Vertraut nicht nur auf politische Inhalte, sondern auch auf sein rhetorisches Talent: Fritz Kuhn. Foto: Leif Piechowski

OB-Kandidaten im Porträt: Fritz Kuhn (Grüne) ist ein Instinktmensch. Er vertraut nicht nur auf politische Inhalte, sondern auch auf rhetorisches Talent.

Stuttgart - Parkplatzchaos, Stuttgart-21, Feinstaub – was die Frau um die 40 von Fritz Kuhn wissen will, hat nichts mit all dem zu tun. Wie das funktioniere mit dem ersten und zweiten Wahlgang, habe sie, weil erst kürzlich zugezogen, noch nicht ganz begriffen, sagt sie ins Mikrofon. Rund 200 Zuhörer sitzen im Bürgerzentrum West, einzige Farbtupfer sind ein Banner der Grünen-Partei und ein Strauß Sonnenblumen. Ohne buntes Drumrum, ohne Manuskript erläutert Fritz Kuhn sein Programm.

Kuhn, der abgebrühte Politstar unter den Kandidaten?

Ein paar Tage später in einem Café im Stuttgarter Osten, ohne Publikum, sagt er: „Ich rede prinzipiell frei, auch im Deutschen Bundestag, nur so ist man authentisch.“ Wie Kuhn das sagt, schwingt auch Stolz mit. Der Mitbegründer der baden-württembergischen Grünen vertraut nicht nur auf politische Inhalte sondern auch auf rhetorisches Talent. Er ist offenkundig davon überzeugt, dass er frei zu reden und schlüssig zu argumentieren von allen Kandidaten am besten beherrscht. Doch nach 30 Jahren in der Politik, sagt er, dürfe er vor wichtigen Veranstaltung immer noch „ein bissle nervös sein“. Das fördere die Konzentration. „Wenn die Konzentration nicht stimmt, läuft auch eine Veranstaltung selten gut.“

„Für Stuttgart hat der zweite Wahlgang etwas Schwieriges“

Im Bürgerzentrum erklärt Fritz Kuhn, dass im ersten Wahlgang gewinnt, wer 50 Prozent der gültigen Stimmen erhalten hat, dass andernfalls – bei einfacher Mehrheit – der zweite Wahlgang entscheidet. „Für Stuttgart hat der zweite Wahlgang etwas Schwieriges“, fügt Kuhn mit einem Lächeln hinzu. Er spielt dabei auf Runde zwei bei der OB-Wahl 1996 an, als – so sagen heute viele – ein zusätzlicher SPD-Kandidat einen Erfolg Rezzo Schlauchs gegen Wolfgang Schuster verhindert habe. Fritz Kuhn punktet dank eines Augenzwinkerns. Was wohl signalisieren soll: Schwamm drüber, auch wenn nichts vergessen ist.

Oder erntet Kuhn doch nur Applaus, weil sein Auftritt im Stuttgarter Westen wegen des dort großen grünen Wählerpotenzials eine Art Heimspiel darstellt? Kuhn widerspricht. Wie im Stuttgarter Westen tritt der Grünen-Kandidat in allen 23 Stadtbezirken unter dem Motto „Kuhn kommt“ ohne Mitbewerber auf. Diese seiner Ansicht nach effektivste Form des Wahlkampfs „bringt wahrscheinlich am meisten Wähler“. Natürlich kommen zu solchen Auftritten Grüne, aber eben auch „viele, die mich und mein Programm kennenlernen wollen“. Und wenn es sein muss, sich das Wahlprozedere erklären zu lassen.

„Ich habe Freude an Ironie und Zuspitzung“

Soloauftritte sind das eine. Doch ein Wahlkampf ohne die Konfrontation mit den Bewerbern ums OB-Amt bereitet Kuhn nur halb so viel Lust: „Ich habe Freude an Ironie und Zuspitzung.“ Dabei sitzt Kuhn bei einem Thema als einziger zwischen allen Stühlen. Stuttgart-21-Fans wie Stuttgart-21-Hasser arbeiten sich an ihm ab.

Einen Tag nach seinem Auftritt in Stuttgart-West steht eine Podiumsdiskussion im Heusteigviertel an. Die IG Bürger für Baden-Württemberg, Unterstützer des Bahnprojekts, haben ins Kolpinghaus geladen. Dabei kommt es fast zum Eklat. Nicht wegen der Debatte mit den Diskutanten. Eingespielt werden zu Beginn der Veranstaltung kurze Videos, in denen die Kandidaten ihre Haltung zu Stuttgart 21 darlegen. Er habe aus Zeitgründen keines abliefern können, so Kuhn. Der Diskussionsleiter will dem Gast nicht erlauben, seinen Standpunkt vom Podium aus zu erläutern, und übernimmt dies kurzerhand selbst. Provozierend gelassen droht Kuhn damit, vom Podium zu steigen. Die Unruhe im Publikum steigt, Kuhn darf schließlich doch sagen, dass er Stuttgart 21 nach wie vor für falsch hält, die Bürger in der Volksabstimmung aber anders entschieden hätten.

„Meine Frau ist meine erster Ratgeberin“

„Hätte der Moderator noch eine Schraube gedreht, hätte ich den Saal wirklich verlassen“, sagt Fritz Kuhn später. Das Gebaren eines Moderators „in einer solchen Dimension erlebt man nicht ständig. Ich kann mich aber darauf verlassen, in solchen Situation richtig zu reagieren.“

Reagieren muss Kuhn oft auch auf Stuttgart-21-Gegner, denn bekanntlich haben die Grünen nach deren Ansicht den Protest gegen das Bahnprojekt verraten. Als er jüngst bei der Eröffnung des Stuttgarter Weindorfs von einem Häuflein Projekt-Gegnern als Judas verunglimpft wird, mault Kuhn für alle Umstehenden vernehmbar zurück. Instinktiv richtig oder doch entnervt? Kuhn wirkt an jenem Tag auf viele wütend, dabei aber echter als sein Konkurrent Sebastian Turner: Denn auch jener wird beleidigt. Wenigstens nicht beachten, wäre die normale Reaktion. Doch Turner lässt sich von den pöbelnden Demonstranten brüskieren, indem diese seine entgegengestreckte Hand ausschlagen.

In der Regel nehme er derlei Unschönes nicht mit in den Schlaf, sagt Kuhn. Da hilft auch das tägliche Telefonat mit seiner Ehefrau, die zurzeit noch mit dem jüngeren der beiden Söhne in Berlin lebt. „Meine Frau ist meine erster Ratgeberin“, sagt Fritz Kuhn.

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