Ungewohnte Pose: Bettina Wilhelm lehnt sich zurzeit nur selten. Foto: Leif Piechowski

OB-Kandidaten im Portrait: Bettina Wilhelm kennt die Befindlichkeiten ihrer Wähler und reizt gelegentlich zum Widerspruch.

Stuttgart - Wenn der rote VW Passat mit dem Kennzeichen S-PD 3333 auftaucht, werden Wetten abgeschlossen: Hat sie das rote Jackett an?

Die parteilose Kandidatin der SPD für die OB-Wahl trägt einen beigefarbenen Hosenanzug. Ihre rotbraunen Locken streben unbändig zur Seite. „Hallo, ich bin Bettina Wilhelm“, sagt sie, schüttelt Hände, macht sich bekannt bei den Zuhörern im Audi-Zentrum in Vaihingen, wohin der Bund der Selbstständigen zur Podiumsdiskussion eingeladen hat.

Sie spricht schnell, füllt ihre Redezeit mit unendlich vielen Aspekten zu den Themen Wohnungsbau, Stadtentwicklung und Verkehr, gestikuliert, beugt sich vor, fährt mit den Armen nach oben. Für die Handel- und Gewerbetreibenden im Zuschauerraum, für Männer mit Faible für die Motortechnik der ausgestellten Fahrzeuge, sind Beschränkungen des Autoverkehrs ein rotes Tuch. Das weiß Bettina Wilhelm, die seit 2009 Erste Bürgermeisterin von Schwäbisch Hall ist. Deshalb spricht sie gleichzeitig auch von „intermodalen Konzepten“, von „über Apps vernetzten Verkehrsströmen“ und „fehlenden Querverbindungen“ in Stuttgart. Dass sie die ungenügend genutzten Wasserwege anführt, erheitert die Zuhörer in dem am weitesten vom Neckar entfernten Stadtteil Vaihingen, und so geht ihre Erörterung zu Alternativen im Gütertransport fast im Gelächter und einem Zwischenruf unter.

„Stuttgart hat den Ausbau der Kinderbetreuung komplett verschlafen“

In diesem Moment scheint die 48-Jährige weit weg von den Bedenken der Zuhörer, weit weg auch von ihrem plakativ zur Schau getragenen Ziel: „Nah. Näher. Am nächsten.“ Die großen politischen Forderungen verhallen gelegentlich, weil die Kandidatin nicht den Zusammenhang mit hiesigen Verhältnissen benennt.

Manchmal schlägt Skepsis auch um in Unmut. Es geht, immer noch inmitten der Audi A5, um das heiße Eisen Kinderbetreuung, als die gelernte Erzieherin und studierte Sozialpädagogin sagt: „Stuttgart hat den Ausbau der Kinderbetreuung komplett verschlafen.“ Die Zuhörer wissen, dass seit dem Jahr 2000 die Kitas Jahr für Jahr ausgebaut werden. Sie wissen, dass Stuttgart wesentlich mehr Plätze für Kleinkinder anbieten kann, als der Rechtsanspruch vorschreiben wird. „Welche Quote hat denn Schwäbisch Hall?“, wollen sie von Bettina Wilhelm wissen, die ihre eigene Arbeit als Sozialbürgermeisterin lobt. „34 Prozent“, antwortet sie und erntet Protest. „Das hat Stuttgart längst“, ruft einer dazwischen. Diesen Standard will sich keiner kleinreden lassen. Auch will sich keiner vergleichen lassen mit Schwäbisch Hall, mit einer wesentlich kleineren Stadt mit wesentlich kleineren Problemen. Da bricht der Stuttgart-Stolz durch.

„Wir brauchen nicht nur billigen Wohnraum, sondern vor allem barrierefreie Wohnungen für alte Menschen, die allein leben wollen in ihren eigenen vier Wänden“

Dabei kann es Bettina Wilhelm eigentlich. Wenn sie sich ihrer Rotenberger Wurzeln besinnt, ihre sechs Jahre lange Erfahrung als Frauenbeauftragte der Stadt Ludwigsburg und als Leiterin für Kultur und Soziales in Kirchheim/Teck einbringt. „Wir brauchen nicht nur billigen Wohnraum, sondern vor allem barrierefreie Wohnungen für alte Menschen, die allein leben wollen in ihren eigenen vier Wänden“, sagt sie bei der Podiumsdiskussion beim Treffpunkt Senior.

Der Vortragssaal im Treffpunkt Rotebühlplatz ist überfüllt, geschätztes Durchschnittsalter 70 Jahre. Hier hat sie ein Auditorium für jene Themen, durch die sie sich mit schlafwandlerischer Sicherheit bewegt. Zu wenig Läden für die Versorgung in den Stadtteilen, zu wenig Verkehrsleitsysteme für Sehbehinderte, zu wenig Arbeitsplätze für seelisch Kranke, zu unattraktive Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte – das empfinden die meisten Zuhörer auch so. Wilhelm nennt das Beispiel Untertürkheim und fordert mehr städtisches Engagement bei der Stadtentwicklung, lobt den bürgerschaftlichen Einsatz ihrer Zuhörer und bezieht sie in ihre Überlegungen ein: „Bei Ihnen liegt eine große Kompetenz.“

Die Bewerbung in Stuttgart ist Wilhelms zweiter Anlauf auf einen OB-Sessel

Bettina Wilhelm kommt hier gut an. „Ich finde sie sehr erfrischend und völlig authentisch“, sagt eine Zuhörerin nach diesem Auftritt, „die weiß, wovon sie redet.“ Die gepflegte Dame, die laut eigenem Bekunden noch nie die SPD gewählt hat, legt wenig Wert auf Parteizugehörigkeit. „Bei einem Oberbürgermeister geht es vor allem um die Persönlichkeit“, sagt sie. Turner ist für sie zu unnahbar, „und der Kuhn spricht wie vor Jahrzehnten in der Studentenvertretung“. Das, so die Dame, sind keine Alternativen.

Die Bewerbung in Stuttgart ist Wilhelms zweiter Anlauf auf einen OB-Sessel. 2005 scheiterte sie in Aalen, damals unterstützt von SPD und Grünen, im ersten Wahlgang mit nur 22 Prozent. Sie zog zurück und sprach sich für den späteren Wahlsieger, den Kandidaten der Liberalen und Freien Wähler, aus. Ob sie das Gleiche auch bei dieser Wahl zugunsten von Fritz Kuhn machen würde, darüber will sie jetzt noch nicht reden: „Ich will nicht taktieren. Wir werden nach der Wahl beraten und entscheiden.“ Nur eine Situation werde vermutlich nicht eintreten: „Dass ich für Hannes Rockenbauch zurückziehen müsste.“

So entscheidet sich vielleicht erst nach dem zweiten Wahlgang, ob sie „die Nächste für Stuttgart“ wird, wie sie auf ihren Plakaten ankündigt. Und wenn nicht? Ist ein Zurück für die Mutter zweier erwachsener Töchter nach Schwäbisch Hall möglich? Sie und ihr Mann haben dort ein Haus gekauft, vor zwei Jahren, als die Kandidatur für den OB-Posten in Stuttgart noch nicht in der Planung gewesen sei. Ihre Amtszeit als Bürgermeisterin würde noch fünf Jahre dauern. „Die Haller drücken mir die Daumen“, sagt Bettina Wilhelm, „aber sie freuen sich auch, wenn ich in Hall bleibe.“

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