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NSU: Der Fall Kiesewetter Spurensuche im Gasthof

Von Franz Feyder 

Experten am Tatort: Dort starb die junge Michèle Kiesewetter Foto: dpa
Experten am Tatort: Dort starb die junge Michèle Kiesewetter Foto: dpa

2007 ist Michèle Kiesewetter in Heilbronn ermordet worden. War die aus Thüringen stammende Polizistin ein Zufallsopfer des Nationalsozia­listischen Untergrunds (NSU)?

Stuttgart - Was wusste Kiesewetters Patenonkel schon wenige Tage nach dem Polizistenmord von den „Türkenmorden“?
Nur acht Tage nach der Bluttat von Heilbronn befragten baden-württembergische Fahnder in Thüringen Michèle Kiesewetters Patenonkel Mike Wenzel, selbst Polizist. Der sagt den Mordermittlern: „Meiner Meinung nach besteht ein auch aufgrund der verwendeten Kaliber und der Pistolen, die ich aus den Medien kenne, ein Zusammenhang mit den bundesweiten Türkenmorden. So viel ich weiß, soll auch ein Fahrradfahrer bei den Türkenmorden eine Rolle spielen. Ich sage nicht, dass ein Zusammenhang besteht. Ein Kollege von der K I (der Mordkommission, die Redaktion) hat mich nur angesprochen, dass ein Zusammenhang bestehen könnte.“ Die Hypothese Wenzels weist eine bemerkenswerte Schnittmenge mit den neun anderen Morden auf, die dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zur Last gelegt werden: Die sollen zunächst mit Fahrrädern von den Tatorten zu einem gemieteten Wohnmobil geflohen sein und dann mit diesem ihre Flucht fortgesetzt haben. Allerdings irrt der Pate in einem Detail: Das Markenzeichen der anderen Morde war eine Pistole des Typs Ceská Zbrojovka CZ 83, Kaliber 7,65 mm Browning. Bei dem Anschlag in Heilbronn verwendeten die Täter andere Pistolen. Erst 2012 fragten Polizisten des Bundeskriminalamtes erstmals den thüringischen Mordermittler, wie er damals auf einen Zusammenhang zwischen dem Polizisten- und den sogenannten Ceska-Morden gekommen sei. Der Kriminale konnte sich daran – wie auch später auch bei seiner Befragung durch den thüringischen Untersuchungsausschuss – nicht mehr erinnern. Er glaube, ihm sei der Gedanke durch seine Berufserfahrung und Intuition gekommen.
Lebte Kiesewetter in ihrer thüringischen Heimat in einem rechtsextremen Umfeld?
Kiesewetters Pate Wenzel war 2007 mit seiner Kollegin Anja liiert, der auch die ermordete Polizistin freundschaftlich verbunden war. Sie wurde vom Dienst suspendiert, weil sie Ralf Wittig, den Inhaber einer Sicherheitsfirma in Jena, Hunderte Informationen über Neonazis aus Polizeidatenbanken besorgt haben soll. Für Wittig arbeiteten einige der gefährlichsten Thüringer Skinheads. So zum Beispiel Martin Rühlemann, der mit dem angeklagten NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben eine Neonazi-Gruppe aufbaute: die Braune Aktionsfront. Inzwischen ist Anja Wittig mit dem Mann verheiratet, gegen den sie eigentlich ermitteln sollte. Und der Uwe Böhnhardt kannte – wenn auch angeblich nur flüchtig.
Es gibt weitere Verbindungen in die rechtsextreme Szene: So war Wenzels Tochter mit einem Neonazi liiert, der zum rechtsradikalen Thüringer Heimatschutz gehörte. Dem THS gehörten auch die mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe bis zu ihrem Abtauchen 1998 in Jena an.
Seit ihren Kindheitstagen im heimischen Oberweißbach war Kiesewetter mit Sven K. befreundet. Dessen Bruder Steve ist Frontmann der vom thüringischen Verfassungsschutz überwachten Neonaziband „I don’t like you“. Bei deren Konzerten seien immer „die Dorfnazis anwesend“, erzählte Steve den Polizisten, als die ihn erstmals im März 2012 befragten.
Steves Bruder Sven erzählt Kiesewetter am Wochenende vor ihrem Tod von ihrem anstehenden Einsatz in Heilbronn. „Sie hat mir davon erzählt, dass Sie eigentlich frei gehabt hätte, nun aber wieder zurück (nach Böblingen – die Redaktion) fahren würde, weil sie eine Schicht übernommen hatte“. Auch andere Bekannten gaben 2012 zu Protokoll, Kiesewetter habe mit ihnen „auf dem Dorfplatz von Oberweisbach“ darüber geplaudert, dass sie in der kommenden Woche Dienst habe. Den Lebensgefährten ihrer besten Freundin bezeichnen die Zeugen in den Befragungen als „Aushilfsnazi“, „der so eine Art Bomberjacke (Marke ‚Lonsdale’)“ trug. Der Schriftzug war jahrelang bei Neonazis gefragt. Die Shirts mit dem Aufdruck wurden so unter Jacken getragen, dass die Buchstaben „NSDA“ in Anlehnung an die Hitler-Partei NSDAP zu sehen war.
Fraglich ist, warum die meisten Bekannten Kiesewetters in ihrem Heimatort Oberweißbach erst in der ersten Jahreshälfte 2012, also fünf Jahre nach ihrem Tod von Ermittlern des Bundeskriminalamtes und des Thüringischen Landeskriminalamtes befragt wurden.
Was hatte der „Gasthof zur Bergbahn“in Oberweißbach mit dem NSU zu tun?
Ende 2005 mietete David F. den Gasthof im Oberweißbacher Ortsteil Lichtenhain an – nur wenige hundert Meter von Kiesewetters Elternhaus entfernt. Unter seiner Führung wurde die Kneipe zu einem Treffpunkt für Rechtsextreme: Am 18. März 2006 hielten sie eine sogenannte Saalveranstaltung ab, die kein anderer Wirt in der Umgebung unter seinem Dach wissen wollte. NPD-Größen hielten Vorträge über den ihnen unsäglichen Kapitalis, die Besucher sangen braune Lieder und der thüringische Verfassungsschutz zählte 150 Gäste. Im April meldete er beim Ordnungsamt ein Fußballturnier für 14 Mannschaften an. Im Juli kickten Neonazis aus der Region gegeneinander. F. war beruflich wie persönlich eng mit der rechtsextremen Szene Jenas verbunden, der Heimatstadt von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe. Die Website für die Bergbahn konzipierte Ralf Wohlleben, den Ermittler für eine Schlüsselfigur des Falles NSU halten. Er ist auch der Schwager Feilers. Der Gasthof hat heute einen anderen Pächter, der nichts mit der rechten Szene zu tun hat.
Was ist an der Anmietung des Wohnmobils durch das mutmaßliche NSU-Trio merk­würdig?
Der Caravan wurde bei einer Chemnitzer Verleihfirma für den Zeitraum 16. bis 19. April 2007 wahrscheinlich von Uwe Böhnhardt mit einer Tarnidentität angemietet. Am Nachmittag des 19. April wurde der Mietvertrag für das Wohnmobil telefonisch bis zum 26./27. April 2007 verlängert. Im laufe des 19. April soll sich Kiesewetter in die Liste eingetragen haben, mit der Freiwillige für den Einsatz in Heilbronn am 25. April gesucht wurden.
Was hatte der Verfassungsschutz am Tattag in Heilbronn zu tun?
Ein Mitarbeiter des LfV war am Mordtag zumindest auf dem Weg nach Heilbronn. Nach Darstellung des Amtes sei der Mann auf dem Weg in die Stadt gewesen, um dort am Nachmittag einen V-Mann aus der islamistischen Szene anzuwerben. Der Agent sei jedoch wegen der Fahndungsmaßnahmen nicht in die Stadt hinein gekommen und deshalb nach Stuttgart umgekehrt. Dem widersprach der damalige Präsident des LfV, Johannes Schmalzl. Er sagte vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages, der Agent habe sich auf dem Rückweg aus Heilbronn befunden und wegen der Kontrollen im Stau gestanden.

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