Das alte Hauptgebäude des Birkel-Stammwerks in Endersbach Foto: Martin Stollberg/Archiv

1997 wurde das Stammwerk von Birkel in Weinstadt dicht gemacht. Aber noch immer bleibt der Ruhm der „bekanntesten deutschen Nudel“. Ein spannender Blick in kommunale Wirtschaftsgeschichte.

Birkel gehört zu Endersbach wie Daimler zu Untertürkheim“, so hat es vor ziemlich genau 25 Jahren auf Transparenten gestanden, als anno 1997 die Belegschaft des Birkel-Stammwerks mit einem Marsch gegen die Schließung der Hauptniederlassung protestierte. Mitte der 1980er-Jahre hatte Birkel noch einen Jahresumsatz von rund 400 Millionen Mark (knapp 200 Millionen Euro) verzeichnet, fast die Hälfte der damals in der Bundesrepublik produzierten Nudeln stammten aus der schwäbischen Teigwarenschmiede.

 

Der Flüssigei-Skandal bewegt die Republik

Eine Warnung des Regierungspräsidiums sorgte indes 1985 dafür, dass die Firma Birkel fortan eng mit dem damals die gesamte Nudelbranche erschütternden Flüssigei-Skandal verbunden war. Gewarnt wurde von den Behörden vor dem Verzehr bestimmter Birkel-Produkte, weil diese mikrobiell verdorben sein könnten. Die schwäbischen Nudelmacher hätten, so der Vorwurf, von einem holländischen Lieferanten Flüssigei bezogen, das mit befruchteten und bebrüteten Eiern, womöglich gar mit Schlachtabfällen durchsetzt war.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Ex-Nudelkönig Klaus Birkel ist tot

Birkel hat damals alle Vorwürfe bestritten und nach jahrelangem Rechtsstreit in einem Vergleich mit der Landesregierung Schadenersatz in Höhe von knapp 13 Millionen Mark (6,5 Millionen Euro) zugesprochen bekommen. Nur ein Bruchteil des entstandenen Schadens, so die Firma damals, die vor dem Oberlandesgericht Ersatz in Höhe von fast 50 Millionen Mark gefordert hatte. Klaus Birkel hatte bereits ein Jahr zuvor die Firma an die französische Danone-Gruppe verkauft, die dann acht Jahre später den Standort in Weinstadt-Endersbach komplett stilllegte.

Bis heute bleiben Zweifel daran, ob es bei der Birkelschen Nudelproduktion damals tatsächlich mit rechten Dingen zuging. Unter anderem in einem gut 15 Jahre später veröffentlichten Buch zum Flüssigei-Skandal wurde vermutet, dass bei dem Prozess 1990 Akten nicht berücksichtigt wurden, welche die Firma belastet hätten.

Klaus Birkel wird Rinderzüchter in den USA

Klaus Birkel hatte sich derweil in Texas niedergelassen und angeschickt, mit Anfang 50 nochmals durchzustarten. Für sein neues Projekt, eine groß angelegte Rinderzucht, kaufte er 1993 die Ranch „Camp Cooley“ samt einem Gelände von etwa 45 Quadratkilometern. Der ehemalige Nudelkönig stieg binnen weniger Jahre zu einem der größten Rinderzüchter der USA auf. Zum neuen Firmenimperium gehörte auch ein Immobilienunternehmen, innerhalb dessen Birkel massiv in Wohnungsbau investierte. Beim Platzen der Immobilienblase geriet dieser Unternehmensteil in finanzielle Schieflage. Birkel musste zunächst die Immobiliensparte, später auch die von einem tödlichen Rindervirus getroffene Ranch verkaufen. Danach siedelte Klaus Birkel mit Ehefrau Bonnie nach Mexiko um, wo sie in Los Cobos ein Restaurant eröffneten. 2017 starb Klaus Birkel nach schwerer Krankheit.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Gewerbegebiet wird zum Modellprojekt

Begonnen hat die Remstäler Birkel-Geschichte 1874 in Schorndorf. Dort hat der Firmengründer Balthasar Stephan Birkel zunächst eine kleine „Produkten- und Mehrhandlung“ aufgemacht. Wenige Jahre später habe er, so berichtet die Firmenhistorie, seiner Gattin beim Nudelmachen zugeschaut und dabei die entscheidende Geschäftsidee gehabt: Die Spezialisierung auf die Nudelherstellung.

In Schorndorf ist 1896 der Grundstein für die erste Birkelsche Nudelfabrik gelegt worden. Nach dem Kauf der Remsmühle in Endersbach verlegte die Firma anno 1909 ihre Produktion ins heutige Weinstadt. Dort ist noch immer, auch wenn es um die aktuelle städtebauliche Neustrukturierung des einige Hektar großen einstigen Firmengeländes geht, ausschließlich vom „Endersbacher Birkel-Areal“ die Rede.

Noch heute heißt die Fläche an der Rems „Birkel-Areal“

Die Nudelmarke Birkel samt ihren Produkten wiederum ist heute bei der Newlat GmbH in Mannheim verortet. Dort beruft man sich – siehe www.birkel.de – weiter auf die trotz Flüssigeiskandal quasi legendäre „Birkel-Qualität“ der „bekanntesten deutschen Nudelmarke“. Und auf den einstigen schwäbischen „Erfindergeist seit 1874“.