Genickschonend: Möglichkeiten den Kopfstand zu üben. Foto: respondek

Das einziges Yoga-Studio, das ausschließlich die Prinzipien von Iyengar lehrt, ist im Westen.

Stuttgart - Wer jemals den Vorzug hatte, Herrn Iyengars Aufmerksamkeit zu erhalten, oder Zeuge der Genauigkeit, Verfeinerung und Schönheit seiner Kunst wurde, ist jener Vollendung und unschuldigen Harmonie begegnet, in der der erstgeschaffene Mensch im Garten Eden – ohne Waffen und ohne Scham, als Sohn Gottes lebte.“ Kein Geringerer als Yehudi Menuhin hat das über B.K.S. Iyengar gesagt. Der Weltklassegeiger ehrt mit diesen Zeilen einen anderen großen Meister. Einen Großmeister des Yoga. Vor allem aus Dankbarkeit. Denn der Inder befreite ihn von einem Schmerz, der sich durch die einseitige Haltung beim Geigenspiel auf seinen ganzen Körper ausbreitete – aber sich dank Iyengars Methode in Luft auflöste. Was wie Zauberei klingt, ist eine ganz besondere Spielart des Yoga, die Iyengar aus eigenem Leiden heraus ersann und immer weiter perfektionierte. „Er kam als schwächliches Baby zur Welt“, erklärt die Yoga-Lehrerin Susanne Mayer von Yoga-West, „er hatte im Prinzip alle Krankheiten, die man sich vorstellen kann.“ Also kam Iyengar auf die Idee, eine anatomisch präzise Übungsmethode zu entwickeln. Der Clou an diesem therapeutischen Ansatz ist, dass Menschen jeden Alters und unterschiedlichster Zipperlein durch den Einsatz von Hilfsmitteln selbst die schwierigsten Asanas (Übungen) ausführen können. Kopfstand? Kein Problem. Mit Hilfe von Gurten, Seilen, Klötzen oder Stühlen können auch anspruchsvolle Haltungen für längere Zeit eingenommen werden oder ein unbewusster Körperbereich aktiviert und bewusst gemacht werden.

1000 Stunden Lehrer-Ausbildung

Nicht umsonst begrüßt Anika Gehlert Neulinge scherzhaft mit dem Satz: „Du willst es also auch mal mit Möbel-Yoga versuchen?“ Im Vergleich zum klassischen Hatha-Yoga mutet Iyengars Methode tatsächlich etwas exotisch an. Aber alle, die den Weg in das einzige Iyengar-Yoga-Studio der Stadt an der Schwabstraße 12 a finden, kommen genau aus einem bestimmten Grund. „Sie haben Probleme mit dem Rücken, den Knien, den Bandscheiben oder den Hüften“, erzählt Mayer, die im Hauptberuf Professorin an der Hochschule für Medien ist. Ihr ging es nämlich eines Tages genau so wie vielen Büroarbeitern mit der Volkskrankheit „Rücken“. „Ich konnte mich irgendwann nicht mehr vom Stuhl erheben“, erinnert sie sich an die Pein vor zwölf Jahren. Selbstredend sind auch ihre Beschwerden inzwischen dank Iyengar-Yoga wie weggeblasen.

Ein Leben ohne die Übungen, aber auch ohne die dazugehörende Spiritualität, kann sich die Professorin nicht mehr vorstellen. Selbst auf Reisen – ob in China oder Australien – taucht sie in den Kosmos dieses Präzisions-Yoga ein. „Diese extreme Genauigkeit schärft meine Intelligenz“, sagt sie, „Körper- und Kopfintelligenz verbinden sich.“ Damit die Schüler und die Geplagten alle Asanas exakt umsetzen können, wird von Iyengar-Lehrern mehr verlangt. Im Gegensatz zu vielen klassischen Yoga-Lehrerausbildungen (400 Stunden), müssen Iyengar-Aspiranten 1000 Stunden Theorie und Praxis lernen. Dann aber, so machte es der Meister vor, kann man sogar einer 80-jährigen Dame den Kopfstand beibringen. Zumindest ist überliefert, dass Iyengar der belgischen Königin die Welt so aus der umgekehrten Perspektive zeigte.

Iyengar: 100. Geburtstag

Wer dies auch erleben möchte, hat dazu am Freitag, 14. Dezember, eine gute Gelegenheit dazu. Iyengar wäre an diesem Tag 100 Jahre alt geworden. Daher feiert Yoga West diesen Ehrentag mit einer Veranstaltungsreihe. „Es werden Yoga-Sequenzen aus seinen Büchern geübt und daraus vorgelesen, um die Tiefe seines Schaffens und den unendlichen Reichtum des Yoga zu zeigen und zur eigenen Übungspraxis zu ermutigen“, erklärt Susanne Mayer, die um 18.15 Uhr eine Stunde mit dem Titel „Der Baum des Yoga“ gibt. Und um 20.15 Uhr wird der Film über die Ursprünge des Yoga („Der atmende Gott”) ­gezeigt.

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