Die wiedervereinigte Britpop-Band Oasis hat in Cardiff zwei gigantische Konzerte gegeben. Verblüffend: Liam und Noel Gallagher haben echt Spaß dabei, miteinander zu spielen.
An einem normalen Freitag herrscht in der walisischen Küstenstadt Cardiff ein entspannt-lebendiges Treiben. Möwen kreischen, meist geht ein Wind, Menschen sitzen in oder vor Pubs. Am 4. Juli 2025 ist das Bild ein radikal anderes. Tausende, wenn nicht gar Zehntausende Menschen zwischen Mitte 30 und Mitte 50 ergießen sich aus Bussen, Bahnen und Autos in die Stadt, füllen sämtliche Pubs in Windeseile. Die Stadt summt und brummt, überall Musik, eine fast greifbare Energie knistert durch die alten Straßen. Man singt.
Das hat natürlich einen guten Grund. An diesem warmen Sommerabend werden Oasis das erste Konzert ihrer Comeback-Tour geben. Oasis, die Britpop-Könige, die Großmäuler des Rock’n’Roll, 70 Millionen verkaufte Platten, Englands größte Band seit den Beatles. Aber eben auch Oasis, die Skandalband der Gebrüder Gallagher, die sich auf der Bühne prügelt. Und 2009 sehr hässlich auseinandergeht.
Ein zweiter „Summer of Britpop“
Liam und Noel Gallagher, die ewigen Streithähne des Rock’n’Roll, sollen an diesem Abend also das erste Mal seit 16 Jahren wieder Seite an Seite auf der Bühne stehen. Ob es passiert? Auch das ist Thema in den Pubs von Cardiff. Die Wettbüros geben Gewinne von 7:1 aus, falls man darauf setzt, dass schon das erste Konzert platzen wird. Seit Wochen gibt es in Großbritannien kein anderes Thema als dieses. Der Sommer 2025 ist in vielerlei Hinsicht eine Wiederholung des „Summer of Britpop“ von 1995. Als Oasis und Blur England wieder sexy machten. „Cool Britannia“ sagte man damals dazu.
1995 ist zurück
Und heute? Sind Oasis zurück, Pulp und Blur sind es auch, Robbie Williams nennt seine neue Platte „Britpop“, und die Spice Girls planen eine Reunion mit Victoria Beckham. 1995 ist zurück. Und wie.
Am Freitagabend steigt die Spannung ins Unermessliche. Das Principality Stadium platzt mit 74 500 Besuchern aus allen Nähten; weil es direkt in der Innenstadt liegt, sind auch die umliegenden Pubs voller Fans. Und die erste von zwei Shows in Cardiff? Sie findet tatsächlich statt und übertrifft alle Erwartungen. Das freut natürlich die, die schon in der Stadt sind und Tickets für die zweite Show am Samstag haben.
Am nächsten Morgen ist das Konzert natürlich Thema im BBC-Frühstücksfernsehen. Grund zur Freude: Das Wetter ist deutlich kühler, grauer, windiger und regnerischer. Parkawetter, sozusagen. Und der gehört neben dem Fischerhut eh zur Grundausstattung aller Oasis-Fans. Wie viele Hüte an diesem Wochenende in Cardiff sind, kann man unmöglich zählen. Die Schlange am offiziellen Pop-up-Store in einer Mall reicht gefühlt bis nach London und alle warten. Warten gespannt auf diese zweite Show, die wieder von Cast eröffnet wird. Die sind ebenso ein Relikt der britischen Alternative-Neunziger wie Richard Ashcroft, alter Oasis-Kumpel und mit seiner Band The Verve dank „Bittersweet Symphony“ für kurze Zeit auch ganz oben gewesen im Britpop-Zirkus.
Ist auch an diesem zweiten Abend alles egal: Oasis sind gekommen. Und sie sind besser, als man das jemals für möglich gehalten hätte. Nicht weil sie besser spielen als früher oder weil die Setlist voller elaborierter Überraschungen steckt. Sondern weil man das erste Mal den Eindruck hat, dass sie wirklich Spaß dabei haben, zusammen zu spielen. Liam und Noel Gallagher scheinen erstmals wirklich wertzuschätzen, was sie sich da aufgebaut haben.
Klar, die vielen hundert Millionen Pfund Einnahmen können dabei nicht schaden, doch hier steht eine Band auf der Bühne, die Bock hat. Und weiß, was eine große Rock’n’Roll-Show braucht. Alles ist ein bisschen größer als bei anderen Stadionshows. Die Klappe von Liam Gallagher, das Ego der Musiker, die Strahlkraft der Hits, die Wucht. Und die Liebe der Fans. Aus Zehntausenden Kehlen schallen der Band ihre größten Hits entgegen. Und Hits haben sie ohne Ende geschrieben zwischen ihrem legendären Debüt „(What’s The Story) Morning Glory“ 1994 und ihrem letzten Album „Dig Out Your Soul“ von 2008.
Als wären die Jahre nie vergangen
Der Einstieg mit „Hello“ – ebenso obligatorisch wie pure Gänsehaut. Man kann es kaum fassen, Liam und Noel da gemeinsam auf der Bühne stehen zu sehen. Liam singt großartig, Noel spielt lässig und cool. Als wären all die Jahre nie vergangen. „Rock’n’Roll Star“, „Champagne Supernova“, „Stand By Me“ zum Abschluss sogar das unsägliche „Wonderwall“. Oasis sind plötzlich zu einer fanfreundlichen Rockmaschine geworden, die ihr großes Erbe laut und lustvoll ins Rund des Principality Stadium krachen lässt. Man muss sich zwischendrin kneifen, um sich zu versichern, dass das hier wirklich passiert.
Diese Band hat keine Songs geschrieben. Sie hat eine Generation vertont. Sie hat Hymnen geschrieben, die die Leben von Millionen Menschen gelenkt haben. Das wird in Cardiff sehr deutlich. Und das nicht nur während des tosenden Schlussapplauses. Sondern bei jedem einzelnen Song. Tränen, strahlende Gesichter, Ungläubigkeit, Glück, Menschen, die sich in den Armen liegen. Oasis sind offiziell zurück. Triumphaler hätte diese Rückkehr nicht ausfallen können. Wie Liam Gallagher schon sagte: „Biblisch“.