Vor vollbesetzten Rängen: OB Markus Kleemann bei seiner ersten Neujahrsansprache in der Sindelfinger Stadthalle. Foto: Eibner-Pressefoto/Edward Cheung

Vor allem wegen der Finanzlage schwört der Sindelfinger OB Markus Kleemann die Gäste bei seinem ersten Neujahrsempfang auf schwierige Zeiten ein. Nebenbei erwähnt er ein Kuriosum.

Brechend voll ist es am Sonntag in der Stadthalle. Während einige Gäste im Saal bereits Platz genommen haben, schüttelt Oberbürgermeister Markus Kleemann (CDU) weiter kräftig Hände. Die Schlange vor dem Saaleingang nimmt auch 45 Minuten nach dem geplanten Veranstaltungsbeginn kein Ende. Zu gespannt scheinen die Sindelfinger auf die Worte vom „neuen“ OB Kleemann zum Jahresbeginn 2026.

 

Die heikle Finanzlage, die Ungewissheit um das Millionenprojekt Badezentrum oder der neue Kurs beim Post-VoBa-Areal – Themen, die Sindelfingen auch in diesem Jahr intensiv beschäftigen werden, gibt es einige. Das weiß auch Markus Kleemann. Im August 2025 in Sindelfingen als Rathauschef gestartet, bemüht sich der 41-Jährige bei seiner Rede zum Neujahrsempfang auch deshalb Klartext zu reden und zu appellieren.

Anhängige Klage verhindert den Auftritt mit goldener Amtskette

Bevor das Stadtoberhaupt auf die ernsten stadtpolitischen Themen zu sprechen kommt, klärt er über etwas auf, das vielen Gästen aufgefallen war: Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Bernd Vöhringer trägt Kleemann bei der Begrüßung im Foyer und während der Rede nicht die goldene Amtskette. „Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass wir sie genutzt haben, um das Loch im Stadtsäckel zu stopfen“, sagt Kleemann – um hinterher zu schieben: „Spaß beiseite. Die Amtskette liegt sicher verwahrt in einem Tresor. Dank einer Person, die sich oft bewirbt und immer klagt, darf ich sie bis zum Abschluss des Verfahrens nicht tragen.“ Gemeint sein wird hier die Bürgermeister-Dauerkandidatin Fridi Miller, die die im Mai abgehaltene OB-Wahl wohl juristisch angefochten hat.

Einige Erfolge der vergangenen Monate und die Bedeutung von Kindern für die Stadtgesellschaft erwähnt, kommt der 41-Jährige zum Hauptthema seiner Rede – dem gewaltigen Sanierungsstau und der angespannten Finanzlage der Stadt, die einst als reichste Deutschlands galt: „Wir befinden uns in einer strukturellen Krise. Wir haben einen großen Sanierungsbedarf, in Schulen, Kitas, Straßen und öffentlichen Gebäuden. In den nächsten Jahren beläuft sich dieser Bedarf auf circa 950 Millionen Euro.“

Im Stadtsäckel klafft ein übergroßes Loch

Der Haushalt habe sich wie in anderen Kommunen zuletzt deutlich verschlechtert. Kleemann macht dafür fehlende Gewerbesteuereinnahmen und fehlende Ausgleichszahlungen von Bund und Ländern verantwortlich und betont: „Der Einbruch ist dramatisch und stellt uns vor sehr große Herausforderungen.“ Die Rahmenbedingungen hätten Gemeinderat und Verwaltung dazu gezwungen, eine Haushaltssperre auszusprechen und „nur noch aufschiebbare und dringend notwendige Ausgaben“ zu tätigen. Kleemann ruft daher alle dazu auf, den „Weg eines neuen Sindelfinger Realismus“ mitzugehen. Es gelte, „das Beste aus der Situation zu machen“. Dabei unterstreicht der OB: „Es ist leider nicht zu vermeiden, dass es an der einen oder anderen Stelle weh tun wird. Wir müssen alle den Gürtel enger schnallen!“

Endlos soll der Sparkurs nicht andauern. Mithilfe einer Haushaltsstrukturkommission könnten dieses Jahr Lösungen entwickelt werden, das strukturelle Minus zu verringern. Die Devise des OB lautet dabei: „Es gilt die richtige Balance zu finden zwischen nötigen Einsparungen und sinnvollen Investitionen in die Zukunft.“

Zwei Millionenprojekte bekommen eine neue Richtung

Bei zwei großen Projekten wurden und werden weiterhin die Sinn- und Geldfrage gestellt: dem Badezentrum und dem Post-Voba-Areal. Vor allem auch wegen des Haushaltsdefizits sind beim Badezentrum keine großen Sprünge mehr möglich. Der Vorstellung, ein Spaßbad mit Investitionskosten von rund 120 Millionen Euro erteilt Kleemann eine Absage. Da das Bad „marode“ sei und „seinen Lebenszyklus“ überschritten habe, braucht es in jedem Fall Investitionen. Eine reine Sanierung würde 43 Millionen Euro kosten und wäre nur mit jährlichen Zuschüssen der Stadt in Millionenhöhe kostendeckend. Deshalb brauche es einen „Kompromiss zwischen der ganz großen Lösung und der reinen Sanierung.“

Neben der Zukunft des Badezentrums steht – wie seit Jahren schon – auch das Post-VoBa-Areal seit vielen Jahren auf dem Redemanuskript. Markus Kleemann thematisierte am Sonntag die Planänderung bei der Umgestaltung des Grünen Platzes – einem mittlerweile „beliebten Treffpunkt im Herzen der Stadt“. Der ursprünglich geplante Hochpunkt soll wegfallen, dafür erhalten die Bürger ihren Wünschen entsprechend mehr Grün und mehr Aufenthalts- und Begegnungsqualität sowie ein Kultur- und Bürgerzentrum. „Das Projekt wird dadurch wirtschaftlicher und attraktiver. Zudem wird der Grüne Platz dann auch seinem Namen gerecht“, betont der OB.

Bei allen Herausforderungen, auf die Kleemann bei seiner Neujahrsempfangspremiere zu sprechen kommt, will der 41-Jährige eines nicht vergessen – den Bürgern Mut zuzusprechen: „Vieles spricht dafür, dass auch im Jahr 2026 die Welt nicht untergeht. Lassen Sie uns mit Vorfreude und Zuversicht in dieses neue Jahr starten.“