Die Notärzte im Land hetzen von einem Einsatz zum nächsten – die Patienten müssen häufig länger warten als erlaubt. Foto: dpa

Seit Jahren krankt der Rettungsdienst in Baden-Württemberg. Das Innenministerium hat sich des Themas angenommen – doch Fortschritte gibt es kaum. Im vergangenen Jahr haben in keinem der 34 Bereiche die Notärzte die vorgeschriebenen Zeiten einhalten können.

Stuttgart - Für Patienten sind die Zahlen alarmierend. Wer in Baden-Württemberg einen Notarzt oder Rettungswagen braucht, muss damit rechnen, dass die Retter in viel zu vielen Fällen zu lange brauchen, bis sie da sind. Das liegt daran, dass diverse Regionen nach wie vor mit Rettungsmitteln unterversorgt sind. In 95 Prozent der Einsätze müssen die Einsatzkräfte binnen höchstens 15 Minuten vor Ort sein. So schreibt es das Gesetz vor. Geschafft haben sie das auch im vergangenen Jahr viel zu selten – und die Unterschiede zwischen den Regionen sind nach wie vor frappierend.

Besonders düster ist die Lage bei den Notarzteinsätzen. In keinem einzigen der 34 Rettungsdienstbereiche im Land ist die gesetzliche Vorgabe im vergangenen Jahr eingehalten worden. Das war auch schon 2017 so. In einigen Regionen gab es zwar leichte Verbesserungen, in immerhin acht aber sogar weitere Rückschritte. Noch am besten unterwegs waren die Notärzte im Bereich Göppingen, wo sie mit 94,7 Prozent nur knapp an der Vorgabe vorbeigeschrammt sind. Deutlich schlechter sieht es dafür anderswo aus: Das Schlusslicht bildet der Bereich Waldshut mit nur 81,2 Prozent, dicht gefolgt von Karlsruhe mit 81,8 Prozent. Um dort auch nur in die Nähe der Zielwerte zu kommen, müsste der Rettungsdienst massiv umgebaut und aufgestockt werden.

Kaum Verbesserungen

Kaum besser sieht die Situation bei den Rettungswagen aus. Immerhin sieben der 34 Bereiche haben dort im vergangenen Jahr die Vorgaben eingehalten. 2017 sind es noch fünf gewesen. Allerdings gibt es auch dort neben einigen Fortschritten diverse Verschlechterungen. Spitzenreiter ist hier der Bereich Böblingen mit 96,4 Prozent, Schlusslicht Karlsruhe mit 83,5 Prozent.

Als Hauptgrund für die weiterhin schlechte Lage sieht das Innenministerium vor allem die zunehmende Belastung der Rettungsdienste. „Die Fallzahlen steigen seit Jahren an“, sagt Sprecher Carsten Dehner. Immer häufiger wählen Leute die 112, obwohl ihr Problem eigentlich zu einem Hausarzt gehört. Das führt dazu, dass sich die Einsatzzeiten trotz zusätzlicher Fahrzeuge nicht verbessern. Dehner spricht von einem „Hase-und-Igel-Spiel“: Haben die Rettungsdienste aufgerüstet, ist der nächste Anstieg der Einsatzzahlen schon da.

Schwer tun sich die eingebundenen Organisationen aber auch damit,überhaupt genug Personal für immer neue Fahrzeuge zu bekommen. Durch die neue und längere Ausbildung zum Notfallsanitäter ist ein kompletter Jahrgang weggefallen. Das hat dazu geführt, dass bundesweit händeringend Mitarbeiter gesucht werden. Manche Organisationen bezahlen inzwischen Antrittsprämien und Umzugsgeld, um Fachpersonal anzulocken. „Die Mitarbeitersituation ist leider nicht einfach“, sagt Dehner.

Land will monatlich kontrollieren

Das Land will gegensteuern, so gut das möglich ist. Bereits zu Beginn des Jahres hat das Innenministerium angekündigt, künftig monatlich kontrollieren zu wollen, wie die Entwicklung ist. Kritik daran kam prompt zum Beispiel von der renommierten Björn-Steiger-Stiftung. Die Versorgungslage verbessere sich dadurch nicht. Man müsse, wie etwa in Hessen, täglich automatisiert überprüfen, wie die Versorgungslage ist und wie viele Fahrzeuge erst gar nicht besetzt seien. Dort seien sogar Bußgelder möglich.

Dehner kündigt an, dass auf die erneut schlechten Zahlen bereits reagiert worden sei. „Wir gehen auf die betroffenen Rettungsdienstbereiche zu“, sagt er. Mühsam sei das Thema auch deshalb, weil das Land selbst nicht Kostenträger sei. In Baden-Württemberg handeln in jedem Bereich Rettungsorganisationen und Krankenkassen die Ausstattung aus. Ein Punkt, den viele Experten schon lange kritisieren. Dem Patienten freilich hilft das nichts – er kann weiter nur auf eine erträgliche Wartezeit hoffen.