Eine junge Mutter musste erleben, wie ihr Sohn wenige Stunden nach seiner Geburt starb. Die Trauer beschäftigt sie bis heute. Nun will sie auch anderen Betroffenen helfen.
Es ist eine rührende Szene, die sich auf dem Nürtinger Waldfriedhof abspielt: Eine junge Frau beugt sich über einen Grabstein, umarmt ihn zum Abschied und berührt den Stein mit den Lippen. Es ist eines der Rituale, die Laura Gashi entwickelt hat, um den Schmerz um ihren verstorbenen Sohn Luan zu verarbeiten. Mindestens einmal in der Woche geht sie auf den Friedhof.
Vor viereinhalb Jahren verstarb der kleine Luan nur wenige Stunden nach seiner Geburt auf der Brust seiner Mutter. Er war ihr erstes Kind. Unter dem Eindruck dieses Verlustes hat die 29-jährige Nürtingerin, die inzwischen mit ihrer Familie in Köngen lebt, im vergangenen Jahr mehrere Selbsthilfegruppen – ihr Herzensprojekt – für Frauen und Männer gegründet, die wie sie selbst ein Kind kurz nach der Geburt oder bereits in der Schwangerschaft verloren haben.
Als Trauerbegleiterin möchte die junge Mutter anderen Betroffenen helfen
„Trauer darf kein Tabu sein“, auch nicht bei Sternenkindern, wie solche Kinder liebevoll genannt werden, erklärt Gashi. Sie will nun eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin absolvieren, um anderen Betroffene noch besser in ihrer Trauer zur Seite zu stehen. Diese Eltern sollen wissen, sie sind nicht alleine und gleichzeitig sollen die verstorbenen Kinder nicht in Vergessenheit geraten.
Laura Gashis Sohn Luan kam mit einer schweren Blutanämie aufgrund eines unerklärlichen Knochenmarkschadens auf die Welt. Als Ursache für die Krankheit kommt eine Infektion der Mutter mit Ringelröteln in Frage, von der Gashi nichts wusste. „Es ist das Schlimmste, wenn Eltern ihr Kind überleben“, sagt Laura Gashi mit fester Stimme.
Eigentlich habe sie eine normale Schwangerschaft gehabt. Als ihre Wehen trotz Einleitung nicht stark genug waren, entschieden sich ihr Partner und sie für einen Kaiserschnitt. Dann ging alles ganz schnell: Ihr Luan wurde geboren, kam aber schlaff und blass zur Welt und auch das grün gefärbte Fruchtwasser verhieß nichts Gutes. „Da wurde es hektisch im Raum“, erinnert sich die 29-Jährige.
Die Fahrt in die Kinderklinik in Esslingen kam ihr sehr lang vor
Das Ärzteteam in Ruit habe alles getan, um den Zustand des kleinen Luan zu stabilisieren, der so schnell wie möglich auf die Intensivstation der Kinderklinik nach Esslingen gebracht werden musste. Am späten Abend wurde auch Laura Gashi verlegt. „Die Fahrt kam mir ewig lang vor“, erinnert sie sich. Und sie hätte sich gewünscht, der Rettungssanitäter hätte ihre Hand gehalten, denn inzwischen war klar, dass es ihr Sohn nicht schaffen würde.
„Mein Kind wurde mir weggenommen“, dieser Gedanke habe sie in der ersten Zeit nach Luans Tod beschäftigt. Inzwischen sehe sie das anders und sei überzeugt, dass Luan gehen wollte: „Ich bin ihm so dankbar, dass er es so entschieden hat“, erklärt die junge Frau, denn nur die Geräte hätten ihn noch am Leben gehalten.
Ihre Familie und sie halten die Erinnerung an den verstorbenen Sohn wach
Seither lebe sie wie in zwei Welten. Ihr Leben hier mit ihren beiden später geborenen ein und drei Jahren alten gesunden Söhnen und mit ihrem Mann auf der einen Seite und andererseits die Erinnerung an den verstorbenen Luan, ihr Sternenkind. Nein, Suizidgedanken habe sie aber keine. „Ich werde hier gebraucht“, erklärt die 29-Jährige und ergänzt, Angst vor dem Tod habe sie seither nicht mehr: „Ich weiß, Luan wartet oben auf uns, auf seine Liebsten.“
Ein wenig betrübe sie aber die Vorstellung, dass die Erinnerungen an Luan mit der Zeit verblassen könnten. Damit dies nicht geschieht, „ist er jeden Tag ein fester und lebendiger Teil unserer Familie, obwohl er nicht bei uns aufwachsen durfte“. Zuhause im Wohnzimmer gibt es einen Platz mit Erinnerungsstücken wie einem Foto von Luan, einer Erinnerungskerze und anderem, doch das Meiste liege in einer Kiste auf der ein Löwe prangt, denn Luan bedeute auf Albanisch Löwe.
Auch ihre beiden Kinder wissen, dass man Trauer nicht verstecken muss
„Wenn es geregnet hat, strubbeln wir dem kleinen Plüschtierlöwen immer durch die Mähne, damit die Haare abstehen wie bei Luan“, der mit einem Strubbelkopf auf die Welt gekommen sei, erklärt Laura Gashi auf dem Friedhof. Das Grab ist je nach Jahreszeit liebevoll dekoriert, sogar ein kleiner geschmückter Weihnachtsbaum gehört dazu. Außer dem Plüschtier gibt es einen Regenbogen, ein kleines Windrad und bemalte Steine. Auf einen hat Laura Gashi Vater Mutter und zwei Kinder gemalt und das dritte Kind, ihr Erstgeborener, blickt von einer Wolke auf sie herab.
Auch ihre beiden kleinen Söhne „sollen wissen, dass Trauer nichts ist, vor dem man sich verstecken muss –und dass Liebe nicht endet, nur weil jemand nicht sichtbar bei uns ist“, formuliert es die 29-Jährige. Ihr Mann und sie seien seit Luans Tod ganz offen mit Trauer und Verlust umgegangen und das habe sie einander noch näher gebracht.
„Die leisen Gesten helfen oft am meisten“, sagt Gashi, die von sich als dreifacher Mutter spricht. Neben Gesprächen habe es ihr geholfen, Tagebuch und ein Erinnerungsbuch zu schreiben. Die Selbsthilfegruppen Lichtzeit, die sie in Nürtingen und Köngen leitet, betrachte sie auch als Liebesbeweis für ihren Luan. Dazu ermutigt hätten sie auch ihr Mann und ihre Familie.
I nfos auf Instagram: @lichtzeit_official; Bei Fragen zu den Treffen E-Mail an: laura_gashi96@gmx.de
Treffen in geschütztem Rahmen
Angebot
Unter der Überschrift Lichtzeit bietet Laura Gashi je einmal monatlich in den Räumen des Hauses der Familie in Nürtingen, bei der Familienbildungsarbeit Köngen (FBA) und online via Zoom Meeting Treffen der Selbsthilfegruppen an.
Zielgruppe
Die Treffen in geschützten Räumen wenden sich an Eltern von Sternenkindern, verwaiste Eltern und Paare mit unerfülltem Kinderwunsch. Infos im Netz unter: www.hdf-nuertingen.de und www.fba-koengen.de