Schleich-Geschäftsführer Dirk Engehausen in Nürnberg mit einem Dino, dem T-Rex, verzichtet bei Tieren bewusst auf Digitales. Foto: Imelda Flaig

Unternehmen aus Baden-Württemberg setzen digitale Technik behutsam ein und bauen auf gemeinsame Spielfreude. Puzzles sind auch in Zeiten der Digitalisierung aller Lebensbereiche immer noch sehr gefragt.

Nürnberg - Lio ist in seinem Element. „So kannst du vergrößern und sogar kleine Kratzer auf dem Lkw erkennen“, erklärt der Drittklässler und hantiert geschäftig mit der selbst gebauten Lupe, mit der er den Spielzeuglaster und ein Foto inspiziert – ein Mikroskop für unterwegs. Fischertechnik, eine Tochter der Fischer-Gruppe aus Waldachtal (Schwarzwald), setzt bei der Neuheitenschau auf der Nürnberger Spielwarenmesse auf die Verknüpfung von digitaler und realer Spielewelt – mit Bedacht, wie bei einigen Unternehmen aus Baden-Württemberg, die sich hier präsentieren, zu sehen ist.

 

Man wolle Kinder für zukunftsorientierte Trends begeistern, sagt eine Sprecherin von Fischertechnik. Bei dem Baukasten Smart Super Zoom wird eine selbst gebaute Lupe mit einer Art Saugnapf am Smartphone angebracht. Damit lassen sich kleine Gegenstände bis zu 26-fach vergrößern. „Das ist cool“, sagt Lio, auch wenn er noch kein eigenes Handy hat. Das Unternehmen, das auch Baukästen mit Solartechnik, Brennstoffzellen oder gar einem 3-D-Drucker im Programm hat, nennt dazu keine Absatzzahlen, sondern berichtet lediglich, dass man zufrieden mit den Zuwächsen sei.

Ravensburger knackt 500-Millionen-Grenze

Bei Ravensburger setzt man weniger aufs Smartphone, sondern auf das klassische Spielen und Anfassen. „Unser Eindruck ist, dass die Menschen trotz aller Digitalisierung gern haptisch spielen. Sie wollen gemeinsam etwas erleben – möglicherweise als Ausgleich. Das ist ein richtiger Trend geworden“, sagt Ravensburger-Chef Clemens Maier. Besonders beliebt sind dabei die Puzzles, gefolgt von der Holzeisenbahn Brio, bei der Kinder nun eigene Geräusche aufnehmen und abspielen können. Gefragt ist den Angaben zufolge auch die Gravitrax-Kugelbahn. Damit treffe man offenbar den Zeitgeist, meint Maier. Dank des Puzzletrends hat das oberschwäbische Familienunternehmen im vergangenen Jahr die 500-Millionen-Marke geknackt. Der Umsatz kletterte um 6,7 Prozent auf 524,2 Millionen Euro

Laut Maier hat Ravensburger 2019 mehr als 21 Millionen Puzzles verkauft – knapp 20 Prozent mehr als im Jahr zuvor und so viele wie noch nie. Verkaufsschlager waren Exit-Puzzles mit ihren versteckten Rätseln, von denen etwa die Sternwarte neu auf den Markt kommt. Für absolute Puzzlefans gibt es auch ein Gigapuzzle mit 42 000 Teilen, doch das braucht Platz: sechs auf zwei Meter. Für erwachsene Einsteiger kommt jetzt ein Puzzle mit 99 Teilen in den Handel.

3,8 Millionen Sets von der Kugebahn Gravitrax

Wachstumsstärkstes Produkt im dritten Jahr hintereinander war die Kugelbahn Gravitrax, die nun auch mit neuen Bausteinen auf mehr Höhe und Tempo setzt. Sie ist international erfolgreich. Von ihr verkaufte Ravensburger 2019 rund 3,8 Millionen Sets – vom Grundpaket bis zu Katapult und Looping. Mit einer 3-D-Brille kann man sich gar in die rollende Kugel hineinversetzen. Mittlerweile macht Ravensburger zwei Drittel der Spielwarenumsätze im Ausland. Passend zum analogen Spieltrend stieg auch der Absatz der Gesellschaftsspiele für Familien und Erwachsene. Zum Renner entwickelt sich auch „Minecraft“, das am meisten verkaufte Videospiel, das Ravensburger als Brettspiel in die Wohnzimmer gebracht hat. Viel verspricht man sich zudem von „Der weiße Hai“, einem Strategiespiel für Jugendliche, und von „Krasserfall“, einem Kinderspiel, bei dem das eigene Boot im Wasser landen kann.

Ein paar Schritte weiter, bei Kosmos, wird eine dicke Jubiläumstorte angeschnitten – seit 25 Jahren wird mit dem Brettspiel „Catan“ gesiedelt, gehandelt und gebaut. Weltweit wurde dieses Spiel mehr als 30-Millionen-mal verkauft – in mehr als 70 Ländern. Wer Spannung und Überraschungen liebt, soll bei der Neuheit „My City“ auf seine Kosten kommen. Jeder Spieler entwickelt seine eigene Stadt in einer durchgängig erzählten Geschichte in 24 Kapiteln – ein Spiel nach dem sogenannten Legacy-Prinzip, wie eine Verlagssprecherin sagt. Das heißt: Mit jeder Partie verändert sich das Spiel und entwickelt sich weiter. Neue Regeln und Materialien kommen dazu, aber keiner weiß, welche Überraschung der nächste Umschlag enthält. Damit könnten auch Familien- und Gelegenheitsspieler den Reiz von Legacy-Spielen erleben, so die Sprecherin.

Programmierroboter Proxi kommt

Auch die „Adventure Games“ (Abenteuerspiele), von denen in nur acht Monaten über 130 000 Exemplare verkauft wurden, bekommen Zuwachs. Stärkste Spielemarke unter den Kosmos-Familienspielen sind „Exit Games“, bei denen Rätsel gelöst werden müssen. Seit Erscheinen vor dreieinhalb Jahren wurden bereits über 4,5 Millionen verkauft. Auch der Klassiker Experimentierkästen (15 Prozent Umsatzplus) trug zum Erfolgskurs. Mit Proxi kommt in diesem Jahr ein Programmierroboter auf den Markt. Der Stuttgarter Mittelständler beschäftigt 190 Mitarbeiter und hat 2019 „ein deutliches Wachstum“ im siebten Jahr in Folge geschafft – auf über 100 Millionen Euro. Die Zeichen stehen weiter auf Wachstum.

Schleich will zweistellig wachsen

Auf Erfolgskurs ist auch Schleich aus Schwäbisch Gmünd(Ostalbkreis). Der Umsatz wuchs 2019 um elf Prozent auf mehr als 200 Millionen Euro und lag damit weit über dem Marktdurchschnitt des deutschen Spielwarenhandels von drei Prozent. „Wir stellen nicht nur Figuren her – die haben mit den Spielewelten ein Zuhause bekommen“, sagt Schleich-Geschäftsführer Dirk Engehausen etwa mit Blick auf den Erfolg von „Pferdewelten“ (Horse Club). Dieses Jahr können sich kleine Abenteurer auf Wildtiere (Wild Life) und auf den Ranger Tom freuen, der die Kleinen auf eine Weltreise mitnimmt. Im Sommer starten die Abenteuer in der Dino-Forschungsstation. „Unsere Tiere kommen ohne digitale Zusätze aus“, sagt Engehausen, „denn das geht auf Kosten der Authentizität“. Schleich ist seit Sommer 2019 im Besitz der Schweizer Beteiligungsgesellschaft Partners Group. Das Unternehmen will auch in diesem Jahr zweistellig wachsen. Im Inland sind rund 400 Mitarbeiter beschäftigt.