Der Künstler und Opa Willi Wilhelm: Vor sich seine Porzellanarbeiten und hinter sich die gemalte Enkelgalerie. Foto: Horst Rudel

Er ist nicht gerade der jüngste Student: Der 76-jährige Willi Wilhelm serviert zum Abschluss seines Studiums an der Freien Kunstakademie seine „Ess-Kapaden“ mittels Porzellanschöpfungen und Malerei. Die Vernissage findet am Samstag, 17. Juni in der Nürtinger FKN-Galerie statt.

Nürtingen - Wenn Willi Wilhelm „cunzt“, kommt dabei „Cunzt“ heraus. Dazu braucht er sogenanntes Limoges-Porzellan, benannt nach einer Stadt in Frankreich, und Kobaltblau zur Dekoration. Willi Wilhelm schätzt auch „Ess-Kapaden“. Dazu benötigt er Acrylfarben, eine entsprechende Malunterlage – und Bildvorlagen von Menschen, denen es ganz offensichtlich schmeckt. Und dann sind da noch die Logos. Sie greifen die Porzellan- „Cunzt“-Themen und die „Ess-Thetik“ auf und spannen den geografischen Bogen vom schwäbischen Geißentäle („Capra Valle’’) über „Eatalya“, sprich Italia, bis hin zu Südamerika und Fernost, Kochrezepte eingeschlossen.

Die sprachlichen Verrenkungen und sein kreatives Tun überhaupt sind nicht die einzigen Besonderheiten Wilhelms. 23 Jahre leitete der gelernte Kaufmann die Bereiche Produktentwicklung und Produktdesign bei der Württembergischen Metallwarenfabrik (WMF) in Geislingen (Kreis Göppingen) – ohne dass er fürs Fach Design die entsprechenden akademischen Weihen hätte vorweisen können. Der sich anschließende Ruhestand war mit acht Enkelkindern dann wahrlich umtriebig genug.

Ernsts Vater war Porzellankunstmaler bei Rosenthal

Doch das war noch lange nicht alles: In bereits kräftig fortgeschrittenem Alter ergreift der Mann „die zweite Chance meines Lebens“, wie er sagt, und absolviert an der Freien Kunstakademie Nürtingen (FKN) drei Gastsemester und sieben Vollsemester in den Fächern Gefäßkeramik und Malerei. Jetzt, vom 17. bis zum 22. Juni, präsentiert der 76-Jährige die obligatorische Abschlussausstellung in der FKN- Galerie.

Und bereits der reichlichst bebilderte Katalog von knapp 120 Seiten zeigt, dass sich da einer besonders ins Zeug gelegt hat, um seinen kreativen Wurzeln nachzuspüren. Der Vater Ernst war immerhin ein exzellenter Porzellankunstmaler bei Rosenthal im fränkischen Selb, und auch der Filius machte dort seine Lehre – allerdings als Kaufmann.

Den Weg von Wilhelms Wohnort Reichenbach, einem Ortsteil der Göppinger Kreisgemeinde Deggingen, zum FKN-Studium in Nürtingen, halfen ihm die Pfarrerin Martina Rupp und die Porzellankünstlerin Verena Junghans zu ebnen. Und mit dem Studium verlegte sich Wilhelm auch vermehrt auf seine kryptischen Wortschöpfungen, um so ihm allzu dogmatische Lehrmeinungen etwa aus der Bauhaus-Tradition zu „unterlaufen“.

Attacke auf die äußerst müllintensive Fast-Food-Welle

Als sein „extremstes Ding“ in der Ausstellung, die über 60 Einzelstücke aus zehn Objektgruppen umfasst, bezeichnet der Künstler die porzellangewordene Attacke auf die äußerst müllintensive Fast-Food-Welle. Da reicht der Bogen von der von Hand geformten Papierserviette über die Pommes frites-Tüte und den Burger im Brötchen bis hin zum Cola-Becher samt Deckel. Dem Verriss folgt die Hinwendung zur „EssCoolTour“, verkörpert durch Teller und Schalen, Tassen und Becher sowie frappierender Besteckvielfalt.

Wilhelms Werdegang in der Acrylmalerei zeugt von Detailschärfe und mündet in einer Art launiger Enkelgalerie, die den Nachwuchs in jungen Jahren schnappschussartig beim Futtern zeigt – womit sich der Kreis zu den Ess-Kapaden schließt. Und wie geht es weiter? „Ich bin jetzt ‚Aufhörer’“, sagt der FKN-Absolvent, zu dessen größten Wünschen es zählt, einmal im Deutschen Porzellanmuseum in Selb ausstellen zu dürfen.

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