In Baden-Württemberg sind die Anforderungen strenger als in einigen anderen Ländern Foto: Fotolia/Kahlmann

Bei den Abiturnoten gibt es große Unterschiede zwischen den Ländern. Das kann sich bei der Vergabe von Studienplätzen für Bewerber aus dem Südwesten nachteilig auswirken.

Stuttgart - Ginge es nach Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth, würden die sächsischen Leistungsanforderungen für alle Gymnasiasten in Deutschland verbindlich. Schülervergleichsstudien wie Pisa oder Timss zeigen, dass in einigen Bundesländern die 15-Jährigen weit ihren Altersgenossen in anderen Ländern hinterherhinken. Werden hingegen die Abiturnoten verglichen, dann schneiden teilweise die Länder mit geringeren Anforderungen besser ab. Weil es bei der Bewerbung um einen Studienplatz auch auf die beiden Ziffern hinter dem Komma ankomme, seien Abiturienten aus Ländern mit höheren Anforderungen zum Teil benachteiligt, befürchten Eltern.

Im vergangenen Jahr erreichten die Abiturienten in Thüringen einen Notenschnitt von 2,17, in Niedersachsen schnitten sie mit 2,61 ab. Baden-Württemberg liegt mit einem Durchschnitt von 2,46 auf Platz 12. Würde man nur die allgemeinbildenden Gymnasien berücksichtigen, läge der Südwesten auf Platz sechs. Dass die Durchschnittsnoten so unterschiedlich sind, hängt vor allem damit zusammen, dass der Anteil der Einser-Abiturienten stark variiert. In Thüringen ­erreichten 37,8 Prozent der Abiturienten einen Notenschnitt von 1,0 bis 1,9, Bayern liegt mit einem Anteil von Einser-Absolventen von 27,3 Prozent auf Platz zwei, ­Baden-Württemberg mit 22,5 Prozent auf Platz 13. Beim Schlusslicht Niedersachsen sind nur 15,6 Prozent der Abiturienten besser als 2,0.

Große Unterschiede gibt es auch bei den Durchfallern. Die wenigsten verzeichnet mit 1,3 Prozent Rheinland-Pfalz, die meisten mit 6,5 Prozent Mecklenburg-Vorpommern. Im Südwesten schafften 2,8 Prozent die Abiturprüfung nicht.

Neu sind diese gravierenden Unterschiede nicht. Schon 2006 war Thüringen mit einem Abiturschnitt von 2,33 Spitzenreiter unter den Bundesländern. Auch in anderen Bundesländern haben sich die Abiturnoten auffällig verbessert. Seit 2006 erhöhte sich der Anteil der Abiturzeugnisse mit einem Schnitt von 1,0 bundesweit um 40 Prozent. Von Verbesserungen ausgenommen sind nur Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern. Im Südwesten hat sich der Schnitt sogar leicht verschlechtert – von 2,38 im Jahr 2006 auf 2,40 an den allgemeinbildenden Gymnasien.

Nach Angaben des Statistischen Landesamts schwanken die Werte im Südwesten seit 1990 zwischen 2,42 und 2,29 an den allgemeinbildenden Gymnasien, an den beruflichen Gymnasien zwischen 2,64 und 2,55. Die Schüler der beruflichen Gymnasien kommen von vielen unterschiedlichen Schulen – etwa Realschulen, Hauptschulen und Berufsfachschulen und bringen oft ungünstigere Voraussetzungen mit als die­jenigen, die nach der Grundschule direkt auf ein allgemeinbildendes Gymnasium ­wechselten.

Dass die Abiturnoten nicht vergleichbar seien und dass das problematisch sei, sei den Kultusministern bewusst, sagte Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD). Um die Prüfungen vergleichbar zu machen, haben die Kultusministerkonferenz einen Aufgabenpool beschlossen. Damit soll sichergestellt werden, dass ab 2017 die Prüfungsaufgaben etwa gleich schwer sind und nach gleichen Maßstäben bewertet werden. „Wir wollen unsere Schüler nicht benachteiligen, aber wir möchten auch nicht unser Niveau senken“, so Stoch.

„Die relativ stabilen Abiturnoten im Südwesten sind eine Folge davon, dass auch die Anforderungen am Gymnasium stabil sind“, sagte Bernd Saur, Landeschef des Philologenverbands, kürzlich. In anderen Ländern seien die Leistungsansprüche hingegen reduziert worden. Der Deutsche Philologenverband sprach im vergangenen Jahr von einer „Noteninflation“. Dieselben Leistungen würden heute vielerorts besser bewertet als früher. Damit wollten manche Landesregierungen erreichen, dass Eltern und Schüler die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre akzeptieren. Durch diese Entwicklung werde das Abitur immer mehr entwertet. Das schade den Studenten. Trotz guter Noten würden sie den Ansprüchen der Hochschulen nicht gerecht. Benachteiligt würden aber auch die Abiturienten aus Ländern mit strengeren Maßstäben bei der Vergabe von Studienplätzen. Nur in Fächern mit einer zentralen Zulassungsbeschränkung wie etwa Medizin gibt es Quoten für die einzelnen Bundesländer.

Bei anderen Fächern könnten Schüler aus manchen Ländern Vorteile gegenüber Bewerbern aus anderen Ländern haben, sagt auch Manfred Prenzel, Vorsitzender des Wissenschaftsrats, dem „Spiegel“. Solange jeder sein Wunschfach studieren könne, sehe er darin kein Problem – beim Studienort dürfe man Flexibilität erwarten. Wenn Hochschulen wirklich die Besten wollten, dürften sie sich eben nicht allein auf die Abiturnote verlassen.

Die guten Noten verdankten die Thüringer nicht reduzierten Anforderungen, sondern einer verlässlichen Politik – anders als in den anderen Ländern blieb es nach der Wende beim achtjährigen Gymnasium. Auch haben die Grundschüler wöchentlich zwei Stunden mehr Pflichtunterricht als etwa die Grundschüler im Südwesten.

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