Angehörige von Opfern trauern am Tatort um den in Nürnberg ermordeten Enver Simsek. Foto: dpa

Ein Geheimdienst, der alles aufklären will, vergisst das Handy einer Schlüsselfigur in einem Panzerschrank? Die jüngste Panne im NSU-Skandal wirft Fragen auf.

Berlin - Beim Inlandsgeheimdienst steht ein Panzerschrank – in einer Republik, die seit Jahren mit erheblichem Aufwand untersucht, weshalb in ihrer Mitte unbemerkt eine Neonazi-Terrorzelle töten konnte. Im Schrank liegt, angeblich auch über Jahre unbemerkt, ein Handy. Und wie sich herausstellt, gehört es Corelli. So hießt ein Barockkomponist – aber im NSU-Skandal ist Corelli die Figur, an der sich letztlich die Frage festmacht, ob die Geheimdienste Hinweise ignoriert haben, die zu einer Aufdeckung des Trios hätten führen können und wie rückhaltlos die Aufarbeitung betrieben wird.

Das vergessene Handy ist nicht die erste, sondern die x-te Unerklärlichkeit an einer Stelle, an der es angeblich um Aufklärung gehen soll. Die späte Mitteilung über den Fund kommt zudem zu einem Zeitpunkt, der ein bloßes Versäumnis als Erklärung unwahrscheinlich erscheinen lässt. Denn Corelli war den Abgeordneten des Bundestages so wichtig und die Zahl der offenen Fragen so groß, dass das Parlamentarische Kontrollgremium für die Geheimdienste einen Sonderermittler einsetzte. Das passiert nicht häufig.

Eine Schlüsselfigur des Skandals

Corelli ist eine Schlüsselfigur des Skandals, er ist eine Quelle, die im Umfeld des NSU existierte und den Diensten auch dazu Informationen lieferte. Eigentlich hießt der aus Halle stammende Mann Thomas R. – seinen Freunden und ihm selbst gefiel es, ihn mit Spitznamen HJ Thommy zu nennen. R. war lange Jahre in der Neonaziszene im Osten aktiv. Vor allem aber war R. unter dem Decknamen Corelli einer der wichtigsten Spione des Verfassungsschutzes. Von 1997 bis zu seiner Enttarnung 2012 lieferte er Informationen an das Bundesamt und ein Landesamt über die Szene der Neonazis in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Was Corelli bot, war den Diensten viel wert: über die Jahre kassierte er eine Summe von knapp 300 000 Euro.

Als das Kontrollgremium im Oktober 2014 den Rechtsanwalt und ehemaligen Grünen-Abgeordneten Jerzy Montag mit der Sonderermittlung beauftragte, lebte Corelli nicht mehr. Auch die Umstände seines Todes gehörten zu den Merkwürdigkeiten, die untersucht werden sollten: Im Alter von 39 Jahren starb R. überraschend. Er war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr für die Geheimdienste aktiv und lebte unter einer falschen Identität im Zeugenschutzprogramm. Es waren Verfassungsschützer, die die Türe aufbrechen ließen und dort den leblosen R. fanden. Als Todesursache wurde ein Zuckerschock nach einer bisher nicht erkannten Diabeteserkrankung festgestellt.

Anschluss an die Nationalistische Front

Thomas R. kam als Jugendlicher im Alter von 17 Jahren mit der Szene in Kontakt, lebte eine Zeit in einem von Rechten besetzten Haus in Berlin und schloss sich dann dem Sonderermittler zufolge der aggressiven und als gefährlich geltenden Nationalistischen Front an, wo er zum Kader aufgebaut wurde. R. war gut vernetzt, mit vielen Kaderfiguren in Kontakt und hatte einen rechten Musikvertrieb. Ausschreitungen während seiner Geburtstagsfeier in der Parteizentrale führten offensichtlich zu Konflikten und Schadenersatzforderungen – im Rückblick waren vermutlich Geldnot und Zorn auf die NF-Genossen das Motiv, sich dem Landesamt für Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt anzudienen. Corelli wurde 1994 als V-Mann verpflichtet, er lieferte Informationen über die Kameradschafts- und Musikszene, er spielte eine Rolle bei der Gründung des Ku Klux Klan in Baden-Württemberg - und er hatte Verbindungen zum Umfeld des NSU. In einem Fragebogen des Bundesamtes zum Terrortrio nach dessen Auffliegen erklärte Corelli, er habe keine Verbindungen zu diesen Personen gehabt, was objektiv falsch war. Corelli hatte 1995 Kontakt zu Uwe Mundlos, er fand sich 1998 auf einer von seinen Telefonlisten.

Ein Schwerpunkt der Recherche Montags waren die so genannten NSU-CDs. Vier Datenträger aus der Zeit zwischen 2005 und 2006 sind im Zuge der Ermittlungen aufgetaucht, sie alle enthalten eine Datei mit dem Namen NSU/NSDAP – und bieten damit einen klaren, frühen Hinweis auf die Existenz der Gruppe. Die erste wurde 2014 angeblich von einer Quelle beim Aufräumen entdeckt und an den Verfassungsschutz übergeben. Die Quelle teilte damals mit, sie habe die CD von Thomas R. bekommen – eine Information, die im Verlauf der Ermittlungen versackte. Der späte CD-Fund galt als die letzte Panne bei den Ermittlungen zu den Hintergründen des NSU – bis zum Fund des Mobiltelefons, der nun erst bekannt wurde.

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