Die Mordkommission 5, deren Leiter Wilfling (66) bis 2002 war, hat „akribisch den Tatort in der Bad-Schachener-Straße abgesucht“ und hat „akribisch etwa 50 Zeugen befragt, vornehmlich türkischer Herkunft“. Foto: dpa

Im NSU-Prozess muss der Ex-Chef Josef Wilfling erklären, warum der Münchner Mordkommission die rechtsradikalen Täter entwischten. Ein Nebenklage-Anwalt sorgt für einen Eklat.

München - Josef Wilfling hat sich akribisch auf seine Zeugenaussage vorbereitet: Akribisch, dieses Wort benutzt der Ex-Chef der Münchner Mordkommission am Donnerstagvormittag vor dem Münchner Oberlandesgericht sehr oft, um die Ermittlungen im Fall des ermordeten Gemüsehandlers Habil Kilic zu beschreiben. Die Mordkommission 5, deren Leiter Wilfling (66) bis 2002 war, hat „akribisch den Tatort in der Bad-Schachener-Straße abgesucht“ und hat „akribisch etwa 50 Zeugen befragt, vornehmlich türkischer Herkunft“.

Doch bis 2011 tappte die Polizei bei der brutalen Mordserie, der Habil Kilic zum Opfer fiel, im Dunkeln. Jetzt wurde Wilfling zum ersten Münchner NSU-Mord befragt und schilderte die Ermittlungen.

Es war der 29. August 2001 um 10.53 Uhr, als der Notruf eines völlig aufgelösten Mannes einging. Der Mann war ein Postbote, der im „Frischmarkt“ in der Bad-Schachener-Straße die Leiche des Ladenbesitzers Habil Kilic hinter der Ladentheke gefunden hatte.

Die Bilder von Habil Kilic im Gerichtssaal zeigen keinen fröhlichen Familienvater, nicht den 38-Jährigen, der gerne im Café saß und in der Großmarkthalle beim Einkauf ratschte. Die Fotos im Gerichtssaal sind unerträglich: Die erste Kugel durchschoss seine Wange und trat oberhalb des Ohres heraus. Habil Kilic muss sich hinter seiner Ladentheke geduckt haben, denn die zweite Kugel jagten ihm seine Mörder durch den Hinterkopf. Sie kam oberhalb des Auges wieder heraus.

Fall geht Wilfling nahe

Während Wilfling über die Tatort-Fotos spricht, schaut Beate Zschäpe unbeteiligt auf ihren Laptop, scrollt durch Unterlagen. „Das ist die Andeutung einer stabilen Seitenlage, das waren die Sanitäter“, sagt Wilfing und deutet auf den verrenkten toten Körper. Die bekennenden Neonazis André E. und Ralf W. geben sich lässig, schauen auf ihre Laptops und ab und an auf das an die Wand projizierte Grauen. Holger G., Szene-Aussteiger, hält sich die Hand vor die Augen. Nur der mitangeklagte Neonazi-Aussteiger Carsten S. sieht sich jedes Foto an. Er soll die Waffe besorgt haben und scheint – wie so oft im Prozess – fassungslos zu sein.

Auch über ein Jahrzehnt nach dem Mord kennt Josef Wilfling den Tatort und die Akten noch sehr gut. Und der Fall geht ihm offenbar nahe. „Die Bilder“, setzt Wilfling an. „Ich“, stammelt er und sammelt sich: „Es ist jetzt 12 Jahre her, aber es kommt mir schon wieder in Erinnerung, wie es da ausgesehen hat.“

Seit Josef Wilfling als Leiter der Mordkommission 2009 in den Ruhestand getreten ist, hat er zwei Bücher über seine erfolgreiche Ermittlungsarbeit veröffentlicht, etwa die Morde an Walter Sedlmayr und Rudolph Moshammer. In Talkshows ist er ein gern gesehener Gast. Charmant und eloquent vertritt er in den Medien mit fränkischem Dialekt seine These „Jeder Mensch kann zum Mörder werden“.

Am Donnerstag hingegen war Wilfling unsicher, denn den Mord an Habil Kilic hat er nicht gelöst; seine Ermittlungen gingen vornehmlich in Richtung Organisierte Kriminalität. Als ihm das von einem Nebenklagevertreter zum Vorwurf gemacht wird, hebt Wilfing die Stimme und wird lauter: „Jetzt wollen wir mal bitte nicht so tun, als ob es keine türkische Drogenmafia gibt.“

Hunderte Hinweise gehen ein

Im Gemüseladen von Kilic finden die Ermittler außer den zwei Projektilen keine tatrelevante Spur. Doch es gibt Hinweise von Nachbarn: Zwei Anwohnerinnen erzählen, dass sie einen „Mulatten“ gesehen hätten, der in einen dunklen Mercedes sprang und mit quietschenden Reifen davongefahren sei. Zwei andere Anwohnerinnen erinnern sich an zwei Fahrradfahrer, die durch die Wohnanlage an der Rupertistraße in Richtung Bad-Schachener-Straße radelten. Sie fuhren dicht an der Häuserwand, so als ob sie nicht gesehen werden wollten.

„Unsere Kenntnislage von damals war so, dass wir dem Mercedes-Fahrer eine höhere Priorität gegeben haben“, sagt Wilfling. Ein großer Fehler, wie er heute weiß. Denn den Mercedes-Fahrer hat es nicht gegeben. Eine der vermeintlichen Zeuginnen ist Alkoholikerin und wollte sich wichtig machen. Sie hat die Geschichte erfunden. Sie hatte das Märchen vom Mercedes einer Nachbarin erzählt und die hatte die Lügen-Geschichte bei der Polizei wiederholt und behauptet, sie habe das selbst gesehen.

Hunderte Hinweise gehen damals bei der Polizei ein. „Versuchen Sie sich in unsere Situation hinein zu versetzen. Wir haben Hunderte Hinweise bekommen und etwa die Hälfte davon waren falsch“, sagt Wilfling. „Wir Menschen irren uns, wir sind befangen und wir lügen.“

Die zwei Radler werden öffentlich als Zeugen gesucht. Doch niemand meldet sich. „Haben Sie sich keine Gedanken gemacht, weshalb sich die Radfahrer nicht gemeldet haben?“, fragt ein Nebenklagevertreter. „Aus heutiger Sicht ist es verständlich, dass sie sich nicht gemeldet haben“, sagt Wilfling und erntet Gelächter.

„Der Herr Kilic war ein kreuzbraver, arbeitsamer, humorvoller Mann“

Nicht alle im Saal 101 haben mitgelacht: Denn diese beiden Radler waren die Mörder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Auch als Enver Simsek im September 2000 bei seinem Blumenladen in Nürnberg erschossen wurde, sah ein Zeuge zwei Männer in Radlerhosen. Und auch an zwei weiteren Tatorten fielen Radler auf, die sich trotz Aufrufen der Polizei nicht als Zeugen gemeldet haben. Warum diese Spuren nicht zusammengebracht und weiter verfolgt wurden, kann Wilfling nicht erklären. Als Leiter der Münchner Mordkommission war er ab 2002 auch nicht mehr direkt an den Ermittlungen beteiligt.

Trotzdem machen ihm die Nebenklagevertreter zum Vorwurf, dass ein rechtsradikaler Hintergrund nicht ausreichend geprüft wurde und der Spur mit den Radfahrern nicht hinreichend nachgegangen wurde. Rechtsanwalt Adnan Erdal, bekannt für seine emotionale Art, attackiert Wilfling so heftig, dass die Sitzung für fünf Minuten unterbrochen wird. „Es ist kein Geheimnis, dass es in Deutschland auch kranke Menschen gibt, die sich als Neonazis und Herrenrasse bezeichnen“, ereifert sich Erdal. Er wirft Wilfling vor, mit Halbwahrheiten zu hantieren, weil er von der Großmarkthalle als Drogenumschlagplatz gesprochen hatte und so einen Zusammenhang zu dem Tod von Habil Kilic gezogen hatte, den es nicht gibt.

Wilfling erkennt seinen Fehler und versucht, Wiedergutmachung zu leisten: „Der Herr Kilic war ein kreuzbraver, arbeitsamer, humorvoller Mann“, sagt er, wieder mit belegter Stimme. Er betont, dass er Zeit seiner Polizeikarriere auch großen Wert darauf gelegt habe, dass die Angehörigen der Opfer die bestmögliche Betreuung bekommen und dass er in „intensivem Kontakt“ mit der Familie Kilic gestanden sei.

„Wir hätten diese Mordserie gerne aufgeklärt, unabhängig, wer der Täter ist. Und wir sind nicht auf dem rechten Auge blind“, sagt Wilfling.

Er hat doch nur den Fehler gemacht, dass er die Radler nicht akribisch genug gesucht hat.