In wenigen Tagen schließt die Herrenberger Bereitschaftspraxis. Wohin sollen sich kranke Menschen dann wenden? Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung gaben jetzt Tipps.
Die Tage der Bereitschaftspraxis am Herrenberger Krankenhaus sind gezählt, an diesem Wochenende öffnet sie zum letzten Mal ihre Türen. Wohin aber sollen sich danach all diejenigen wenden, die außerhalb der normalen Sprechstundenzeiten über leichtere Symptome wie Fieber, Bauchschmerzen oder akute Harnwegsinfekte klagen – also kein Fall für Rettungsdienst und Notaufnahme sind? Um diese und andere Fragen rund ging es bei einer Infoveranstaltung der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) in der Alten Turnhalle in Herrenberg am Montag.
Doris Reinhardt, die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KVBW, verwies dabei auf die kostenlose Rufnummer 116 117. Dort sitze ebenso medizinisches Fachpersonal wie in Arztpraxen am Empfang, die hier wie dort die medizinische Ersteinschätzung übernehmen könnten, unterstrich sie. Dazu gehöre die Abgrenzung, ob ein Besuch beim Hausarzt am nächsten Werktag ausreiche, ob eine der verbleibenden Bereitschaftspraxen die richtige Anlaufstelle sei oder ob einer der ärztlichen Kollegen im Fahrdienst einen Hausbesuch machen solle.
Servicestelle der KVBW ruft den Rettungsdienst
Falls sich bei diesem Gespräch am Telefon zeige, dass es sich um eine schwerere Erkrankung handeln könnte, die notfallmedizinischer Versorgung bedürfe, übernehme die KVBW-Servicestelle auch die Alarmierung des Rettungsdienstes. Ein weiterer Anruf bei der 112 sei nicht nötig, erklärte Reinhardt. „Wenn Sie die 116 117 wählen, kriegen sie auf jeden Fall jemanden ans Ohr, der ihnen weiterhilft“, versprach sie.
Manchmal sei jedoch ein wenig Ausdauer gefragt, da beispielsweise samstagvormittags 500 Menschen pro Stunde anriefen, im ganzen Jahr seien es rund 1,2 Millionen Menschen. Die Hälfte der Anrufer komme innerhalb von drei Minuten durch, ein weiteres Viertel innerhalb von zehn Minuten. Es könne in Einzelfällen aber auch etwas länger dauern.
Die gute Nachricht: 80 Prozent der Anrufer könne so weitergeholfen werden, dass sie ihr Haus gar nicht verlassen müssten, betonte Reinhardt. Pflegeheime hätten zudem eine eigene Servicenummer, um ihre Fälle abzuklären. Ansonsten gebe es weiterhin einige Bereitschaftspraxen, darunter in Sindelfingen, Tübingen und Calw. „Wo die Patienten hingehen, bleibt ihnen überlassen“, stellte Reinhardt klar.
Den Unmut, den die KVBW mit der Entscheidung zur Schließung der Herrenberger Praxis auf sich gezogen habe, könne sie aber „gut nachvollziehen“, betonte Reinhardt. Angesichts fehlender Ärzte im niedergelassenen Bereich – in Baden-Württemberg seien 1000 Arztsitze nicht besetzt, 50 davon im Landkreis Böblingen – und der drohenden Ruhestandswelle, die den Pool derer, die die Bereitschaftsdienste übernehmen könnten, weiter zusammenschrumpfen lasse, sei das Vorgehen aus Sicht der KVBW aber notwendig, um die Versorgung sicher zu stellen.
Der hohen Arbeitsbelastung der Ärzteschaft zollte auch Herrenbergs Oberbürgermeister Nico Reith (parteilos), der selbst mit einer Medizinerin verheiratet ist, Respekt. Er ließ nochmals die aus kommunaler Sicht ungenügende Kommunikation der KVBW – die betroffenen Kommunen hatten von den Schließungen aus der Presse erfahren – und die vergeblichen politischen Bemühungen samt Petition mit 14 000 Unterschriften sowie den letztendlich erfolglos beschrittenen Rechtsweg Revue passieren. Sein abschließender Appell: „Jetzt gilt es, dass Beste aus der Situation zu machen und nach vorne zu schauen.“
Notaufnahmen werden nicht überrannt
Reinhardt machte den Herrenbergern Hoffnung: In den Städten, in denen die Bereitschaftspraxen bereits seit Frühjahr geschlossen seien, habe sich die Befürchtung, dass die Notaufnahmen überrannt würden, nicht bewahrheitet – lediglich in Nagold laufe es „noch nicht rund“. In diesem Zusammenhang erinnert sie daran, dass Notaufnahmen im Gegensatz zu Bereitschaftspraxen weder Krankschreibungen noch Rezepte ausstellen dürften.