Zschäpe und ihr Neuer: Seit vergangenen Dienstag begleitet Rechtsanwalt Mathias Grasel die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe als vierter Verteidiger im Münchener Oberlandesgericht. Foto: dpa

Auf der Internetplattform YouTube suchte die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe 2011 auch nach einem Video zum Heilbronner Polizistenmord. Ein Jahr später lagen bereits die Daten ihres YouTube-Kontos in Deutschland vor.

Stuttgart/München - Am 11. Januar 2011 um 15.36 Uhr meldete sich Beate Zschäpe zum ersten Mal auf der Internetplattform YouTube an. Da sind sich Computerexperten des Bundeskriminalamtes sicher. Als „Liese1111“ habe sie sich bis zum 4. November 2011 insgesamt 784 Videos auf ihren Bildschirm geladen. Eine neunseitige Liste mit Internetkonten, Kreditkartendaten und Computerspielen fanden Polizisten im Unterschlupf der mutmaßlichen Rechtsterroristin in der Zwickauer Frühlingsstraße.

Bei der Auswertung der Liste stießen die Beamten auch auf das YouTube-Konto Zschäpes. Handschriftlich hatte die heute 40-jährige in der Mitte der Rückseite des letzten Blattes ihre Zugangsdaten für den Videokanal vermerkt. Am 25. Januar 2012 ordnete ein Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofes an, dass die „Inhalts- und Verkehrsdaten des ‚YouTube’-Accounts ‚Liese1111’“ im US-Firmensitz Google sichergestellt würden. Das deutsche Justizministerium bat sein amerikanisches Pendant um Hilfe. Bereits am 11. September 2012 übersandten die US-Ministerialen eine DVD mit den in den USA sichergestellten Daten. Darunter unter anderem auch die 784 Verkehrsdaten des Zschäpe-YouTube-Kontos. Unklar ist, warum die Daten offenbar erst jetzt ausgewertet wurden.

Denn unter ihnen soll sich auch, so berichtete die „Bild“-Zeitung, der Mitschnitt der ZDF-Sendung „Aktenzeichen...XY“ vom 28. Mai 2008 befinden. In der bat ein Kriminaler die Zuschauer darum, bei der Aufklärung des Mordes an der Polizistin Michèle Kiesewetter ein Jahr zuvor mitzuhelfen. Als die Sendung ausgestrahlt wurde, war die mutmaßliche Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) den meisten Menschen unbekannt.

Die Kriminalen der Heilbronner „Sonderkommission Parkplatz“ konzentrierten sich 2008 bei der Fahndung nach den Mördern der Böblinger Bereitschaftspolizistin auf das „Heilbronner Phantom“: An dem von Kiesewetter und ihrem schwerst verletzten Kollegen Martin Arnold benutzten Streifenwagen fanden Forensiker eine DNA-Spur, die sich mehr als 40 Tatorten zuordnen ließ. Ende März 2009 fanden die Ermittler heraus: Die gefundene DNA stammte von der Mitarbeiterin der Firma, die Wattestäbchen für die Spurensicherung herstellt. Die an den Straftaten unbeteiligte Frau hatte die Stäbchen verunreinigt, als sie sie verpackte.

Weil Zschäpe sich auch das Fahndungsvideo der Aktenzeichen-Sendung angeschaut habe, offenbare sie „Täterwissen“, schreibt die „Bild“-Zeitung. Die Verkehrsdaten des YouTube-Kontos, die auch unserer Zeitung vorliegen, zeigen, dass sich Zschäpe außer für den Kiesewetter-Mord sehr stark für Streifen mit sexuellen Inhalten interessierte. Fast die Hälfte der abgerufenen Dateien hatten Berichte über Pornodarsteller, ihre Arbeitsbedingungen sowie die Pornoindustrie zum Inhalt.

Interessant waren für Zschäpe auch Videos über Rechtsextremisten und die Hooligan-Szene. Unter den heruntergeladenen Streifen dieser Kategorie waren auffällig viele, die das Verhältnis gewaltbereiter Fußballfans und der Fan-Szene des Bundesligavereins Borussia Dortmund beleuchten. In Dortmund wurde am 4. April 2006 der türkischstämmige Kioskbesitzer Mehmet Kubasik erschossen. Die Staatsanwälte der Bundesanwaltschaft legen diesen Mord – wie auch acht weitere an Migranten und den an Kiesewetter – dem NSU zur Last.

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