Auffallend junge Noverre-Beteiligte sorgten im Schauspielhaus für viel Drama. Die „Junge Choreografen“-Generation 2025 summiert sieben Uraufführungen zum kurzweiligen Tanzabend.
Drei Mal füllte am vergangenen Wochenende der Noverre-Jahrgang 2025 das Schauspielhaus. Den Live-Stream der Premiere verfolgten bis Sonntagmorgen mehr als 3000 Gäste in aller Welt; schließlich haben die Beteiligten Wurzeln auf mindestens fünf Kontinenten. Wer sich die Aufzeichnung der „Jungen Choreografen“ anschaut, die bis 2. Februar auf dem Youtube-Kanal des Stuttgarter Balletts abrufbar bleibt, der versteht schnell das große Interesse an diesem Förderformat.
So erzählerisch dicht, so emotional intensiv präsentieren sich die Miniaturen von sechs Choreografen und leider nur einer Choreografin, dass sie sich zu einem höchst kurzweiligen Tanzabend summieren. „Eine kleine Wundertüte“ verspricht Noverre-Projektleiterin Sonia Santiago bei der Begrüßung zurecht.
Die jüngste Choreografin ist 18 Jahre alt
Auffallend an der neuen Noverre-Generation ist ihr junges Alter; mit Ashley Davis von der Codarts-Akademie in Rotterdam und Justin Padilla von der Cranko-Schule sind sogar zwei Tanz-Azubis am Werk. Dafür sind die Ballette insgesamt in der Qualität der Bewegungen verblüffend routiniert. Schön, ja fast zu schön werden Körper in virtuosen Hebungen erhöht, mit weiten Gesten großen Musikstücken ausgesetzt, riskantes Neuland meiden die meisten. Aber vielleicht ist der Rückgriff auf Vertrautes auch Konsequenz einer herausfordernden Zeit, die für ausreichend Irritationen sorgt.
So ist man dankbar für den Mut der „Senioren“ Robert Robinson und Nnamdi Nwagwu. Die Stücke der beiden Gäste setzten zum Finale neue Töne und Farben. Robert Robinson hat das Plus an Erfahrung, um auf die Kraft eines einzigen Songs zu vertrauen. Dass sein von Vittoria Girelli und Ruth Schultz bewundernswert leichtfüßig getanztes Duett „Songs for the Unheard“ sowohl im Outfit als auch im blitzschnell in neue Figuren zuckenden Tanz stark an Marco Goecke erinnert, dem der ehemalige Stuttgarter Solist nach Hannover folgte?
Geschenkt! Denn einer, der mit einfachen Gesten in einer Begegnung große Themen wie das aktuelle Verlorensein und die Kraft der Hoffnung spiegeln kann, wird seinen Weg finden. Auf dem ist Namdi Nwagwu bereits unterwegs: In seinem zweiten Noverre-Auftritt setzt der italienisch-nigerianische Choreograf auf die treibende Kraft orientalischer Klänge und packt Pausenhof-Gefühle in pure Bewegungspower. Vier Tänzer und eine Tänzerin dürfen in „OK DRAMAH!!“ in ramponierten Schuluniformen so jung auftreten, wie sie es tatsächlich auch sind.
Woher kommen Inspirationen? Wie werden sie notiert? Roman Novitzky sammelt in charmanten Filmporträts Impressionen kreativen Schaffens. So verblüfft Emanuele Babici mit komplexen Schritt- und Aufstellungsnotizen. Aber der junge Gruppentänzer, der schon Götterstorys umsetzte, hat auch viel zu erzählen, ums Flüggewerden geht es in „Daydreaming“. Tänzer Dorian Passe träumt sich zurück in die Idylle der eigenen Kindheit, ganz selbstverständlich gelingen acht Tänzern in dem Familienbild sprechende Beziehungsskizzen, als hätte sie ein Meister von einst choreografiert.
Große Gefühle befragt auch Ashley Davis in „Ad vitam aeternam“. Leon Metelsky und Carter Smalling tanzen mit mal ringenden, mal kantigen Gesten zwei Seelen, die in einer Brust wohnen; ein expressiv inszenierter Schleier trennt die Welt flüchtiger Freuden und innerer Suche, bis helles Licht Erlösung bringt. Zum eigenen Erlöser wurde Justin Padilla. Weil die verletzte Ava Arbuckle nicht nur das eigene Solo, sondern auch den Auftritt in Padillas Trio absagen musste, sprang er selbst ein. Mit männlicher Komponente erhält seine zuerst unter Schleiern agierende Gruppe eine geheimnisvolle Note. Wie sich „Cascade“ dann ganz auf die Kraft und Schönheit fließender Bewegungen verlässt, um vom verbindenden Impuls des Tanzes zu erzählen, macht Lust auf ein Wiedersehen.
Die verspürt das Publikum definitiv auch nach Carlos Strassers „Der kleine Prinz“. Aus der berühmten Vorlage pflückte sich das Multitalent, das die Klaviermusik bei sich selbst in Auftrag gab, das Motiv der behüteten Rose heraus. So erzählt der Stuttgarter Gruppentänzer in einem Minidrama, wie sich Sehnsüchte in menschlicher Nähe auflösen. Nicht nur ein Hunderoboter sorgt in der Fuchsrolle für Witz. Details wie Handpaare und Rosensträuße, die sich zu Heiligenscheinen formieren, sowie Doga Taskaya als zickige Rose und Yana Peneva als suchender Prinz setzen Akzente.
Noan Alves wagt sich an eine richtig junge Problematik: Was macht das Fixiertsein auf Bildschirme und soziale Netzwerke mit den Menschen davor, fragt er in „Echoes of a Soul“. Zwei schwarz gekleidete Paare tanzen verführerisch schön, am Schluss verstrickt sich die in Weiß und wild wirbelnde Veronika Verterich im Sack, in dem die anderen bereits stecken.
Den langen, herzlichen Schlussapplaus dürfen die Choreografie-Talente als Ermunterung mitnehmen, mehr zu wagen. Von Marco Goecke gab’s zudem Standing Ovations von einem, der vor zwanzig Jahren von der Noverre-Starthilfe profitierte – und der als designierter Ballettdirektor nun selbst auf Talentsuche ist.
Info
Anfänge
Am 5. Mai 1958 gründete sich in Stuttgart die erste Ballettgesellschaft Deutschlands. Ihr Name erinnert an den am württembergischen Hof tätigen Ballettmeister und Tanztheoretiker Jean-George Noverre (1727 bis 1810). Anfangs luden die Ballettfreunde zu Vorträgen; mit John Cranko boten sie dann Choreografie-Newcomern eine Plattform.
Höhepunkte
Stars wie William Forsythe starteten so ihre Karrieren. Ebenso Christian Spuck, Marco Goecke, Demis Volpi, Douglas Lee, Bridget Breiner, Katarzyna Kozielska und viele mehr. 2018 löste sich der Verein mangels Nachwuchs auf. Seitdem wird „Noverre: Junge Choreografen“ unter Leitung von Sonia Santiago vom Stuttgarter Ballett verantwortet.
Netz
Das diesjährige Programm ist dank Noverre-Sponsor EnBW online bis zum 2. Februar zu sehen: www.stuttgarter-ballett.de