Der Standort des Denkmals für Deserteure vor dem Theaterhaus steht zur Debatte Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Freiburger Historiker Wolfram Wette hat den Widerstand „von unten“ im Dritten Reich erforscht. Er spricht am Freitag, 6. November, um 18 Uhr im Rathaus Stuttgart über „Helden der Humanität“. Ein Interview.

Stuttgart -

Herr Professor Wette, Sie sprechen am Freitag im Rathaus über Helden der Humanität und den sogenannten Rettungswiderstand. Was bedeutet dieser Begriff?
Der Begriff entstand in einem Kreis von Historikerinnen und Historikern, die sich mit „Empörten, Helfern und Rettern in der Wehrmacht“ beschäftigten. Dem Holocaust-Überlebenden Arno Lustiger, der als Historiker des jüdischen Widerstandes hervorgetreten ist, kam die Idee, die solidarischen Handlungen von einzelnen Wehrmachtssoldaten als „Rettungswiderstand“ zu bezeichnen. Inzwischen ist dieser Begriff in die Widerstandsforschung eingegangen. Lustiger selbst hat übrigens unter dem Titel „Rettungswiderstand“ ein Buch über die Judenretter in Europa während des Zweiten Weltkriegs geschrieben.
Beim Thema Widerstand kommen einem eher die großen Namen in den Sinn.
Die Hitler-Attentäter des 20. Juli 1944, sicher. Ich komme aus der Militärgeschichte, war 25 Jahre beim Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg. Da hat mich interessiert, ob es neben den hohen Offizieren um Stauffenberg nicht auch kleine Leute in Uniform gab, die widerständig waren. Es kann doch nicht sein, dass alle die Verbrechen widerspruchslos hingenommen haben. Dem kleinen Mann ging es nicht um den Staatsumsturz, dazu hatten einfache Soldaten weder Einfluss noch Macht. Ihre Widerstandsform war die Entziehung, die Desertion oder die solidarische Hilfe für Verfolgte. Dass es solche Leute in der Wehrmacht gab, hat man lange Zeit überhaupt nicht gewusst. Wir haben sie im Grunde neu entdeckt. Es gab sie in der Wehrmacht, bei der Polizei, ja selbst bei der SS. Sie haben ihre Handlungsspielräume genutzt, um Verfolgten zu helfen und sie womöglich zu retten. Dabei waren sie gelegentlich erfolgreicher als die Offiziere des 20. Juli.

„Widerstand“ bei Bundeswehr an hohen Dienstrang gebunden

In der Öffentlichkeit sind diese kaum bekannt. Da geht es um Stauffenberg, aktuell in Stuttgart wegen des Abrisses seines früheren Wohnhauses um Eugen Bolz. Ist der Widerstand des kleinen Mannes ausreichend gewürdigt?
Diese Menschen wurden lange überhaupt nicht gewürdigt. Dass kleine Leute widerständig handeln konnten, hat man nach 1945 verdrängt. Auch in der Bundeswehr-Generalität war die Meinung: Wer keinen Überblick über das Geschehen hat, der soll den Mund halten, der hat kein Recht zum Widerstand. Man hat den Widerstand an den hohen Dienstrang gebunden. Die anderen Widerständler gegen das NS-Regime blieben nach dem Kriege verfemt. Man hat sie als Feiglinge, Verräter und Dreckschweine bezeichnet. Die Entdeckung und Würdigung dieser Menschen begann erst in den 90er Jahren. Denken Sie an Georg Elser, den Attentäter vom Münchener Bürgerbräu-Keller. Der wurde spät entdeckt, und die Denkmäler für ihn sind jüngsten Datums. Für Major Karl Plagge, der im litauischen Wilna Hunderte Juden vor der Ermordung rettete, wurde erst 2006 eine Kaserne in Darmstadt umbenannt.
Der Bundestag hat 2009 Deserteure und die als Kriegsverräter Bezeichneten politisch rehabilitiert. Die Gesellschaft auch?
Wenn wir die Bundestagsabgeordneten als Repräsentanten der Gesellschaft ansehen, muss man sagen, da ist 2009 ein 20-jähriger Prozess des Umdenkens mit der politischen, moralischen und rechtlichen Rehabilitierung abgeschlossen worden. Da gab es einen großen gesellschaftlichen Meinungswandel. Menschen, die von NS-Gerichten verurteilt worden sind, sind entkriminalisiert und damit rehabilitiert worden. Diese Menschen haben früher als andere begriffen, wo man nicht mitmachen darf.
Sie waren sechs Jahre Zeitsoldat und sind Hauptmann der Reserve. War der Widerstand von Soldaten in der Bundeswehr je ein Thema?
Im Bundeswehrmilieu musste der 20. Juli 1944 als Versuch der Befreiung erst begriffen werden. Die Offiziere galten als Verräter. Damit sich das änderte, musste der Generalstaatsanwalt Fritz Bauer 1952 kommen und sagen: Ein Unrechtsstaat kennt keinen Verrat. Darüber hinaus war dann aber keine Zeit für die kleinen Leute. Zum Beispiel für den Feldwebel Anton Schmid aus Wien, der in Wilna 300 Juden gerettet hat. Die Bundeswehr hatte 2000 auf Betreiben von Verteidigungsminister Rudolf Scharping eine Liegenschaft nach ihm benannt, die aber 2010 geräumt wurde. Jetzt tut man sich schwer, einen repräsentativen Ort zu finden, der den Namen dieses Retters in Uniform tragen könnte.

Tätergeschichte bisher vernachlässigt

In Stuttgart gibt es ein Deserteurs-Denkmal, das auf dem Pragsattel vor dem Theaterhaus steht. Wäre ein zentraler Standort der Sache angemessener?
Wenn wir dem Gedanken folgen, dass Zivilcourage eine Einstellung und Verhaltensweise möglichst vieler Menschen sein sollte, und wenn wir Lehren aus der Geschichte ziehen wollen, dann hätten diese kleinen Leute mit ihren schwierigen Bedingungen viel eher das Recht, im Zentrum der Wahrnehmung zu stehen. An einem zentralen Platz könnte eine stärkere Wahrnehmung entstehen. Wahrnehmen heißt auch, dass Schulen den Widerstand kleiner Leute und den Handlungsspielraum für Humanität am Beispiel von Georg Elser und den Rettungswiderständlern darstellen könnten.
Im ehemaligen Hotel Silber soll die Geschichte der Täter im Dritten Reich gezeigt werden. Der Polizisten und Verwaltungsbeamten. Wurde die Tätergeschichte bisher vernachlässigt?
Ja. An jedem Volkstrauertag wird der „Opfer von Krieg- und Gewaltherrschaft“ gedacht. Das ist die allseits akzeptierte Erinnerungsformel. Da gibt es nur Opfer, die Täter kommen nicht vor. Unsere Erinnerungskultur, angefangen von den Stolpersteinen bis zu den Gedenkstätten, ist opferorientiert. Das hat auch sein Gutes. Aber der Blick auf die Täter kommt zu kurz. Die Bevölkerung hat sich angewöhnt, die in den Nürnberger Prozessen Verurteilten als die NS-Täter anzusehen und den Rest zu vergessen. Das Gros der Täter auf allen Ebenen des Vernichtungsgeschehens ist weitgehend aus dem Blick geraten. Die Justiz hat nur geringe Anstrengungen gemacht, die Täter vor Ort vor Gericht zu bringen. Erst jetzt, 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, ist eine regionale Täterforschung in Baden-Württemberg in Gang gekommen. Daran ist einiges abzulesen. Aber die Entwicklung ist positiv.
In Deutschland scheint im Fahrwasser der Flüchtlingskrise neuer Rassismus aufzukeimen. Wiederholt sich Geschichte?
Die Deutschen haben nicht nur gelernt, dass sich Demokratie und Frieden lohnen, sie haben auch Humanität gelernt. Die meisten Politiker und die meisten Menschen in unserem Land halten den humanitären Umgang mit Bürgerkriegsflüchtlingen für eine Selbstverständlichkeit. Diese Einstellung teilen sie mit jenen widerständigen Leuten, die vor mehr als 70 Jahren die Humanität über den militärischen Gehorsam stellten. Nur ein kleiner, rechtsradikaler Rand hat offenbar nichts aus der ­Geschichte gelernt.
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