„Pas-varotti“ von Armando Braswell Foto: Beuttenmüller

Am Donnerstagabend präsentierte die Noverre-Gesellschaft die nächste Generation ihrer „Jungen Choreografen“ im Schauspielhaus. Die meisten der neun Uraufführungen wirkten, als hätten sich ihre Urheber abgesprochen; doch das Publikum stürzte sich mit Begeisterung in ein Wechselbad der Gefühle.

Stuttgart - Muss man sich sorgen? Am Donnerstagabend präsentierte die Noverre-Gesellschaft die nächste Generation ihrer „Jungen Choreografen“ im Schauspielhaus, und die meisten der neun Uraufführungen wirkten, als hätten sich ihre Urheber abgesprochen: Stimmungswechsel Pflicht, mitten im Stück abrupt andere Musik, anderes Licht, eine neue Atmosphäre. Das Publikum stürzte sich mit Begeisterung in dieses Wechselbad der Gefühle. Kurzweil war garantiert, und getanzt wurde auf einem so hohen Niveau, dass man den Akteuren auf der Bühne ein paar Verbeugungen mehr gegönnt hätte, als ein eiliger Inspizient ihnen zugestand.

Trotzdem blieb nach zweieinhalb Stunden die besorgte Frage, woher die ausgestellten Zwiespälte rühren mögen? Choreografen, die konsequent ihr Ding durchzogen, waren an diesem Abend jedenfalls selten. Am überzeugendsten ist das Özkan Ayik gelungen mit einem Solo für seinen Stuttgarter Kollegen Pablo von Sternenfels. „Two or three things“ zeigt zu einem Konzert Bachs einen Tänzer, den die eigene Beschleunigung fast zu verwirren scheint. Slapstick-Motive sind im Spiel, wenn er mit unsichtbaren Kräften kollidiert, wenn er seine neue Position im Raum verwundert wahrnimmt. Das war schön ausgedacht und von dem jungen Mexikaner mit ebensolcher Präzision getanzt, ohne das Virtuose zu strapazieren. Ein feines Kleinod, das bestimmt die nächste Gala der Kompanie schmücken wird.

Sein Ding machte auch Alexander Mc Gowan, übrigens der einzige Debütant der Noverre-Generation 2014. Inspiriert haben ihn vielleicht Angelina Zuccarinis akrobatische Einlagen als Pumphutt in „Krabat“. Und so hat er der Italienerin und ihrem Kollegen Nicholas Jones eine sehr spacige Nummer auf den Leib choreografiert. „In for the thrill“ bietet im Weltraumlock alter Science-Fiction-Filme viele Streetdance-Elemente mit einer lässigen Beiläufigkeit, die alles über die Kunst der Stuttgarter Tänzer aussagt.

Spannend zu sehen ist an solchen Abenden immer, wie anderswo getanzt wird. Gleich vier Gäste setzen da Akzente. Aus Dresden brachte Claudio Cangialosi zwei Kollegen von der Semperoper mit. In „Light-speed“ bewegt er sie zwar nicht mit Lichtgeschwindigkeit, aber mit einer wuchtigen Dynamik, die alle Muskeln dieser Tanzathleten fordert. Es ist unverkennbar, dass Tänzer wie Choreograf an Bill Forsythes Ästhetik geschult sind. Harmonischer die Basler Schule: Auf Belcanto setzt Armando Braswell bei seiner Stuttgart-Stippvisite - und antwortet mit bella danza. Voller Power fließt sein „Pas-varotti“ und ist doch mehr als eine getanzte Verbeugung vor einem berühmten Tenor. Der dunkelhäutige Ex-Tänzer von Gauthier Dance illustriert mit einem Kollegen in Weiß das Selbstverständnis, das einst der Hit „Ebony and Ivory“ beschwor.

Britisches Understatement hat Robbie Bird dabei: „This could get ugly“ heißt seine sehenswerte Begegnung zweier Stuttgarter Tänzer, die Brent Parolin und Ludovico Pace auf zwei Stühlen aneinandergeraten lässt, um sie dann in eine komische Gymnastikübung zu verwickeln. Trennungsschmerz und das Leiden an der Welt bringt Wubkje Kuindersma, die einzige Frau unter den Choreografen, in „Sketched Skin“ in Form. Unter Nebel platziert sie vier Tänzer, die Tutus wie Halskrausen tragen, zu ungewöhnlichen Stillleben. Schön anzusehen ist auch, wie das Leid aus jeder Muskelfaser von Alicia Amatriain spricht. Und doch will dieses Stück zu viel, ist mit Stimmungen, Text- und Musikcollage übervoll.

Mehr ist weniger! Hätte auch Roman Novitzky das beherzigt, hätte er aus „ . . . wie zwei Finger an der Hand“ zwei grandiose Noverre-Stücke gemacht. Eines, das zu Schostakowitschs „Foxtrott“ fünf Tänzer auf Stühlen als perfekt eingespielte Ballhaus-Komödianten zeigt, die mit ihrem Publikum kokettieren. Und eines, das zu melancholischem Piano die Tänzer in immer neue, immer noch schönere Begegnungen schickt. Einfacher macht es uns Jesse Fraser, der in Tanztheater-Szenerie über die aktuelle Lust an der Selbstinszenierung nachdenkt. „Second Self(ie)“ zeigt Elisa Badenes, von Selbstporträts umgeben, und Özkan Ayik, der mehr will als ihr Foto. Zu erleben sind zwei Tänzer, die aus einem heiteren Duett großes Ballett machen.

Großes hat auch Fabio Adorisio vor: Acht Kollegen platziert er in „Ansia“ hinter halb herabgelassenem Vorhang, sodass wir keine Köpfe sehen. Britzelnder Elektrosound macht die angstvolle Anspannung hörbar, auf die der Titel anspielt. Als die Sicht dann frei ist, erobert Tanz in verblüffenden Begegnungen den Raum. Brüche in der Musikwahl, im neoklassischen Bewegungsfluss, den verwinkelte Arme stoppen, unterliegen einer inneren Logik, die Abstand sucht zum eigenen Tun - und der auch das Publikum gerne noch einmal folgen würde.

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