Beamte der Spurensicherung der Polizei im Jahr 2007 auf der Heilbronner Theresienwiese, wo zuvor die Polizeibeamtin Michele Kiesewetter getötet und der Polizist Martin A. schwer verletzt wurde. Foto: dpa

Vor dem NSU-Untersuchungsausschuss schildert ein Steuerberater sein Leben in der rechten Szene.

Stuttgart - Es war die erste Anlaufadresse des NSU: Als Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe im Januar 1998 beschlossen unterzutauchen, führte sie ihr Weg nach Chemnitz. Dort bekamen sie Starthilfe auf dem Weg in den Untergrund. Thomas Starke, ein alter Bekannte aus der sächsischen Skinhead-Szene, half dem Trio bei der Flucht vor der Polizei. Mindestens vier Wochen brachte er die drei bei einem Chemnitzer Bekannten unter. Dann brach der Kontakt zu den Jenaer Neonazis bald ab.

Uwe Mundlos verlor das Vertrauen

„Starke trat eine Arbeitsstelle in Dortmund an und war nur noch mit dem Handy zu erreichen“, erklärte der Kriminaloberkommissar Thomas Baaden dem NSU-Untersuchungsausschuss am Montag. Das sei Uwe Mundlos zu riskant gewesen. Obwohl Starke ihm bereits ein Jahr zuvor Sprengstoff geliefert und einige Monate lang mit Zschäpe angebandelt hatte, verlor Mundlos das Vertrauen. „Er teilte Starke mit, dass man nichts mehr mit ihm zu tun haben wolle“, schilderte Baaden den Parlamentariern den Bruch zwischen Starke und seinen untergetauchten Kameraden. Als die am 25. April 2007 auf der Heilbronner Theresienwiese auf die Polizistin Michèle Kiesewetter und ihren Kollegen Martin A. schossen, hatten sie demnach seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr zu Starke, der zeitweise als V-Mann für das Berliner Landeskriminalamtes spitzelte.

Kontakt zwischen Chemnitz und Ludwigsburg

Ein wichtiger Hinweis für die Abgeordneten, die nach möglichen Unterstützern der Rechtsterroristen suchen – denn Baaden bestätigte, dass Starke zwischen 1991 und seiner Inhaftierung 1994 drei- oder viermal auf Feiern der rechtsextremen Szene in Baden-Württemberg aufgetaucht sei. „Umfangreich“ habe er dem BKA in meh­reren Vernehmungen darüber berichtet. Über den Skinhead Markus Friedel, den der Ausschuss bereits als Zeuge vernahm, sei damals ein Kontakt zwischen Chemnitzer und Ludwigsburger Rechten zustande gekommen. Auch auf einer „1000-Dosen-Party“ in Heilbronn hätten die Kameraden gemeinsam gefeiert. Deren Organisator Michael Dangel war am Montag ebenfalls als Zeuge vor den Untersuchungsausschuss geladen. Der 49-jährige rechtsextreme Aktivist und Steuerberater korrigierte: „Es war eine 1000-Liter-Bölkstoff-Party.“ Zum Saufen habe man sich Anfang der neunziger Jahre in einem Steinbruch und auf dem Heilbronner Gaffenberg getroffen. „Die sind mit mehreren Trabbis vorgefahren“, erinnerte sich Dangel an die Gleichgesinnten aus dem Osten der damals frisch wiedervereinigten Republik, die in Heilbronn aufschlugen. Auch dass er den Sachsen Thomas Starke eingeladen hatte, hält Dangel heute für möglich. Damals habe man eben in der Szene die Telefonnummern ausgetauscht. Das spätere NSU-Trio kenne er aber nicht.

Der Zeuge will von seinen Freunden nicht mehr wissen

Müde wirkte auch der letzte Zeuge des Tages. Von seinen Freunden von früher wolle er nichts mehr wissen, erklärte Holger W. Der arbeitslose Forstwirt aus Gschwend mit dem Spitznamen Tweety war in den neunziger Jahren Gitarrist der Rechtsrockband Triebtäter. Später schloss er sich dem Ku-Klux-Klan an – zuerst in Chicago, dann bei den „European White Knights of the Ku-Klux-Klan“, einem schwäbischen Ableger der rassistischen Kapuzenträger. W. überraschte die Abgeordneten mit der Aussage, er kenne Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe. „Wir haben Party gemacht, uns weggesoffen“ – Gelage, die 1997 in Jena-Winzerla stattgefunden haben sollen, dem damaligen Wohnort des Trios.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: