Notfalldienst in Stuttgart Viele Rettungseinsätze unbegründet

Von Mathias Bury 

Der Rettungsdienst wird  oft unnötig alarmiert Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Der Rettungsdienst wird oft unnötig alarmiert Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Der Rettungsdienst hat 2017 in Stuttgart die vorgegebenen Hilfsfristen nicht erreicht. Dafür geben die Verantwortlichen zwei Gründe an.

Stuttgart - Zur Bewertung des Rettungsdienstes gibt es eine Kennzahl, die sogenannte Hilfsfrist. Nach dieser müssen Rettungswagen und Notarztfahrzeuge im Land nach zehn, längstens aber nach 15 Minuten am Einsatzort sein, und zwar in mindestens 95 Prozent aller Blaulichteinsätze. Schon 1995 hatten die Rettungswagen diese Norm verfehlt. Im Vorjahr nun lagen die Rettungsdienste erneut darunter, trotz weiterer Verbesserungen im System. So ist die Hilfsfrist von Rettungswagennur noch in 94,6 Prozent der Fälle erreicht worden, von den Notärzten in 94,29 Prozent. Und diese Entwicklung hält an seit Jahresbeginn.

Ralph Schuster, der Rettungsdienstleiter des DRK Stuttgart, verwies am Freitag im Krankenhausausschuss des Gemeinderats darauf, dass die Fahrzeuge im Schnitt aber deutlich früher am Einsatzort waren, als die Hilfsfristen dies nahelegen könnten. So ­seien die Rettungswagen im Schnitt nach 7,36 Minuten am Einsatzort gewesen, die Notärzte nach 8,10 Minuten.

Die Qualität wird weiter verbessert

Ordnunungsbürgermeister Martin Schairer (CDU), der in Stuttgart die Rechtsaufsicht über den Rettungsdienst hat, sagte, es dürfe „nicht der falsche Eindruck entstehen, dass wir einen schlechten Rettungsdienst haben“. Und man sei „exzessiv dabei, die Qualität weiter zu verbessern“. In den Vorjahren war der Rettungsdienst in Stuttgart stets einer der wenigen von 34 Leitstellen im Land, welche die Norm erreicht haben.

Für die Entwicklung nennt Ralph Schuster zwei Gründe. So habe das Land im Laufe des Vorjahres die Berechnungsgrundlage für die Hilfsfristen geändert. Jetzt läuft die Zeit definitiv mit dem Eingang des Notrufs. Bisher war dies erst von dem Zeitpunkt an der Fall, wenn der Anruf auch als Notfall identifiziert war. Der Unterschied bewege sich „im Sekundenbereich“, so Schuster, sei für die Berechnung bei großen Fallzahlen aber ­relevant. „Bei gleicher Grundlage hätten wir die Fristen wieder gut gehalten.“

Stark steigende Alarmierungen

Als weiteren möglichen Grund für die Verschlechterung hat man die wachsende Zahl von Einsätzen ausgemacht in einer Stadt mit schwierigen Verkehrsverhältnissen und vielen Baustellen. So ist die Zahl der Blaulichtfahrten der Rettungswagen von 32 968 im Jahr 2016 auf 35 144 im Vorjahr gestiegen, das ist ein Plus von 6,6 Prozent. Bei den Notarzteinsätzen lag der Zuwachs von 11 236 auf 12 095 sogar bei 7,6 Prozent. Dabei zeigte sich im Nachhinein: „Ein Drittel der Einsätze sind gar nicht gerechtfertigt gewesen“, sagt der DRK-Rettungsdienstleiter. Dieser Anteil steige, das legten die Rückmeldungen der Teams nahe, so Schuster, auch wenn es darüber keine exakte Statistik gebe. Ordnungsbürgermeister Schairer kritisierte, dass der Rettungswagen für manche Menschen offenbar „den Hausarzt oder den Krankentransport“ ersetze. „Die Bevölkerung ist jedenfalls nicht notleidender geworden.“ Allenfalls die gestiegene Einwohnerzahl sei zu berücksichtigen.

Einigkeit herrscht darüber, dass in jedem Fall die Qualität des Rettungsdienstes weiter verbessert werden muss. Frank Knödler, der Leiter der Stuttgarter Feuerwehr, machte deutlich, warum – und weshalb dafür zuletzt das Land zuständig sei. Bei einer Hilfsfristvorgabe von 15 Minuten komme man auf eine Eintreffzeit von durchschnittlich etwa sieben Minuten; werde die Frist auf zehn Minuten verkürzt, liege die Eintreffzeit im Schnitt noch bei etwa fünf Minuten. Letzteres Ergebnis hält Knödler aber für „medizinisch notwendig“. Etwa für einen Patienten mit einem Herz-Kreislauf-Stillstand komme es auf ganz wenige Minuten an.

Trennung von den Krankentransporten

„Je kürzer die Hilfsfrist, desto besser die Reanimationsergebnisse“, sagt auch Albrecht Henn-Beilharz, der leitende Notarzt in Stuttgart. Er sieht ein Problem der Notfallrettung in der unzureichenden Vergütung von Krankentransporten durch die Kassen. Deshalb seien in diesem Bereich zu wenige Fahrzeuge im Einsatz. Dies habe zur Folge, dass nicht selten selbst von Ärzten Krankentransporte zu Rettungseinsätzen deklariert werden, um dadurch die Wartezeit von ­Patienten zu verkürzen. Ralph Schuster fordert eine gesetzliche Trennung der Bereiche.

Für Stuttgart soll in nächster Zeit geklärt werden, ob weitere Einsatzfahrzeuge und mehr Personal nötig sind. Erst Anfang 2016 hat man einen zusätzlichen Rettungswagen in Betrieb genommen, an einigen Wachen wurden die Einsatzzeiten erhöht. An zwei Stellen soll dies im Laufe des Jahres noch ­erfolgen. Sehr schnell seien Gegenmaßnahmen aber nicht möglich, sagt Ralph Schuster. Von der Bestellung eines Rettungswagens bis zur Auslieferung dauere es ein Jahr. Und weil es bald nur noch Notfallsanitäter in den Fahrzeugen geben soll, deren Ausbildung drei Jahre dauert, aber keine Rettungsassistenten mehr, die zwei Jahre ausgebildet wurden, gebe es derzeit einen Personalmangel, so der DRK-Rettungsdienstleiter. Dabei habe man auf die jährlich zehn Ausbildungsplätze in Stuttgart 450 Bewerber.

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