerbung hat sich gelohnt. Wir haben einiges bewegt. Ohne Milliardenschulden aufzuhäufen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: