Ex-Soko-Chef Günther Hollandt macht sich bis heute Vorwürfe. Foto: dpa

Ex-Soko-Chef Günther Hollandt erhebt vor dem Untersuchungsausschuss des baden-württembergischen Landtages schwere Vorwürfe gegen den Thüringer Verfassungsschutz.

Stuttgart - Manchmal bricht die Erkenntnis wieder über Günther Hollandt herein. Trifft ihn. Lässt ihn nach Worten suchen. Er schluckt: „Das belastet mich sehr“, sagt er einmal, während ihn am Freitag die Abgeordneten des NSU-Untersuchungsausschusses des Landtages befragen. Hollandt ist pensionierter Kriminalhauptkommissar. 347 Tage lang spürte der gebürtige Schwabe im Landeskriminalamt (LKA) Thüringens Mitte der 1990er Jahre Neonazis nach. Vor allem in Rudolstadt und Saalfeld, der Heimat des Thüringer Heimatschutzes.

In dem tauchten damals Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe auf. Die drei, so glaubt es der Generalbundesanwalt, haben zwischen 2000 und 2011 als Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) zehn Menschen ermordet, drei Sprengstoffanschläge verübt und 15 Raubüberfälle begangen. Im November 2011 sollen sich Böhnhardt und Mundlos nach einem Banküberfall in Eisenach selbst umgebracht haben, wenig später stellte sich ihre Komplizin Zschäpe der Polizei.

Die Mordserie, die dem NSU zur Last gelegt wird, „hätten wir vielleicht verhindern können“, sagt Hollandt. Er leitete damals die 27 Ermittler umfassende Sonderkommission Rex. Eine Arbeit, die ihn und seine Kollegen „zunehmend frustrierte“. Denn: „Das meiste, was wir ermittelten und planten, sickerte durch.“ Mit fatalen Folgen. Als Polizisten einmal morgens die Wohnung des Heimatschutz-Chefs Tino Brandt durchsuchen wollten, erwartete der Neo-Nazi die Beamten bereits. Sein Computer war zum Transport vorbereitet. Als LKA-Spezialisten ihn untersuchten wollten, stellten sie fest, die Festplatte war ausgebaut.

Zunächst Maulwurf vermutet

Zunächst vermutete Soko-Leiter Hollandt, er habe einen Maulwurf im Team. Später wurde dem Kriminalen jedoch klar, dass er falsch lag. 2001 wurde der V-Mann „Otto“ des Thüringischen Landesamtes für Verfassungsschutz (TLfV) enttarnt – Tino Brandt. „Ich habe wöchentliche Lageberichte erstellt, die auch ins TLfV gingen. Heute ist mir klar, dass von dort die Informationen an Brandt liefen“, klagt Hollandt an.

Als „organisierte Verantwortungslosigkeit“ bewertet das Boris Weihrauch, Sozialdemokrat im Ausschuss. Zumal es nicht die einzigen Merkwürdigkeiten waren, die rund um die die thüringische Soko Rex geschahen: Übersichten, die die genauen Strukturen des Heimatschutzes offenlegten, sind ebenso verschwunden wie Festplatten. „Ich weiß nicht, warum manche Dinge verschleiert werden, warum geschreddert wird“, so der Ex-Polizist Hollandt. Überhaupt: Die Zusammenarbeit mit den Verfassungsschützern sei „eine Einbahnstraße gewesen: Wir von der Polizei haben geliefert, zurückbekommen haben wir nichts.“ Von den mehr als 80 Straftaten, die Hollandt und seine Kollegen ermittelten, sei „nur eine angeklagt worden“: Als Böhnhardt – mutmaßlich mit Zschäpes Unterstützung – im April 1996 nahe Jena den Torso einer Puppe an einer Henkersschlinge von einer Autobahnbrücke hängen ließ. Böhnhardt wurde dafür zu einer Haftstrafe verurteilt, die er nie antrat.

„Die restlichen Verfahren wurden entweder gegen unbedeutende Auflagen wie Geldbußen oder sogar wegen Nichtigkeit eingestellt“, berichtet Hollandt.

Soko aufgelöst

LKA-Chef Uwe Kranz löste die Soko Rex im Herbst 1996 auf. Zu einem Zeitpunkt, wirft Hollandt seinem damaligen Chef vor, als sie noch einiges zu tun gehabt hätte. Aber, mutmaßt der Kriminale, „wahrscheinlich waren wir zu dicht dran, und der Verfassungsschutz hatte Angst, dass wir ihnen das Wasser abgraben“.

Es nage an ihm, dass er sich seinerzeit nicht „entschiedener dagegen gewehrt habe, dass die Soko aufgelöst wurde“. Im Januar 1998 wollten Polizisten eine Garage in Jena durchsuchen, in der das Trio Bomben zusammenbastelte. Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe tauchten in den Untergrund ab. Am 9. September 2000 sollen sie in Nürnberg den Blumenhändler Enver Simsek erschossen haben – der erste Mord, der dem NSU zur Last gelegt wird. Die Mordserie endete am 25. April 2007 auf der Heilbronner Theresienwiese. Die Polizisten Michèle Kiesewetter und Martin Arnold waren die letzten Opfer. Hollandt schluckt und wiederholt: „Wir hätten es vielleicht verhindern können.“

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