In Stuttgart sei vieles in Bewegung geraten, sagt OB-Kandidat Hannes Rockenbauch. Er rechnet sich Wahlchancen aus. Foto: Leif Piechowski

Die OB-Kandidaten im Porträt: Hannes Rockenbauch (SÖS) ist mal staatsmännisch gelassen, mal provozierend.

Stuttgart - Hannes Rockenbauch ist wieder da, wo alles anfing. Im Stuttgarter Osten, nahe dem Stöckach, wuchs er auf. Jetzt zieht er mit Frau und Tochter hierher. „Wir haben sechs Jahre auf 26 Quadratmetern im Westen gelebt“, sagt er, „aber jetzt mit unserer Tochter war’s doch zu klein.“ So führt er nun Wahlkampf und renoviert nebenbei eine Wohnung im Haus der Großeltern. „Zurück zu den Wurzeln“, sagt er. Wenig überraschend schlug er für ein Treffen ein italienisches Lokal direkt am Stöckach vor.

„Meine Kindheit hat sich zwischen dem Stöckach, dem Spielhaus im Unteren Schlossgarten und dem Waldheim Gaisburg abgespielt.“ Dort war der Vater im Vorstand, dorthin „sind wir im Sommer fast jedes Wochenende hochgegangen“. Am Stöckach hat er nicht nur gespielt, dort sind auch die Wurzeln des „leidenschaftlichen Politikers“. Als unweit von Rockenbauchs Elternhaus ein Kind beim Rollschuhlaufen verunglückte und starb, gründete sich die Initiative kinderfreundliches Stöckach.

Vor 22 Jahren ratterte er auf Rollschuhen ins Rathaus, um Bürgermeisterin Gabriele Müller-Trimbusch eine Zeichnung zu übergeben, wie es am Stöckach mal aussehen soll, heute sitzt er auf dem Podium mit den anderen OB-Kandidaten und entwirft vor großem Publikum seine Skizze, wie die Stadt einmal aussehen soll. Bezahlbares Wohnen, Teilhabe, Energiewende, die Stadtwerke gestalten sollen, Gerechtigkeit, kostenloser Nahverkehr und kostenlose Kitaplätze, das sind seine Themen. Er trägt sie ruhig, aber bestimmt vor. Das Zündeln, das Keilen ist ihm nicht fremd, aber an diesem Abend überlässt er es anderen. Während Fritz Kuhn und Sebastian Turner die Alphatiere geben und sich ineinander verbeißen, sitzt er ruhig da, den Kopf auf die Hand gestützt. Auch von seinen Gegnern im Publikum lässt er sich nicht aus der Reserve locken. Fast könnte man glauben, er habe die Zwischenrufer bestellt, bieten sie ihm doch die Möglichkeit, sich staatsmännisch gelassen zu geben und zugleich die eigenen Leute zufriedenzustellen. „Stuttgart 21 kann und muss verhindert werden zum Wohle dieser Stadt!“, sagt er ganz ruhig. Wissend, dass die einen toben und die anderen jubeln.

„Kümmern wir uns doch um die 600.000 Menschen, die bereits hier wohnen“

Klar, die Stimmen der Tiefbahnhofgegner braucht er. Aber er muss auch wählbar sein für jene, denen der Hauptbahnhof keine Herzensangelegenheit ist. So betont er, es gehe ihm um die ganze Stadt. „Wir streiten um ein Areal, auf dem in 20 Jahren 11.000 Menschen wohnen sollen“, sagt er, „kümmern wir uns doch um die 600.000 Menschen, die bereits hier wohnen.“ Und das, so lautet seine Kernbotschaft, mache er seit acht Jahren als Stadtrat des Bündnisses Stuttgart Ökologisch Sozial (SÖS). Die anderen schweben aus Berlin und Schwäbisch Hall ein, „und gehen wieder, wenn sie verlieren“. Er dagegen, „war hier und bleibt hier!“ Egal wie es ausgeht.

„Hannes kann es.“ Wer so etwas auf Plakate schreibt, der kann nicht an mangelndem Selbstbewusstsein leiden. Und Rockenbauch hat sich nicht weniger vorgenommen, als die Politik zu ändern. „Das Wohl der Menschen muss wieder Vorrang haben“, sagt er, „die Stadt ist kein Unternehmen.“ Er fasst das so zusammen: „Demokratie statt Arroganz.“ Ist das nun mutig? Oder schon übermütig? So mancher Rebell ist als Tiger gesprungen und als Bettvorleger gelandet. So wie die Grünen, denen Rockenbauch bescheinigt, im Land „mutlos und verwaltungsbeamtenmäßig zu regieren“.

Das werde ihm nicht passieren, glaubt er. „Ich weiß, dass ich die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen habe“, sagt er, „es gibt immer Schlauere.“ Deshalb ist er überzeugt, dass sein Weg der richtige ist. Nämlich Kompetenz und Verantwortung an die Menschen abzugeben. „Die wissen, was in ihrer Nachbarschaft gemacht werden muss.“ Das habe er schon als Zehnjähriger gelernt. „Ich wurde nach meiner Meinung gefragt und ernst genommen. Das hat mich geprägt.“ So erarbeitet er nach und nach sein Programm mit Hilfe seiner Unterstützer aus den Stadtteilen. „Vielfalt und Diskussionen, das bringt Stuttgart voran.“

„Ich weiß, dass ich manchmal zu viel rede“

Man merkt, das ist sein Herzensthema. „Ich weiß, dass ich manchmal zu viel rede“, sagt er, „bremsen Sie mich, wenn es zu lang wird.“ Er holt weit aus und reist zurück ins Jahr 1993, als er beim Naturweltgipfel war. „Wir Kinder saßen in einer Jurte und rechneten Eurofighter in Solarzellen um.“ Doch die Erwachsenen hätten immer aufs Geld geschaut und gesagt: das geht nicht! Aber nun ist er auch erwachsen und Zwängen unterworfen. Oder ist er der Peter Pan der Politik, der in Traumwelten lebt? „Als ich vor acht Jahren Stadtwerke forderte“, sagt er, „spotteten alle. Jetzt sind alle dafür.“ Als er eine Citymaut gefordert habe, hätten ihn alle den Totengräber der Wirtschaft geheißen, „jetzt ist die IHK auf meiner Seite“. Und man könnte mit einer Citymaut den kostenlosen Nahverkehr für alle finanzieren.

Auf Argumente allein verlässt er sich aber nicht. Provozieren kann er gut. Dass Symbole dazugehören, will man sich bemerkbar machen, hat er früh begriffen. Als Schüler am Zeppelingymnasium streifte er einst eine Gasmaske über, saß vor der Tür und zählte den Verkehr. Dieses Jahr bezeichnete er die LBBW als kriminelle Vereinigung. „Spekulationen mit Nahrungsmitteln sind kriminell“, sagt er, „das hat die LBBW gemacht, nun hat sie damit aufgehört.“ Ziel erreicht. Der Zweck heiligt also das Mittel? „Ich bin konsequent“, sagt er, „wenn ich etwas als Unrecht erkenne, muss ich aufstehen und dagegen kämpfen, ja, und da gehört auch ziviler Ungehorsam dazu.“ Wie damals, als er den Nordflügel des Bahnhofs besetzte oder sich dort an Sitzblockaden beteiligte.

„Ich mache keinen Hehl daraus, wer ich bin und wofür ich stehe“

Als Stadtrat ist er Teil des politischen Systems. Und versteht sich doch auch als Teil der außerparlamentarischen Opposition. Geht das als OB noch? „Die Leute bekommen den ganzen Hannes“, sagt er, „ich mache keinen Hehl daraus, wer ich bin und wofür ich stehe.“ Man könne seine Meinung nicht nur über Sonntagsreden verbreiten und kneifen, wenn es ernst wird. Wenn wieder Nazis in der Stadt auftauchen, werde er sich dort selbstverständlich auch als OB blicken lassen und deren Weg blockieren.

Dass er tatsächlich OB werden kann, das glaubt er. „Warum nicht?“ In Stuttgart sei vieles in Bewegung geraten. „Da ist alles möglich.“ Und wenn er nach einem ersten Wahlgang keine Chance sehe, zu gewinnen, „ziehe ich zurück“. „Aber“, so frage er sich, „was machen die anderen, wenn ich nach dem ersten Wahlgang vor ihnen liege?“

Spricht’s und macht sich auf den Weg nach Hause. Er muss noch ein Loch in der Küchenwand zumauern. Er richtet sich gerade ein. Dort, wo alles anfing.

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