Eine Tafel mit den Namen vieler Opfer hängt bereits am Rathaus. Einmal im Jahr gibt es hier eine Gedenkfeier. Foto: factum/Simon Granville

Über alle Parteigrenzen hinweg wollen die Stadträte das Erinnern an die Opfer der NS-Zeit intensivieren.

Sindelfingen - Mehr als 25 000 Stolpersteine in 25 Ländern gibt es bereits. Jetzt sollen solche Erinnerungssteine an die Opfer des Nationalsozialismus auch in Sindelfingen installiert werden. So fordert es der Gemeinderat der Stadt in einem interfraktionellen Antrag.

Unterschrieben haben den Antrag Vertreter aller im Gemeinderat vertretenen Fraktionen und Gruppen: CDU, Grüne, SPD, Freie Wähler, FDP und Linke. Finanziert werden sollen die Steine, die jeweils an eine bestimmte Person erinnern, von Paten. Jeder, der sich beteiligen möchte, kann einen Stein bezahlen: 120 Euro kostet ein Gedenkstein.

Ins Leben gerufen hat die Stolperstein-Initiative im Jahr 2006 der Künstler Günter Demnig. In quadratische Messingtafeln schlägt er mit Hand die Namen und Daten von Menschen ein, die während der NS-Zeit zu Opfern wurden. Diese Steine werden in den Boden eingelassen, an Orten, zu denen die betreffende Person einen Bezug hatte, beispielsweise an deren ehemaligem Wohnhaus.

Auch in Böblingen, Holzgerlingen und Waldenbuch gibt es bereits Stolpersteine

Im Kreis Böblingen gibt es solche Stolpersteine bereits in Böblingen, Holzgerlingen und Waldenbuch. In Sindelfingen existieren bisher andere Denkmale, die an die Schicksale von Menschen erinnern, die in der NS-Zeit drangsaliert worden sind: eine Tafel mit den Namen der ums Leben gekommenen Menschen und ein Denkmal für die Familie Ullmann am Kaufhaus Domo. Dort hatten die Viehhändler ihr Haus. 1937 wurde die mit Hilfe des damaligen Bürgermeisters in den Ruin getrieben.

„Wir müssen aufpassen, dass wir das Gedenken nicht doppeln“, sagt der Sindelfinger Kulturamtschef Horst Zecha. Grundsätzlich findet er die Stolpersteine „eine sehr gute Forum der Geschichtsvermittlung“. Er sagt: „Man muss nicht extra zu einem Denkmal gehen, sondern stolpert im Alltag darüber und kommt ins Nachdenken.“

Vieles habe man in Sindelfingen schon aufgearbeitet, sagt Zecha. So gab es bereits vor 25 Jahren eine Kooperation des Goldberg-Gymnasiums mit dem Stadtarchiv. Schüler arbeiteten die Geschichte jüdischer Bürger auf, die im Nationalsozialismus vertrieben und deportiert worden waren. Doch seien auf der Tafel am Rathaus nicht alle Namen vermerkt: „Als wir die Tafel vor 25 Jahren angebracht haben, lebten noch viele der Angehörigen von Menschen, die durch die Euthanasie umgekommen sind. Da haben wir bewusst vermieden, die Namen aufzuschreiben.“ Gedacht wird ihrer mit dem Satz: „Zwölf Menschen wurden als Behinderte getötet.“ Doch nun sei viel Zeit vergangen, sagt Zecha. Sollte die Idee der Stolpersteinverlegung umgesetzt werden, sei das die Gelegenheit, auch namentlich an das Schicksal der Menschen zu erinnern.

Nur noch wenige Zeitzeugen leben

Die Idee der Stolpersteine gibt es schon länger. Die Grünen hatten sie in ihrem letzten Kommunalwahlprogramm. Nun hat sie der Jungstadtrat Maximilian Reinhardt von der FDP aufgegriffen. „Bei Gesprächen mit älteren Kollegen war ich erstaunt, wie viel über die Familien der NS-Opfer noch in der Stadt bekannt ist“, sagt Reinhardt. „Solange es noch Zeitzeugen gibt, die sich erinnern, müssen wir dies nutzen.“ Reinhardt wünscht sich Aktionen wie andernorts: „Dort gibt es einmal im Jahr eine große Putzaktion der Steine, das ist immer ein besonderes Erlebnis.“

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