Die Aktienmärkte boomen – doch wer mit Indexpolicen fürs Alter spart, hat kaum was davon. Warum die Stiftung Warentest dringend von den Produkten abrät.
Indexpolicen sollen sichere Erträge und Renditechancen als Mischprodukt aus Lebensversicherung und Investmentfonds vereinen – Hunderttausende Menschen nutzen solche Angebote zur privaten Altersvorsorge. Doch was große Versicherer und der Finanzvertrieb als attraktive Kombination bewerben, ist für Verbraucherschützer ein rotes Tuch. „Zu teuer, zu intransparent, zu wenig Chancen auf gute Renditen“, bemängelt die Stiftung Warentest, die den Markt unter die Lupe genommen hat.
Allianz-Sprecher: „Die Kritik können wir nicht nachvollziehen“
„Heute tun wir etwas, was wir normalerweise nicht machen: Wir warnen vor einer ganzen Produktgruppe“, sagt Ulrike Sosalla, stellvertretende Chefredakteurin von Finanztest. Das zur Stiftung Warentest gehörende Verbrauchermagazin ist bei einer Studie, die die Wertentwicklung von zwölf Indexpolicen anhand einer Simulationsrechnung untersuchte, zu ernüchternden Ergebnissen gekommen. Das verheerende Urteil der Verbraucherschützer: Finger weg, für die Altersvorsorge ungeeignet.
Als Beispiel heben die Tester das Angebot „Indexselect“ vom Marktführer Allianz hervor – dies sei die meistverkaufte Indexpolice Deutschlands, nach Angaben des Versicherers hätten rund eine halbe Million Menschen einen Vertrag abgeschlossen. Laut Finanztest schaffte das Produkt in der Projektion nur in 37 von 100 simulierten Einjahreszeiträumen eine positive Rendite. Auch die meisten anderen Anbieter schnitten schlecht ab – in aller Regel lohnen sich die Policen für Sparer demnach nicht.
Die Allianz verteidigt ihre Indexpolice indes. „Die Kritik können wir nicht nachvollziehen“, sagt ein Unternehmenssprecher gegenüber unserer Zeitung. Durch die Konstruktion des Produktes könne in Jahren mit negativer Index-Performance der Vertragswert nicht sinken. Umgekehrt partizipierten Kunden an positiven Entwicklungen „gemäß einem vertraglich festgelegten Verfahren“. Dieses Prinzip habe sich in den letzten 15 Jahren in unterschiedlichen Zyklen bewährt, unter anderen auch während der Coronakrise.
Offenbar beginnt das Problem schon mit Missverständnissen darüber, inwiefern man mit Indexpolicen überhaupt am Börsengeschehen teilnimmt. „Von den guten Renditen der Aktienmärkte sind diese Altersvorsorgeprodukte meilenweit entfernt“, moniert Sosalla von Finanztest. Dabei ist das bei den Angeboten auch so vorgesehen, wobei es Kunden womöglich nicht immer klar ist. Anders als die seit Jahren boomenden ETFs beteiligen die Versicherungspolicen Anleger nur in geringem Maß an der Börsenentwicklung.
Absicherung der Beiträge als zentrales Verkaufsargument
„Indexpolicen ermöglichen es Kunden, ihre Überschussbeteiligung an den Aktienmärkten zu investieren“, erklärt Experte Lars Heermann von der auf die Versicherungsbranche spezialisierten Ratingagentur Assekurata. Normalerweise werden Beiträge in renditeschwache, aber als sicher geltende Kapitalanlagen wie Anleihen gesteckt. Das eingezahlte Geld garantieren die Versicherer. Lediglich Überschüsse, die darüber hinaus gehen, kommen für die Beteiligung an einem Aktienindex in Frage.
Ein zentrales Verkaufsargument ist dabei die Absicherung der Beiträge bei zugleich höheren Renditechancen. Indexpolicen verfügten über einen speziellen Beteiligungsmechanismus, bei dem die Versicherungsnehmer selbst in schlechten Kapitalmarktphasen kein Geld verlieren können, heißt es dazu bei Assekurata. „Im Gegenzug profitieren sie von positiven Börsenentwicklungen ebenfalls nur anteilig.“ Denn die Versicherer setzen strikte Renditelimits – sehr zum Ärger der Kritiker.
So begrenzen die Anbieter von Indexpolicen Wertzuwächse laut der Finanztest-Studie zwischen 2,0 und 2,8 Prozent. Zum Vergleich: der deutsche Leitindex Dax legte im vergangenen Jahr um über 20 Prozent zu. „Kursgewinne werden gedeckelt, Kursverluste weitergegeben“, sagt Stephan Kühnlenz, Wissenschaftlicher Leiter und Altersvorsorgeexperte der Stiftung Warentest. So hätten Kunden bei Indexpolicen der Allianz und anderer Versicherer 2023 trotz starker Börsen Nullrenditen bekommen.
„Die Anbieter sind sich dieser Mogelpackung bewusst“
Weitere Kritikpunkte der Verbraucherschützer: hohe Gebühren und undurchsichtige Kostenstrukturen. Zudem investierten Anleger gar nicht tatsächlich in Aktien, ihr Geld fließe in komplizierte Finanzkonstrukte. „Indexpolicen sind lediglich für die Anbieter ein gutes Geschäft. Wir raten dringend davon ab, sie für die private Altersvorsorge zu nutzen”, sagt Kühnlenz, der stattdessen zu ETF-Sparplänen rät.
Seine Kollegin Sosalla macht der Versicherungsbranche schwere Vorwürfe: „Die Anbieter sind sich dieser Mogelpackung durchaus bewusst“. Es verwundere daher kaum, dass fast alle der zwölf der kontaktierten Versicherer anfangs ihre Beteiligung bei der Studie verweigert hätten. „Eine Intransparenz, die wir bei Finanztest in der Form selten erleben.“