November-Jahresrückblick Stuttgart: Das Kinderhospiz Rückzug aus der Oase für belastete Familien

Von Barbara Czimmer 

Im lokalen Jahresrückblick erinnern wir an Besonderes und Kurioses im zu Ende gegangenen Jahr. Heute: Elvira Pfleiderer. Sie leitete acht Jahre lang das Projekt Kinder- und Jugendhospiz – und hat keinen Tag an dessen Vollendung gezweifelt.

Stuttgart - Sie hat noch eine Stunde Zeit, bis ihr Zug fährt. Noch einen halben Tag bis zu ihrem zweitägigen Prüfungsmarathon zur Traumapädagogin. Trotzdem nimmt sie sich Zeit für ein Gespräch inmitten gediegenen Cafébetriebs. „Das passt schon“, sagt sie. Typisch Elvira Pfleiderer.

Am 17. November 2017, mit der Eröffnung, hat sie die Projektleitung des Kinder- und Jugendhospizes Stuttgart abgegeben. „Das war meine Bedingung, ich sagte, ich würde das Haus niemals leiten.“

Ihre Palliativ-Care-Ausbildung hat die Krankenschwester zum stationären Erwachsenenhospiz in der Stafflenbergstraße geführt. Sie arbeitet dort zwölf Jahre lang, oft nachts, um tagsüber für ihre Kinder da sein zu können. Als Lebensberaterin betreibt sie parallel eine Praxis zu Hause in Berglen, wo sie mit ihrem Mann Wohnhaus und Scheune des elterlichen Bauernhofs umbaut. Sie lacht und sagt: „Ich kann ganz gut mit dem Presslufthammer umgehen oder Räume gestalten.“

Praktikum in Berlin

Der Auftrag kam zur rechten Zeit: „Ich wollte beruflich durchstarten.“ Im Oktober 2009 fiel der erste wegweisende Beschluss, die bestehende Hospizarbeit um ein stationäres Kinder- und Jugendhospiz zu erweitern. „Der Plan war, Erwachsenen- und Kinderhospiz an einem Ort zu vereinen. Ich habe damals mit einer Laufzeit von drei Jahren gerechnet“, erzählt sie.

Acht Jahre sind es stattdessen geworden. An der heute 48-Jährigen lag es nicht. Die zurückhaltende, aber zielgerichtete Frau packte im Januar 2010 ihre Koffer und hospitierte am Berliner Hospiz. Sie sprach mit Eltern, sie trug ein Kind tage- und nächtelang im Tragetuch bei sich, um ihm eine sichere Bezugsperson zu sein, sah sich Abläufe an. Ein Freund habe zu ihr gesagt, „du gibst Gas wie beim 100-Meter-Lauf, das ist aber ein Marathon“. Ihr Ziel war klar: „Einen Ort schaffen für Familien zum Durchatmen.“

Aus dem Koffer zog sie nach ihrer Rückkehr ein Raumnutzungskonzept mit drei Eckpfeilern: Einem Begegnungssaal für die Eltern, „weil die einen Ort für Solidarität brauchen“, einem Bewegungsbad, „weil es Lebensqualität bringt“, und einem Abschiedsraum mit separatem Zugang, „damit Familien geschützt sind“. Doch der Platz beim Hospiz ist begrenzt, die Suche nach einem Standort begann.

43 Objekte abgeklappert

„Ich tourte durch die Immobilienbranche, sprach beim Stadtplanungsamt vor und unterhielt mich mit Unternehmern, erzählt sie. 43 Objekte habe sie geprüft, viele Häuser seien zu klein gewesen oder ungünstig zu erreichen, auch ein Neubau wurde erwogen. Selbst das alte Gesundheitsamt am Azenberg-Areal stand zur Debatte, „aber das war kein guter Ort für die Arbeit mit Kindern“, erzählt sie. Stadtdekan Hans-Peter Ehrlich habe ihrer Einschätzung damals vertraut. Das französische Konsulat in der Diemershalde kam später ins Spiel. „Schon bei der ersten Besichtigung war klar, das ist eine Oase, ein besonderer Ort.“

Fast wäre das Projekt ad acta gelegt worden, denn für eine Kombination aus Kinder- und Erwachsenenhospiz bot die Villa Wittmann nicht genug Platz, einige Beteiligte gingen auf Distanz. „Weil der Förderverein in Abstimmung mit Dekan Ehrlich die Immobilie kaufte, gab es kein Zurück mehr. Elvira Pfleiderer sagt ruhig: „Da haben wir eben umgeplant.“

Rückblickend kann sie nicht ermessen, „wie viele Planvarianten ich im Archiv habe“, nur dass sie sich, „als kleine Krankenschwester“, mit dem Architekten „zusammenraufen“ musste. Sie habe schnell gewusst, wo die drei Eckpfeiler in der Villa ihren Platz haben sollten, Architekt Rolf Mühleisen habe ihre Bilder umgesetzt; „das war wirklich eine große Leistung“.

Auszeit in Südafrika

Elvira Pfleiderer ist Mutter von zwei 26 und 22 Jahre alten Söhnen und einer 24-jährigen Tochter. Sie hat während der acht Projektjahre oft täglich zehn Stunden und an vielen Wochenenden gearbeitet und war „null Tage krank“. Dank der Unterstützung ihres Mannes „und weil ich jeden Abend bade, das ist meine Kraftquelle“.

100 Leute sind ihrer Einladung zum Abschiedscafé gefolgt, „großartige Menschen sind das“, sagt sie. Ihre Prüfung hat sie mit Links bestanden, von Februar an baut sie eine Trauma- und Opferberatungsstelle für das Seehaus Leonberg in Esslingen auf. Dazwischen reist sie durch Südafrika. „Diese Auszeit muss sein.“ Typisch, eigentlich.

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