Der Maschinenbauer Florian Henzler hat flexibel auf die Krise reagiert und verkauft jetzt Schutzwände aus Plexiglas. Foto: Ines Rudel

Die B2B-Plattform ist eine Chance für regionale Firmen, sich in der Corona-Krise neue Netzwerke zu schaffen. Mit dabei ist die Nürtinger Firma Henzler Drehteile, für deren Chef auch die Verantwortung für die Mitarbeiter wichtig ist.

Nürtingen/Stuttgart - Florian Henzler ist der Feuerwehr-Chef der Abteilung Nürtingen-Stadtmitte. Und er ist der Chef von Henzler Drehteile in Nürtingen (Kreis Esslingen). Wie bei unzähligen anderen Unternehmen in der Republik, ist wegen der Corona-Krise auch in seinem Kleinbetrieb Feuer unter dem Dach. Mit Kurzarbeit versucht sich der feinmechanische Betrieb, über Wasser zu halten. Seit Kurzem ist Henzler mit seiner Firma auf der Plattform B2B der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS) vertreten. Die Initiative, die auch von der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten unterstützt wird, will beim Aufbau neuer regionaler Lieferketten helfen, und zwar dort, wo coronabedingt die Lieferanten oder Abnehmer weggebrochen sind.

Der Maschinenbau liegt am Boden

Die sechs Mitarbeiter von Henzler stellen im Industriegebiet des Nürtinger Stadtteils Zizishausen auf ihren CNC-Maschinen normalerweise Drehteile her. Zu den Hauptkunden gehören Hersteller von Verpackungsmaschinen. Für die Automobilindustrie fertigt Henzler ebenfalls Drehteile. Die Nachfrage nach diesen Produkten ist mit dem Ausbruch der Pandemie jedoch schlagartig zurückgegangen. Acht Wochen lang hatte die Firma die Produktion eingestellt, die Beschäftigten sind erst einmal über Kurzarbeit abgesichert.

Allmählich läuft das normale Geschäft wieder an, allerdings „sehr verhalten“, sagt Florian Henzler. „Der Maschinenbau ist tot“, sagt der 36-jährige Unternehmer. Über die Zeitung wurde er auf die B2B-Kontakbörse aufmerksam – und entschloss sich mitzumachen. „Wir bieten Ihnen Plexiglas-Trennwände in verschiedenen Ausführungen an. Die Standardwand ist zwei Meter hoch und 1,5 Meter breit und hat schwenkbare Füßen, sodass man sie überall aufstellen kann“, lautet eines der Angebote von Henzler Drehteile.

Mehrere lokale Firmen ziehen an einem Strang

Florian Henzler hat sich dabei mit der ebenfalls in Zizishausen ansässigen Zimmerei Brodbeck zusammengetan. Dort werden die Trennwände auf Maß gesägt. Bei Henzler werden die Einzelteile dann montiert. An der Wertschöpfung sind noch weitere lokale Firmen beteiligt: Digitalprint-Design produziert die Aufkleber für die Plexiglasscheiben, und der Werkzeughändler Kromer aus Oberboihingen kümmert sich um Marketing und Vertrieb. „Wir sind die Nürtinger Mafia“, scherzt Florian Henzler. Vor fünf Jahren hat er den 1985 gegründeten Familienbetrieb von seinem Vater Rolf übernommen.

Reißenden Absatz finden die Schutzscheiben bisher zwar nicht. Doch konnten über drei Wochen hinweg immerhin rund 30 Stück verkauft werden. Die Kreishandwerkerschaft sei über die B2B-Plattform auf das Angebot aufmerksam geworden, erzählt Henzler. Aber auch die Mund-zu-Mund-Propaganda sei wichtig. So dienten einige der Plexiglaswände nun in Nürtinger Schulen dazu, Schüler und Lehrer einer Corona-Infektion zu schützen.

Der Wirtschaftsförderer zieht eine positive Anfangsbilanz

Doch nicht einmal ansatzweise kann der Erlös aus der Produktion der Trennwände die Verluste aus dem Kerngeschäft kompensieren. Bei Herstellungskosten von 113 Euro und einem Verkaufspreis von 140 Euro für das Standardmaß bleibt unter dem Strich nicht viel hängen – zumal unter Berücksichtigung von mehreren beteiligten Firmen. „Da kann man nicht reich werden“, sagt Florian Henzler. Doch der materielle Nutzen steht für den Firmenchef hier nicht im Vordergrund. Zum einen fördert der unfreiwillige Ausflug in fachfremde Gefilde den Kontakt zu anderen Firmen und die Bildung von Netzwerken. Zum anderen und vor allem aber haben seine Mitarbeiter nach Wochen des Rumsitzens endlich wieder etwas zu tun. „Die Plattform hat dabei geholfen, dass sie bei Laune bleiben“, sagt Henzler, der sich gegenüber seinen Beschäftigten in einer sozialen Verantwortung sieht.

Auf der B2B-Börse tummelt sich ein bunter Branchenmix. Vom produzierenden Gewerbe über Unternehmensberater bis hin zu Übersetzungsdiensten reicht die Palette. 277 Angebote und Gesuche sind an der Online-Pinnwand derzeit verfügbar. „Wir stehen freilich momentan noch ganz am Anfang“, sagt Walter Rogg, der Geschäftsführer der regionalen Wirtschaftsförderung. Doch komme die Plattform b2b.region-stuttgart.de bei den Unternehmen, mit denen die Wirtschaftsförderung im Austausch stehe, „sehr gut an“. B2B sei nicht nur für die akute Situation gedacht, sondern vor allem auch für die Zeit nach Corona. Rogg: „Wenn die Fabriken wieder hochfahren und die Produktionen starten, wird die regionale Wirtschaft im allerschlimmsten Fall erkennbar geschwächt sein. Darauf wollen wir vorbereitet sein. Unsere unkomplizierte und für alle offene Plattform erlaubt es betroffenen Unternehmen, rasch die passenden Geschäftspartner für ihr Vorhaben zu finden.“

Eine Million Schutzmasken sollen umverpackt werden

Florian Henzler offeriert auf B2B aber nicht nur Plexiglas-Schutzwände. In seinem Betrieb werden normalerweise auch Teile für den Maschinenbau verpackt. Jetzt nutzt der 36-Jährige diese Möglichkeit anders: „Wir können Ihnen Ihre Produkte maschinell und günstig in hoher Stückzahl in Folie einschweißen. Sie stellen Schutzmasken her und suchen die geeignete Verpackung? Bei uns sind Sie richtig“, wirbt Henzler auf der Plattform.

Just am Montag hat sich bei Henzler via B2B ein Kunde gemeldet, der 100 000 Schutzmasken in Fünferpackungen umverpackt haben will. „Wenn dies reibungslos läuft, möchte er noch eine Million hinterher“, sagt Henzler. Im Maschinenbau hatte sich die Konjunktur bereits vor der Corona-Krise abgeschwächt. B2B wird nicht alle Probleme lösen, doch könnte die Börse Henzler helfen, den Flächenbrand zumindest einzudämmen.

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